Wien bereitet Modellregion zur Gesamtschule vor

    18. Jänner 2018, 10:22
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    Stadtschulratspräsident Himmer kündigt eine Steuerungs- und Projektgruppe zur Vorbereitung an. Wo getestet wird, ist noch unklar

    Wien – In Wien starten demnächst die Vorbereitungen für die Einrichtung einer Modellregion zur gemeinsamen Schule. In den nächsten sechs Wochen sollen Steuerungs- und Projektgruppe, wissenschaftliche Begleitung und eine Ansprechperson nach außen stehen, kündigt Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (SPÖ) an. "Wir wollen aber nichts aus dem Ärmel schütteln, nur damit wir auch eine Modellregion haben."

    Genau wie Vorarlberg will Wien die gemeinsame Schule flächendeckend erproben. Im Unterschied zum Ländle erlaubt die gesetzliche Beschränkung auf 5.000 Schüler der AHS-Unterstufe der Hauptstadt diese Maßnahme aber nicht. "Es ist daher nur ein kleiner Spalt, der aufgeht." Außerdem fehlten noch Vorgaben vom Bund, etwa zu gemeinsamen Lehrplänen.

    Standorte noch unklar

    Auf eine konkrete Region wollte sich Himmer nicht festlegen. "Das macht auch nicht sehr viel Sinn, weil wir wissen, dass es viel Überzeugungsarbeit braucht. Wir müssen Eltern und Lehrern klarmachen, was der Vorteil einer gemeinsamen Schule ist. Das bedeutet: Die neuen Modellschulen müssen besser sein als die Neue Mittelschule und die AHS-Unterstufe. Sonst werden wir keine Zustimmung von Eltern und Lehrern bekommen." Ein neues Modell bedeute für die Lehrer zunächst einmal viel Zusatzarbeit. "Daher wird der erste Reflex sein: 'Bitte bei uns nicht.'" Daher wolle man zunächst Argumente sammeln, dann die Finanzierung sichern und erst dann die Standorte festlegen.

    Neues Lehrerdienstrecht schwierig

    Für sehr ambitioniert hält Himmer die Pläne der Regierung zur Erarbeitung eines neuen Lehrerdienstrechts. "Ich kann aus Erfahrung sagen, dass das sehr schwierig ist", so der ehemalige Gewerkschafter und Teilnehmer an den letzten Dienstrechtsverhandlungen – wobei er ein gemeinsames Regelwerk für alle Pädagogen vom Kindergarten bis zur Uni durchaus begrüßen würde. Allerdings müsse man sich auf ein Langzeitprojekt einstellen: "Das bedeutet jahrelange Verhandlungen mit den Personalvertretern – nicht allein aus Böswilligkeit, sondern weil die Dienstrechte durch das jahrzehntelange Herumbasteln daran wirklich unglaublich kompliziert geworden sind. Jetzt nach dem Dienstrecht 2015 noch einmal zu beginnen bedeutet eine riesige Baustelle, die man sich aufmacht."

    "An Leistungsfähigkeit angelangt"

    Ein zusätzliches parallel laufendes Dienstrecht stelle auch die Verwaltung vor Probleme. Diese sei durch Einsparungen sowie die wachsende Zahl an Schülern und Lehrern in Wien ohnehin schon überlastet. "Die Schülerbeihilfe hat vor zehn Jahren 4.000 Anträge jährlich bearbeitet. Jetzt sind es 8.000 bei einem Drittel weniger Mitarbeiter." Dazu kämen jährlich neue Anrechnungsbestimmungen für Vordienstzeiten und mehr Quereinsteiger in den Lehrerberuf. "Wir sind hier im Haus am Ende der Leistungsfähigkeit angelangt." 2012 habe der Stadtschulrat über ein Budget von drei Millionen Euro verfügt. "Jetzt sind es 1,7 Millionen. Das geht sich bald nicht mehr aus."

    Kritik an Auflösung des Bifie

    Nicht nachvollziehbar ist für Himmer der Regierungsplan zur Auflösung des Bundesinstituts für Bildungsforschung (Bifie): "Ich würde das Bifie nicht auflösen, ohne eine Alternative zu haben." Nach der Übersiedlung der Zentralmatura-Agenden ins Bildungsministerium habe das Bifie jetzt wieder nur seine Kernaufgabe der Sammlung von Bildungsdaten zu erfüllen – etwa die Bildungsstandards, Pisa oder die Kriterien zum Chancenindex.

    "Wenn man sagt, das Bifie soll das nicht machen, muss man etwas anderes gründen. Das ist aber unlogisch, weil im Bifie die qualifizierten Leute dafür sitzen – und im Bereich der Bildungsstatistik gibt es nicht gerade Millionen qualifizierter Mitarbeiter. Wenn ich das an Unternehmen vergebe, die sich erst einarbeiten müssen, sind die mit Sicherheit nicht günstiger."

    "Sehr spannend und sehr mutig" findet Himmer das Vorgehen des neuen Bildungsministers Heinz Faßmann (ÖVP) in Sachen Deutschklassen. "Es gibt da ein Regierungsprogramm mit der Einrichtung von Deutschklassen – und Faßmann sagt quasi, das gilt für ihn in der Form nicht. Ich bin schon sehr gespannt, wie der Ministerrat tatsächlich entscheidet."

    Mittel für Deutschkurse nötig

    Das von Faßmann zuletzt favorisierte Modell von Deutschkursen, für die die Schüler aus dem normalen Klassenverband genommen werden, um für Stunden wie Turnen wieder in diese zurückkehren, ähnle stark den derzeitigen Sprachstartgruppen. "Wir haben hier in Wien schon hunderte Kurse, wo Schüler für bis zu elf Wochenstunden nach Möglichkeit in Fördergruppen zum Deutschlernen aus den Klassen herausgenommen werden. Wenn Faßmann jetzt von drei Stunden am Tag spricht, sind das dann 15 Stunden. Nachdem ich vom Finanzminister noch nicht die Bereitschaft vernommen habe, dass er das Budget des Bildungsministeriums aufblasen möchte, erkenne ich aber nicht, woher die Mittel kommen sollen – oder was stattdessen eingestellt wird." (APA, 18.1.2017)

    • Noch fehlen Vorgaben vom Bund, um die Gesamtschule in Wien testen zu können, sagt Heinrich Himmer.
      foto: apa/georg hochmuth

      Noch fehlen Vorgaben vom Bund, um die Gesamtschule in Wien testen zu können, sagt Heinrich Himmer.

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