Kinderkriegen in Frankreich als Staatsaffäre

19. Jänner 2018, 13:00
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Einst hatte das Land die höchste Geburtenrate Europas, nun gibt es einen Rückgang, den auch Einwanderinnen nicht wettmachen können

Zumindest beim Kinderkriegen ist der französische Nationalstolz angekratzt. Seitdem das Statistikamt Insee diese Woche die neuesten Geburtenzahlen publiziert hat, geht ein Lamento durchs Land: Nur noch 767.000 Geburten waren in Frankreich 2017 zu verzeichnen, 17.000 weniger als im Jahr davor. Auf die drei letzten Jahre resultiert gar ein Rückgang von 50.000 Geburten.

Denn die Baisse des abgelaufenen Jahres ist nicht die erste, sondern die dritte in Serie. Vor 2015 war Frankreich in Kontinentaleuropa unumstrittener Leader bei der Geburtenrate gewesen. Noch nach der Finanzkrise von 2008 hatte sie bei über zwei Kindern pro Frau im Gebäralter gelegen. Jetzt bringen Französinnen im Schnitt "nur" noch 1,88 Sprösslinge auf die Welt. Das liegt noch über dem EU- oder dem österreichischen Schnitt von rund 1,5 Kindern pro Frau.

Aber der Trend der letzten drei Jahre zeigt in Frankreich klar nach unten. Der Nationalstolz ist auch deshalb getroffen, weil die bisherige Annahme, Frankreich (67,2 Millionen Einwohner) werde Deutschland (82,5 Millionen Einwohner) in einem halben Jahrhundert als bevölkerungsreichstes Land Europas ablösen, wieder in weite Ferne rückt.

Gute Patriotinnen

Auf dem Prüfstand ist mit einem Mal die vielgerühmte und generöse Familienpolitik der Grande Nation. Frankreich hatte das Kinderkriegen schon vor einem Jahrhundert zur Staatsaffäre erklärt, um den hohen Blutzoll des Landes in den letztlich zwei Weltkriegen wettzumachen. Überall entstanden Krippen und Tagesschulen für – teils erst sechs Monate alte – Kleinkinder. Deren werktätige Erzeugerinnen galten auch nie als schlechte Mütter, sondern als gute Patriotinnen.

Zudem schießt der Staat auf verschiedenste Weise viel Geld in die Familienpolitik ein – heute zusammengenommen 60 Milliarden Euro. Kinderzulagen und Familienbeiträge, Steuervorteile und subventionierte Elternurlaube, Wohnhilfen und Reisevergünstigungen – nichts blieb unversucht, um die Einwohnerzahl anzukurbeln.

Gleiche Unterstützung für alle

Bloß hat Frankreich nicht mehr die Mittel dazu. Der Geograf Laurent Chalard rechnete diese Woche vor, dass seit 2005 landesweit nur 50.000 neue Krippenplätze entstanden seien, während Deutschland im gleichen Zeitraum deren 400.000 erstellt habe. Deutsche Mütter würden heute gezielt unterstützt, während die Französinnen zum Teil unabhängig von ihrem Einkommen die gleichen Zulagen erhielten. Denn die Familienpolitik ist in Frankreich nicht sozial, sondern "natalistisch" orientiert, das heißt gleich für alle. Das bringt die Gefahr mit sich, dass bedürftige Mütter und Familien zu wenig unterstützt werden.

Der Abgeordnete Guillaume Chiche, zur Partei von Präsident Emmanuel Macron gehörig, schlug am Donnerstag in Vorwegnahme eines neuen Regierungsberichtes vor, mehr soziale Kriterien bei der Verteilung der Kinder- und Familienzulagen zu berücksichtigen. Das wäre aber ein Bruch mit der französischen Geburtenpolitik, ja "das Ende des französischen Modells", bedauert "Le Figaro".

Aber letztlich muss der Versuch, eine schwache Wirtschaftsleistung durch hohe Kinderzulagen zu kompensieren, zum Scheitern verurteilt sein: Damit der Staat die Familien großzügig subventionieren kann, muss er langfristig auch über die entsprechende Finanzkraft verfügen.

Anpassen an nationalen Durchschnitt

In Frankreich wurde diese Entwicklung lange Zeit wettgemacht durch die leicht höhere Geburtenrate (2,4 Kinder pro Frau) von Immigrantinnen, die in dem ehemaligen Kolonialland zahlreicher sind als in der europäischen Nachbarschaft. Laut Insee fällt dieser Umstand aber kaum mehr ins Gewicht: Schon ab der zweiten Einwanderergeneration passt sich die Kinderzahl dem nationalen Durchschnitt an.

Das beruhigt wohl etliche Franzosen, die Angst vor einer "Überfremdung" haben. Bald dürfte die Nation froh sein, wenn wenigstens noch die eingewanderten Frauen Kinder machen und die Einwohnerzahl etwas hochtreiben. Auch mit dieser Einsicht nähert sich Frankreich Ländern wie Deutschland oder Österreich an.

Mütter werden immer älter

Gemeinsam ist ihnen ferner, dass auch die kinderkriegenden Französinnen immer älter werden – im Durchschnitt bringen sie ihren Nachwuchs erst mit 30,6 Jahren auf die Welt. Jüngere Frauen sind zum Teil schlicht nicht mehr willens oder fähig, die Mittel für eine Geburt aufzuwenden. Darin zeigt sich ebenfalls, dass die französische Familienpolitik zunehmende Lücken erhält. (Stefan Brändle aus Paris, 18.1.2018)

  • Seit 2015 gibt es einen Rückgang bei der französischen Geburtenrate.
    foto: apa/dpa

    Seit 2015 gibt es einen Rückgang bei der französischen Geburtenrate.

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