Was eine "gute Geburt" ausmacht

    Rezension25. Jänner 2018, 10:52
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    Eine Geburt ist kein Honigschlecken. So viel steht fest. Ein Buch versammelt persönliche Geburtserfahrungen von acht Frauen und fragt nach den Bedingungen für eine gute Geburt

    Schwangere Frauen kennen das. In der Zeit der guten Hoffnung kann man sich den Geburtsberichten anderer Mütter kaum entziehen. Dabei sind es eher nicht die romantischen Schilderungen, die da ungefragt an jeder Ecke lauern, sondern die traumatischen. Nicht immer gelingt es, den Geschichten ganz losgelöst vom eigenen Babybauch Aufmerksamkeit zu schenken. Während positive Erzählungen bei manchen Schwangeren Druck auslösen, dass auch bei ihnen alles perfekt laufen müsse, können negative Geschichten Angst machen. Der Ablauf einer Geburt lässt sich schließlich weder planen noch vorhersehen. Aus diesen Gründen beschließen manche Frauen in dieser Zeit, sich besser keine Geburtsberichte anderer anzuhören.

    Martina Stubenschrott weiß um das Problem. In ihrem Buch "Schwangerschaft und Geburt – Frauen erinnern sich" hat sie eine Triggerwarnung eingebaut: Erstgebärenden rät sie, nur jene Geburtserzählungen zu lesen, die unter guten Bedingungen stattfanden. Stubenschrott hat acht Frauen um ihre persönlichen Geburtserlebnisse gebeten. Ungeschönt berichten diese von den existenziellen Erfahrungen des Zur-Welt-Bringens. Das Ungewöhnliche daran: Die Autorin hat die narrativen Interviews eins zu eins transkribiert und das, was ihr erzählt wurde, ohne Überarbeitung in Buchform veröffentlicht. Das ist nicht immer leicht zu lesen. Nicht jeder Satz wird zu Ende gesprochen. Manche Gedanken werden nur angerissen. Fast ist es so, als würde man diesen Frauen gegenübersitzen und persönlich den Geschichten lauschen. Das erzeugt Nähe und Authentizität, geht aber auf Kosten des Leseflusses.

    Existenzielle, außeralltägliche Erfahrung

    Eine Geburt ist kein Honigschlecken. So viel steht fest. Jede Frau und jedes Kind schreiben ihre eigene Geburtsgeschichte. Und selbst dann, wenn die gleiche Mutter mehrere Kinder bekommt, wird es jedes Mal als neu und anders erlebt. An die Erfahrung, ein Kind auf die Welt zu bringen, erinnern sich die meisten Frauen als die eindrucksvollste in ihrem Leben. Sie wird als eine den ganzen Menschen erfassende, in jedem Fall außeralltägliche Erfahrung beschrieben. Dennoch sagt eine im Buch interviewte Frau nach der zweiten Geburt: "Noch mal möchte ich das alles nicht erleben."

    Denn trotz vorbereitender Akupunktur, verabreichten Schmerzmitteln oder der Möglichkeit des Hypno-Birthing – einer ganzheitlichen Geburtsvorbereitung, basierend auf Selbsthypnose – räumt Stubenschrott ein: "Ich kenne keine Frau, die ihre Geburt ohne Schmerzen erlebte. Ich meine damit nicht, dass eine schmerzfreie Geburt unmöglich ist, sondern dass bisher nur wenige Frauen die sanfte Geburt erlebten. Wohl aber erleben Frauen Dauer und Intensität der Schmerzen sehr unterschiedlich, von gut aushaltbar bis über die bisher gekannten Grenzen hinausgehend, aber schaffbar."

    Gedanken zum Geburtsprozess

    Diese Bandbreite wird auch in Stubenschrotts Buch abgebildet: Es gibt schnelle Geburten und langwierige. Frauen gebären in öffentlichen Spitälern, Privatkliniken, Geburtshäusern oder zu Hause. Sie bringen ihre Kinder vaginal oder per Kaiserschnitt auf die Welt – unter guten Bedingungen oder schwierigen. Aber: Wo und wie Frauen gegenwärtig Kinder kriegen, ist nicht unumstritten. Auch Stubenschrott ist das nicht egal. Die Idee zu diesem Buch entstand "aus tiefer Dankbarkeit, drei gute Hausgeburten erlebt zu haben", schreibt sie. Im Kapitel "Gedanken zum Geburtsprozess" am Ende des Buches stellt sie dann die "routinemäßige medikamentöse und operative Intervention in den Geburtsverlauf auf den Prüfstand".

    "Schwangerschaft und Geburt – Frauen erinnern sich" ist kein medizinischer Ratgeber. Vielmehr möchte die Autorin, die auch als Erziehungswissenschafterin und Familienberaterin arbeitet, mehr Feinfühligkeit für Geburtsprozesse erreichen. Was sie damit meint? Unter einer "guten Geburt" versteht sie einen "ganzheitlichen Geburtsprozess", der auch die "körperliche, seelische, geistige und intuitive Ebene" umfasst. Stubenschrott: "Die gute Geburt kann eine Spontangeburt oder eine lebensrettende Kaiserschnittgeburt sein." Ihre Sammlung an subjektiven Geburtsgeschichten kann man auch als ein Plädoyer für mehr gute Geschichten über die Geburt lesen. (Christine Tragler, 25.1.2017)

    • Martina StubenschrottSchwangerschaft und GeburtFrauen erinnern sichLebensGut-Verlag 2017248 Seiten, 15 Euro
      foto: lebensgut-verlag

      Martina Stubenschrott
      Schwangerschaft und Geburt

      Frauen erinnern sich
      LebensGut-Verlag 2017
      248 Seiten, 15 Euro

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      Jede Frau und jedes Kind schreiben ihre eigene Geburtsgeschichte.

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