Salzburger Zentrum ist eine Stadt ohne Bewohner

21. Jänner 2018, 11:20
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Ein Tourismusrekord jagt den anderen, Einheimische leben in der Stadt so gut wie keine mehr

Salzburg – Der Salzburger Stadttourismus boomt wie nie zuvor: 2017 hat die Nächtigungszahl erstmals die Drei-Millionen-Marke übersprungen. Exakt 3.043.552 Nächtigungen wurden vergangenes Jahr registriert, ein Plus von mehr als sieben Prozent. Noch deutlicher wird der Zuwachs im Langzeitvergleich. Die drei Millionen Nächtigungen 2017 sind gegenüber 2002 ziemlich genau eine Verdoppelung. Die rund 800 Airbnb-Wohnungen sind in dieser Statistik übrigens nicht erfasst.

Und weil die Zahl der Gästebetten in den vergangenen 15 Jahren um "nur" 32 Prozent zunahm, gibt es auch bei der Auslastung ein großes Plus. Die Zimmer waren über das Jahr gesehen zu 80 Prozent belegt, die Betten zu 60 Prozent. "Anders gesagt, die Hotels waren an 290 Tagen im Jahr gefüllt", sagte Tourismusdirektor Bert Brugger.


Der Nächtigungsrekord ist aber nur eine Seite der aus Altstadt, Mozart, Festspielen, Christkindlmarkt und Sound of Music bestehenden Fremdenverkehrsmaschine Salzburg. Auch die Zahl der Tagestouristen explodiert. Rund 50.000 Reisebusse steuern im Jahr Salzburg an. Zu Spitzenzeiten – etwa zur Zeit des Christkindlmarkts, der etwa 1,3 Millionen Besucher verzeichnet – entlassen die Busse ihre Gäste am Terminal in der rechten Altstadt im Minutentakt. Demnächst soll ein Online-Buchungssystem wenigstens die Busstaus vermindern. An eine Erhöhung der Busgebühr von nur 24 Euro pro Einfahrt in die Stadt ist nicht gedacht.

Insgesamt schätzt man die Zahl der Tagestouristen auf mehr als neun Millionen pro Jahr. Zum Vergleich: Salzburg hat rund 150.000 Einwohner. Wobei im geschützten Altstadtbereich nur noch etwas mehr als 10.000 Menschen wohnen. Noch krasser ist die Entvölkerung im touristischen Herz der Stadt: Nach einer Standard-Recherche vom Dezember sind im Festspielbezirk nur noch 54, im Domviertel nur 73 Menschen gemeldet.

Mehr Parkplätze

Die Stadtpolitik weiß um das Problem, fühlt sich aber machtlos. "Wir müssen die Stimmung in der Bevölkerung ernst nehmen, denn der Tourismus darf die Akzeptanz nicht verlieren", sagt Bürgermeister Harald Preuner (ÖVP). Gegen die Abwanderung aus der Touristenzone könne er aber wenig unternehmen. Man lebe in einer Marktwirtschaft. Wenn jemand ein Altstadthaus kaufe, habe er eine gute Immobilie, entsprechend seien die Mietpreise.

Preuners Partei, die ÖVP, hat schon einen Lösungsansatz: "Die Altstadt als Wohnort steht und fällt mit der Zahl an Bewohnerparkplätzen", sagt Gemeinderatsklubobmann Christoph Fuchs. Er fordert neue Stadtgaragen.

Altstadtschutz

Schaut man in die Stadtchronik, erkennt man rasch, dass die aktuelle Debatte um das Sterben der Altstadt ihre Wurzeln schon in den 1980er-Jahren hat: Damals versuchten die Politiklegenden Johannes Voggenhuber und Herbert Fux, die Aushöhlung der Häuser und die Umgestaltung der Altstadt in ein potemkinsches Dorf zu verhindern. Teilweise mit Erfolg: Salzburg erhielt ein rigides Altstadtschutzgesetz. Die Preisspirale bei den Mieten und die Übernahme von Geschäften durch internationale Handelskonzernen konnte das nicht stoppen. (Thomas Neuhold, 20.1.2017)

  • Die Salzburger Postkartenansicht lockt neun Millionen Tagestouristen pro Jahr an.
    foto: thomas neuhold

    Die Salzburger Postkartenansicht lockt neun Millionen Tagestouristen pro Jahr an.

  • Johannes Voggenhuber und Herbert Fux haben schon vor Jahrzehnten gegen das Sterben der Salzburger Altstadt gekämpft – vergeblich.
    foto: bürgerliste

    Johannes Voggenhuber und Herbert Fux haben schon vor Jahrzehnten gegen das Sterben der Salzburger Altstadt gekämpft – vergeblich.

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