Private Sales: Kunstdeals unter Milliardären

    23. Jänner 2018, 12:14
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    Die von renommierten Kunsthändlern eingefädelten Private Sales gelangen nur sporadisch an die Öffentlichkeit

    Theoretisch war der Arbeitstag zu Ende, praktisch wartete auf Tobias Meyer noch ein Abendtermin bei einer Sammlerin. Leere Kilometer? Womöglich. Ein paar Drinks und Fachsimpeleien über ihre wenig spektakuläre Kollektion später betritt er sein Hotelzimmer. Das Telefon läutet. Nochmals die Sammlerin: Ihr Neffe besäße einen Warhol, eine Marilyn vor orangem Hintergrund – wohl für eine Auktion nicht geeignet?

    Ein Irrtum. Für Meyer ist es eine Ikone des 20. Jahrhunderts, und er beginnt zu kalkulieren. Auf Basis des damaligen Warhol-Rekords scheinen vier, ja sechs Millionen Dollar realistisch. Die Kundin verabschiedet sich: "Wir werden sehen ..." Drei lange Monate übt man sich im New Yorker Headquarter von Sotheby's in Geduld. Dann wird ein Anrufer durchgestellt: "Ich bin der Besitzer der ,Orange Marilyn'. Wann könnten Sie nach Deutschland kommen?" "Morgen", antwortet Meyer knapp und buchte den Flug.

    foto: picturedesk/sotheby's
    "Orange Marilyn" wechselte für 250 Mio. Dollar in die Sammlung eines Hedgefondsunternehmers.

    Im Mai 1998 kam das Werk zur Auktion. Binnen weniger Minuten trieben fünf Bieter den Preis von vier auf 17,32 Millionen Dollar. Meyer donnerte sein verstümmeltes Auktionshämmerchen, den sogenannten Gavel, auf das Pult. Verkauft – für einen neuen Auktionsrekord weltweit. Längst ist dieser Geschichte: 2007 wurde er erstmals übertrumpft (Green Car Crash 71,72, Christie's New York), der vorläufige liegt bei 105,44 Millionen Dollar, die Meyer im November 2013 bei Sotheby's einem anonymen Telefonbieter für Silver Car Crash (Double Disaster) abknöpfte.

    Diese Auktionsrekorde fungieren als internationale Benchmarks, wenngleich ihre Bedeutung für die diskret hinter den Kulissen abgewickelten Private Sales eher marginaler Natur zu sein scheint. Solche Deals gelangen nur sehr sporadisch an die Öffentlichkeit, ihre kolportierte monetäre Größenordnung noch sehr viel seltener.

    Diskret hinter den Kulissen

    An der Spitze (siehe Tabelle unten) steht Willem de Koonings Interchange, das der US-amerikanische Hedgefondsunternehmer (Citadel Investment Group) Kenneth Griffin im Herbst 2015 für 300 Millionen Dollar aus der Stiftung des Musik- und Filmproduzenten David Geffen erwarb. 1989 hatte das Gemälde aus dem Jahr 1955 bei Sotheby's in New York "nur" 20,68 Millionen Dollar gekostet.

    grafik: standard

    Der aktuellste Deal rangiert auf Platz drei und betrifft eingangs erwähnte Orange Marilyn. Zuletzt war sie im Besitz des Verlegers Samuel Irving, genannt "Si", Newhouse. Er verstarb im Oktober 2017 im Alter von 89 Jahren und hinterließ eine hochkarätige Kunstsammlung.

    Als Berater holten die Hinterbliebenen noch im gleichen Monat niemand Geringeren als Tobias Meyer, der sich Ende 2013 aus dem Auktionsbusiness zurückgezogen hatte und seither als "Private Dealer" aktiv ist. Kaum engagiert, verkaufte er den Warhol für 250 Millionen Dollar an Kenneth Griffin. Im Vergleich dazu nehmen sich 183 Millionen Dollar für Gustav Klimts Wasserschlangen II (1904/07) fast schon bescheiden aus; detto die 150 Millionen Dollar, für die Oprah Winfrey dessen Porträt von Adele Bloch-Bauer II (1912) an einen chinesischen Sammler verkaufte, wie 2017 bekannt wurde.

    Flöttls Picasso

    Die aus heimischer Sicht bitterste Pille lauert auf Platz sieben: Picassos Le Rève, ein Gemälde, das einst im Besitz von Wolfgang Flöttl war und in der Vergangenheitsbewältigung der Bawag eine Rolle spielte. "Mr. Flottl", wie er in den USA genannt wird, hatte Teile seiner Kunstsammlung auf Pump erworben.

    Um diese zu verwerten, musste die Bawag diese Schulden tilgen. Die Erlöse aus den Verkäufen überwies Flöttl nach Wien. Das Picasso-Bild verkaufte er für siebzig Millionen Euro an den Kasinomagnaten Steven Wynn, der es 2013 an den einst mächtigsten Aktienhändler, Steven A. Cohen, abtrat: für 155 Mio. Dollar und damit mehr als das Doppelte des einst der Bawag überwiesenen Betrags. (Olga Kronsteiner, 21.1.2018)

    Update (23.1.): Die Tabelle wurde überarbeitet.

    • Willem de Koonings "Interchange" (1955) wurde 1989 bei Sotheby’s in New York für 20,68 Millionen Dollar versteigert. 2015 wechselte es über einen Private Sale für 300 Millionen Dollar in die Sammlung des Hedgefondunternehmers Kenneth Griffin.
      foto: standard, screenshot „artprice“

      Willem de Koonings "Interchange" (1955) wurde 1989 bei Sotheby’s in New York für 20,68 Millionen Dollar versteigert. 2015 wechselte es über einen Private Sale für 300 Millionen Dollar in die Sammlung des Hedgefondunternehmers Kenneth Griffin.

    • Pablo Picassos "Le Reve" (1932) hat eine abwechslungsreiche Besitzerchronik vorzuweisen: Ursprünglich stammte es aus der Sammlung von Victor und Sally Ganz, die das Gemälde 1941 für 7000 Dollar erwarben. 1997 gelangte es bei Christie’s (New York) zur Auktion, wo es Wolfgang Flöttl für 48 Millionen Dollar ersteigerte. Er verkaufte das Werk für 70 Millionen an Casinomagnat Steven Wynn, der es 2013 schließlich für 155 Millionen Dollar an Steven A. Cohen weiterreichte.
      foto: christie’s

      Pablo Picassos "Le Reve" (1932) hat eine abwechslungsreiche Besitzerchronik vorzuweisen: Ursprünglich stammte es aus der Sammlung von Victor und Sally Ganz, die das Gemälde 1941 für 7000 Dollar erwarben. 1997 gelangte es bei Christie’s (New York) zur Auktion, wo es Wolfgang Flöttl für 48 Millionen Dollar ersteigerte. Er verkaufte das Werk für 70 Millionen an Casinomagnat Steven Wynn, der es 2013 schließlich für 155 Millionen Dollar an Steven A. Cohen weiterreichte.

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