Tocotronic: Zwei Schritte zurück – und einer nach vorn

    Video18. Jänner 2018, 06:00
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    Dirk von Lowtzow erkundet auf dem neuen Album "Die Unendlichkeit" autobiografisches Terrain. Zwischen Schwarzwaldhölle und Lumpenjahren in Hamburg besingt er das Gefühl der Sehnsucht und findet zurück zur alten Form

    Wien – Wenn du ungefähr 40 Jahre alt bist und in den Nullerjahren zumindest noch bis zum Schuleintritt des ersten Kindes einen Humana-Anorak oder eine Trainingsjacke mit Studenten-Cordhose und keiner Frisur kombiniert hast, dann, mein Freund, ist Tocotronic natürlich deine Band.

    Tocotronic sind in den 1990er-Jahren als Trio gemeinsam etwa mit Blumfeld oder Die Sterne in die Hamburger Schule gegangen, wo sie sich bei altlinken Sitzenbleibern wie Cpt. Kirk &, Goldene Zitronen oder Kolossale Jugend die Prüfungsfragen für politische Bildung besorgten. Dirk von Lowtzow als Lyriker der Band deutete, sehr wahrscheinlich ganz im Sinne seiner schweigsamen Bandkollegen Arne Zank und Jan Müller, Ideologien allerdings immer streng gefühlig.

    Immerhin will man als junger Mensch mit gerechtem Zorn ja nicht nur den bösen Alten wie dem Opa Hans oder anderen Faschisten das Leben madig machen. Es geht parallel dazu auch darum, den Onkeln und Tanten aus der Reformpädagogik mit ihrer linkslinken oder, noch schlimmer, scheißliberalen Gesinnung auf den Wecker zu gehen.

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    Das erste Album nannte sich deshalb richtigerweise (und schön gehässig) Digital ist besser. Darauf zu hören: räudige, krachende und dilettantisch, aber mit vollem Seitenscheiteleinsatz gespielte Schrammelpunkklassiker wie das unsterbliche Kleinstadtverdammungslied Freiburg ("Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt ...") oder der, nun ja, geflügelte Slogan Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit. Ganz zu schweigen vom zynischen Klassiker Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Spätestens seit Beginn des Millenniums wurden Tocotronic mit weiteren schlamperten Großtaten wie Wir kommen um uns zu beschweren und Die Welt kann mich nicht mehr verstehen zum Sprachrohr einer sich damals aus dem wohlbehüteten Mittelstand langsam nach unten ins Prekariat arbeitenden Generation.

    Diese war für auch längst schon wieder etablierte Revoltenmusiken wie Punk und Grunge zu faul, sie konnte sich aber trotzdem sehr gut vorstellen, in der Freizeit die Protestgitarre ins Eck zu stellen und sich nächtelang in den Clubs mit Techno und Durchhalteparolen, nein, -pillen wegzuballern.

    Deutsches Theater

    Man muss sich das alles noch einmal vor Augen führen, bevor man sich der Phase Tocotronic II, dem Dichterfürstentum, Hemden statt T-Shirts und der uneingeschränkten Bewunderung der Band seitens der deutschsprachigen Musikpresse zuwendet.

    Tocotronic veröffentlichen bis heute immer noch einnehmende Alben und Lieder, 2005 etwa die in Stein gemeißelten Parolen Pure Vernunft darf niemals siegen und Aber hier leben, nein danke, 2007 den Höhepunkt Kapitulation. Mit den Jahren, und wohl auch mit dem Anfang der Nullerjahre dazugekommenen US-Gitarristen Rick McPhail, der blöderweise sein Instrument beherrscht, was manchmal für erheblichen Schmock und in Hall getauchtes Ziselier-Moll sorgt, hat sich allerdings eine gewisse bildungsbürgerliche Schwere und Betulichkeit eingeschlichen. Sie kann nicht immer als Routine und Ideenlosigkeit kaschiert werden.

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    Verwicklungen mit dem deutschen Theater und Trendregisseuren, das ganze öde Muckertum, die nun zunehmend auch vom Großfeuilleton Richtung Hochkultur und, hach, Zeitgenossenschaft geschriebene einstige Aufsässigkeit aus dem Hobbykeller machten Tocotronic ein wenig uninteressant. Vor allem auch, weil die Stärken der Band nicht gerade über ihre Liveauftritte festzumachen sind.

    Die Unendlichkeit, das neue Album, ist im Wesentlichen dem Gedanken verpflichtet, dass zwei Schritte zurück einen Schritt nach vorn bedeuten können.

    Dirk von Lowtzow hat sich nach dem eine gewisse sedierende Wirkung ausstrahlenden "roten Album" dazu entschlossen, zurück zu seinen Wurzeln zu gehen und ausschließlich autobiografische Lieder über Kindheit und Jugend in der Schwarzwaldhölle und glücklich verpeilte Twen-Jahre in Hamburg wegen Ausschweifengehens zu schreiben.

    Punk im Reihenhaus

    Dankenswerterweise geht es auf Die Unendlichkeit zwischen dem Titelsong und dem hin zu Sven Regener wankenden Finale Alles was ich immer wollte war alles nicht um Trauerarbeit oder das verlockende Rechtfertigungsgeprotze alter Säcke. I did it my way, und dieser ganze Stuss. Mit Anklängen an alte Idole wie die US-Hardcore-Götter Hüsker Dü, aber auch mit pathetischen Streichereinlagen und Reinhard-Mey-Geschrubbe wird vielmehr eine lebenslange Sehnsucht oder Suche nach etwas beschrieben, das mit dem Begriff Erlösung überzogen, aber letztlich treffend beschrieben ist.

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    Zwischen "Teenage Riot im Reihenhaus" im Schwarzwald in Electric Guitar ("Ich gebe dir alles, und alles ist wahr!") und der Hamburg-Hymne Ausgerechnet du hast mich gerettet ("Du bist nicht schön, doch auch kein Biest") ist die Saat für ein schönes Alterswerk gelegt. Dirk von Lowtzow ist 46 Jahre alt. Da geht noch was. (Christian Schachinger, 18.1.2018)

    • Säulenheiliger Dirk von Lowtzow und Tocotronic 2018:  "Ich gebe dir alles, und alles ist wahr, Electric Guitar!"
      foto: michael petersohn

      Säulenheiliger Dirk von Lowtzow und Tocotronic 2018: "Ich gebe dir alles, und alles ist wahr, Electric Guitar!"

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