Langzeitarbeitslose: "Vielleicht braucht mich Österreich nicht"

Reportage20. Jänner 2018, 09:00
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In der Werkstatt "Rusz" in Wien reparieren sechzehn ehemalige Langzeitarbeitslose alte Elektrogeräte

Wien – Schraubenzieher, Kabel, Nägel und Leiterplatten liegen auf dem Tisch verstreut, daneben stehen auseinandergenommene Radios, Waschmaschinen und Geschirrspüler: Die Werkstatt wirkt wie ein Paradies für Hobbybastler, für Ronald Berwein ist sie der tägliche Verdienst.

"Heb auf! Hooruck!" Mit beiden Händen fasst Berwein unter den Geschirrspüler und hebt ihn auf seine Arbeitsfläche. "Schauen wir uns das Ding einmal an." Berwein zieht die einzelnen Körbe aus der Maschine, schraubt die Bleche an der Außenseite weg und blickt in das Innere des Geräts, das aus verzweigten Rädchen und Kabeln besteht. "Häufig ist die Waschpumpe undicht", sagt Berwein und zeigt auf ein paar faustgroße Pumpen, die er auf dem Tisch bereitliegen hat. "Ein einfacher Austausch, und das Ding läuft wieder wie neu."

foto: robert newald
"Der Chef sagte zu mir: 'Abuelgasim, du bleibst bei uns!' 'Das ist sehr gut!', habe ich geantwortet." Abuelgasim Ibrahim hat seit vergangenem Jahr wieder einen Job als Reparateur und Kundenberater.

"Ablasshandel" für die Leute

Die Werkstatt, in der Berwein arbeitet, nennt sich Rusz und befindet sich etwas versteckt in einem Hinterhof in Wien-Penzing. Gleich beim Eingang stehen circa zehn Miele-Waschmaschinen nebeneinander, dahinter ein langer Tresen, an dem alle paar Minuten ein Kunde einen alten Mixer, ein Radio oder andere kleinere Elektrogeräte vorbeibringt. "Die Leute haben ein gutes Gefühl, die alten Geräte zu spenden, anstatt sie wegzuschmeißen. Das ist ein bisschen wie Ablasshandel", sagt Sepp Eisenriegler, Gründer und Chef der Reparaturwerkstatt.

Seit 1998 gibt es das Rusz in Wien, man verstehe sich als Sozialunternehmen, so Eisenriegler. Insgesamt 20 Mitarbeiter sind bei dem Betrieb beschäftigt, 16 von ihnen ehemalige Langzeitarbeitslose, die täglich ausrangierte Waschmaschinen, Geschirrspüler oder Radios auseinandernehmen und versuchen, diese zu reparieren. 30 Prozent der Geräte könne man wieder herrichten und verkaufen, meint Eisenriegler.

foto: robert newald
Sepp Eisenriegler leitet das Rusz als "Sozialunternehmen".

Alte durch Junge ersetzt

Auch Berwein kam vor einem Jahr als Langzeitarbeitsloser zum Rusz. Davor war er zwanzig Jahre als Techniker in der Autobranche tätig, kontrollierte bei VW, Audi, Toyota und Mitsubishi die Elektrik. "Es hat mir schon immer getaugt anzupacken ", sagt Berwein. Der 44-Jährige spricht mit tiefer Stimme, hat breite Schultern, große Hände und trägt Blaumann-Arbeitshosen. Inmitten der Wirtschaftskrise 2012 habe sein Unternehmen massenweise Stellen abgebaut, viele Alte seien durch Junge ersetzt worden. Auch Berwein musste gehen.

"Ich hätte mir damals nie gedacht, dass es so schwierig sein würde, etwas Neues zu finden", sagt er. Er habe jeden Tag in seiner Wohnung in Wien im Internet recherchiert, 60 Bewerbungen im Monat geschrieben. Keine Antwort, kein Bewerbungsgespräch. "Ich habe angefangen, die Wohnung öfter zu putzen, mehr fernzusehen." Irgendwann wisse man nicht mehr, was mit einem anzufangen ist. "Die Zeit läuft an dir vorbei, und du weißt, du hast heute nichts Produktives geleistet."

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Ronald Berwein möchte bis zu seiner Pension in dem Betrieb bleiben, denn "es wird sicher nicht einfacher, einen neuen Job zu finden."

Schließlich habe er beim AMS eine Computerschulung gemacht und sei bei einer Sicherheitsfirma untergekommen. Sieben Tage die Woche habe er dort gearbeitet, nach fünf Monaten habe er es nicht mehr ausgehalten. "Ein Bürojob ist nichts für mich."

In einem dreimonatigen Arbeitstraining kam Berwein vergangenes Jahr zum Rusz und wurde danach als Vollzeitmitarbeiter angestellt. Heute arbeitet er 38 Stunden von Montag bis Freitag in der Werkstatt und freut sich, endlich wieder Hand anzulegen, wie er sagt.

"Viele haben hohe Schulden"

Bis 2007 war das Rusz als sozialökonomischer Betrieb im Auftrag des AMS tätig, seitdem führt Eisenriegler den Betrieb in Eigeninitiative, wie er erklärt. Als sogenannte Transitarbeitskräfte vermittelt das AMS vor allem Langzeitarbeitslose an Betriebe wie das Rusz. Sie sollen in einer Übergangsphase auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet werden und maximal zwölf Monate in dem Betrieb arbeiten. Das AMS übernimmt bis zu zwei Drittel der Personalkosten, den Rest muss das Unternehmen erwirtschaften. Rund 20.000 Personen waren 2016 in Österreich in diesen zeitlich befristeten Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Eisenriegler meint, er könne 75 Prozent seiner Arbeitskräfte wieder in ein normales Dienstverhältnis vermitteln.

Allerdings gebe es auch Schwierigkeiten. "Viele waren mehr als sechs Jahre ohne Job, haben hohe Schulden oder schlechte Deutsch-Kenntnisse." Die Mitarbeiter müssen sich erst wieder an die Routine gewöhnen und lernen, pünktlich zu kommen. Zudem bekämen Langzeitarbeitslosen vom AMS zwar eine zweijährige Facharbeiterintensivausbildung zum Mechatroniker beim BFI bezahlt, hätten danach aber meist keine Praxis in dem Job, meint Eisenriegler.

Branchenerfahrung gesucht

Auch Abuelgasim Ibrahim machte über das AMS beim BFI eine Ausbildung zum Elektrotechniker. Der 50-Jährige war vor zehn Jahren aus dem Sudan geflüchtet und hatte in Österreich um Asyl angesucht. Er brachte ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre mit, das in Österreich aber niemand anerkannte. Bis er 2013 seinen positiven Asylbescheid bekam, lernte Ibrahim Deutsch und reinigte für die MA 48 die Straßen. Danach war er beim AMS als arbeitslos gemeldet. "Ich habe viele Bewerbungen geschrieben und oft angerufen, aber immer hieß es, man suche Branchenerfahrung. Ich habe mir gedacht: Vielleicht braucht mich Österreich nicht."

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Es sei wichtig, an der Gesellschaft teilzunehmen, sagt Abuelgasim Ibrahim, der mit seiner Familie in Wien wohnt.

Über einen Bekannten erfuhr Ibrahim von Rusz und bekam dort einen dreimonatigen Praktikumsplatz zugewiesen, der in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis mündete. Jetzt schraubt er 38 Stunden die Woche an Geschirrspülern und Waschmaschinen oder berät Kunden. "Es gibt viel zu tun", sagt Ibrahim mit einem Lächeln, "aber das macht überhaupt nix." (Jakob Pallinger, 20.1.2018)

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