"Maria Stuarda" im Theater an der Wien: Endstation Kopflosigkeit

    21. Jänner 2018, 17:48
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    Christof Loy setzt auf Bühnenleere und die Intensität von Marlis Petersen und Alexandra Deshorties

    Wien – Auf der Kreisfläche ist das Entzücken groß – ein Heiratsantrag ereilt Elisabetta aus Frankreich. Mal sehen. Das Geschäft der Macht jedoch schenkt dem monarchischen Innenleben keinen Dauerfrieden, im Kreise ihrer Unterwürfigen nagt an Elisabetta ein unvollendetes Werk: Soll es eines der Güte oder eines der Rache sein? Ist Gnade dem Machterhalt dienlich; ist Gnade, die es Konkurrentin Maria Stuarda zu gewähren gäbe, nur Schwäche? Solch Entscheidungsfragen lasten auf Elisabetta schwerer als die ausladenden Formen ihres Reifrocks.

    Um die Faktenlage zu klären, lässt sich Elisabetta herab, diese Maria zu treffen. Regisseur Christof Loy, der virtuose Psychologe, der Seelenvorgänge subtil und klar szenisch zu zeichnen versteht, lässt die Begegnung der Damen zum Pas de deux psychologischer Feinheiten werden. Im Korsett des Misstrauens gefangen, begegnet Elisabetta Marias anfänglichem Flehen distanziert. Ihre Unterwürfigkeit hält Maria denn auch nicht lange durch. Schließlich beschenkt sie die Monarchin mit einem öffentlichen Schimpfmonolog. Affront total.

    Etwas zum Schwärmen

    Marlis Petersen (als Maria Stuarda) und Alexandra Deshorties (als Elisabetta) sind bei Loy ein nie derb aufeinanderprallendes Hassduo der Kontraste. Petersens Stimme ist von einer lyrischen Grundtönung, die dem Charakter der Figur etwas Schwärmerisch-Romantisches verleiht. Nachdem offenbar ihr Timbre nichts gefährden kann, bleiben jedoch selbst Koloraturen wie auch die dramatischen Ausbrüche bei Petersen klangvoll und klar. Grandios.

    Etwas herber Deshorties' Stil. Mag ihr Timbre mitunter so etwas wie leicht rostigen Charme entfalten, sind Intensität und Unmittelbarkeit der Phrasen über alle Zweifel erhaben. Und all dies passt ideal zu einer zur Härte neigenden Machtdame.

    Immerzu aber dreht sich – während es langsam Richtung Todesurteil geht – diese kreisrunde Holzfläche (Ausstattung: Katrin Lea Tag). Als wäre sie eine Art Jahrhunderteuhr, deren imaginäre Zeiger in Jahrzehnten springen, tragen die Protagonisten historische Kostüme. Nach und nach rückt das Geschehen modisch jedoch in die Gegenwart. Elegant.

    Plakative Pointe

    Dass Elisabetta am Schluss allerdings mit einer Axt über – ihre Kopflosigkeit erwartende – Maria stehen muss, gehört zu den misslungenen, da doch sehr plakativen Pointen dieser delikat stilisierten Inszenierung. Wie Loy den glänzenden Schönberg-Chor führt, mitunter zum dynamischen Organismus formt und also nichts Gestisches dem Zufall überlässt, belegt aber die Meisterschaft seines Handwerks. Nur bei den männlichen Zeugen und Teilnehmern dieses Kräftemessens zweier Frauen hätte das Handwerk etwas stärker zupacken können.

    Auch vokal waren u. a. Norman Reinhardt (als Leicester) und Stefan Cerny (Talbot) eher nur solide unterwegs. Selbst ihnen war das Radiosymphonieorchester Wien unter Paolo Arrivabeni ein verlässlicher Begleiter, dem es an echter Impulsivität fehlte. Dennoch Applaus. Nur für Loy gab es ein paar Buhs – vielleicht ärgerte die Tatsache, dass die Drehbühne gerne und konsequent knisternde Geräusche von sich gegeben hatte. (Ljubisa Tosic, 22.1.2018)

    Am 23., 26., 28. und 30. 1.

    • Ein Belcanto-Gespräch, das sehr schnell ins Unfreundliche kippt: Marlis Petersen (Maria Stuarda, re.) und Alexandra Deshorties (Elisabetta)
      foto: apa/monika rittershaus

      Ein Belcanto-Gespräch, das sehr schnell ins Unfreundliche kippt: Marlis Petersen (Maria Stuarda, re.) und Alexandra Deshorties (Elisabetta)

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