"Wien um 1900": Glanz und Glamour der Gesättigten

    19. Jänner 2018, 08:00
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    Die "Wien um 1900"-Festspiele beginnen im Leopold-Museum: Die großen Künstler jener Periode sind die Erfolgsmarke des Hauses, die man nun auch ungebrochen ausspielt

    Wien – "Der Raum ist 6,16 Meter lang, 2,55 Meter breit und 2,12 Meter hoch", das ergebe 33,326 Kubikmeter Luft für zehn Personen. In Form einer Rechnung veranschaulichte Max Winter, Begründer der Sozialreportage, Anfang des 20. Jahrhunderts den Lesern der Arbeiterzeitung die Wohnsituation der "körperlich verkommenden" Ärmsten. Seine Devise war, die sozialen Zustände "ungeschminkt und hart, wie das Leben der arbeitenden Massen des Volkes ist", zu zeigen.

    Max Winter nächtigte im Obdachlosenasyl, besuchte Bewohner des Wienflusstunnels, war Eisenbahner am Westbahnhof oder ein sogenannter Bettgeher. Winter notierte: "Mit müdem, trägen Schritt schleicht er die Straße entlang. Die Elendsexistenz eines Trambahnkondukteurs kommt ihm, dem hungergeplagten Obdachlosen, wie das Wohlbehagen des Gesättigten vor."

    Auch das ist Wien um 1900. Die ebenso Belle Époque genannte Periode von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg war eine Zeit des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs in den europäischen Kernländern, also auch in Österreich-Ungarn. In Konsequenz der zweiten Industrialisierungswelle wuchsen die urbanen Ballungsräume rasant, Wohnraummangel und soziales wie gesundheitliches Elend folgten.

    Realität oder Glamour

    Wäre es da allzu originell, zwischen all die goldene Klimt-Heiligkeit und den exklusiven Prunk der Wiener-Werkstätten-Huldigung im Jahr 2018 auch solche Töne zu mischen? Texte über die Lebensrealität der Masse oder sozialdokumentarische Fotografien neben dem Glanz des reichen, kunstsinnigen Großbürgertums hörbar und anschaulich zu machen?

    Im Leopold-Museum, wo das Wien um 1900 aufgrund reicher Sammlungsbestände namhafter Künstler jener Zeit ohnehin jahrein, jahraus eine touristische Pilgerstätte ist, entschloss man sich gegen solche Kontraste und für ungebrochenen Glamour sowie die Kraft des Altvertrauten. Aus der Sicht eines Kunstmuseums ist das nicht falsch oder erstaunlich, mutig ist es allerdings auch nicht. Der museale Auftakt des Gedenkjahrs zur Wiener Moderne (1918 starben Gustav Klimt, Koloman Moser, Egon Schiele und Otto Wagner) schöpft also aus den reichen Kollektionen des Hauses.

    foto: leopold museum, wien
    Koloman Moser, "Semmeringlandschaft bei Sonnenuntergang", 1913.

    Art Director der Secessionisten

    Besonders feiert man in der Präsentation Wien um 1900. Klimt – Moser – Gerstl – Kokoschka jedoch in einem wahrlich prächtigen Saal Koloman Moser. "Kolo Moser ist Wien um 1900. Er und Klimt sind die größten Künstler dieses Zeitalters, sie prägten diese Epoche", sagt die fast 92-jährige Elisabeth Leopold mit beeindruckender Euphorie. War Klimt der erste Präsident der Wiener Secession, so war Moser quasi ihr Art Director, gestaltete das Organ der Gruppe, das Magazin Ver Sacrum, und verantwortete oft das Design der Ausstellungen, die seit 1898 unter dem "Krauthappel" stattfanden.

    foto: leopold museum, wien
    Koloman Moser, Plakat für die XIII. Ausstellung der Wiener Secession, 1902.

    Präsentiert wird etwa das den Jugendstil schier in Reinform atmende Plakat für die XIII. Ausstellung der Künstlervereinigung. Darauf zu sehen: drei linear wie Kerzen mit Flammenköpfen aufragende, elegante Frauenfiguren. Dazu Entwürfe der 1903 gemeinsam mit Josef Hoffmann gegründeten Wiener Werkstätte: Möbel, Gläser, Vasen, Silber – reduzierte Formen, reiches Ornament, edelstes Handwerk. In Mosers Gemälden ab 1913 wird das faszinierende, an Ferdinand Hodler geschulte Spiel mit farbigen Schatten auf pastelligen, von dunklen Linien eingefassten Körpern nachvollziehbar.

    foto: leopold museum, wien
    Koloman Moser, Intarsierter Schrank aus dem Schlafzimmer der Wohnung Eisler von Terramare, 1903. Später diente er auch Elisabeth Leopold als Kleiderschrank, die langezeit keinen adäquaten Ersatz für ihn fand: "Wohnen anno 1903" von Olga Kronsteiner

    Verlieren kann sich das Auge auch in den Farbfontänen von Klimts Großer Pappel II oder dem lichten, sonnengeküssten Türkis von Am Attersee (1900). Derart mit farbigen Strahlen eingelullt, scheinen einem die Säle zu Kokoschka und Gerstl beinahe wie trübe Anhängsel. Insgesamt aber überwiegt schwelgerisches Vergnügen. (Anne Katrin Feßler, 19.1.2018)

    foto: leopold museum, wien
    Gustav Klimt, "Aufziehendes Gewitter (Die große Pappel ll)", 1903 .

    foto: leopold museum, wien
    Gustav Klimt, "Am Attersee", 1900.
    foto: leopold museum, wien
    Oskar Kokoschka, "Tre Croci – Dolomitenlandschaft", 1913.

    foto: leopold museum, wien
    Richard Gerstl, "Selbstbildnis als Akt", 1908.

    Leopold-Museum, bis 10. Juni

    • Ein Licht- und Schattentraum: Zitronengelbes Strahlen, so als ob von Koloman Moser "Venus in der Grotte" ein engelsgleiches Strahlen ausgehen würde.
      foto: leopold museum/ manfred thumberger

      Ein Licht- und Schattentraum: Zitronengelbes Strahlen, so als ob von Koloman Moser "Venus in der Grotte" ein engelsgleiches Strahlen ausgehen würde.

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