Was Großwildjagd zum Naturschutz beitragen kann

21. Jänner 2018, 10:00
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Forscher schlagen ein Zertifizierungssystem, das Geld für den Naturschutz bringen kann, für eine nachhaltige Jagd von Großwild vor

Göttingen/Wien – Der Löwe Cecil erlangte traurige Berühmtheit: Er wurde 2015 von einem US-amerikanischen Zahnarzt erschossen – obwohl er von Forschern mit einem Sendehalsband ausgestattet war und im Hwange-Nationalpark in Simbabwe lebte. Sein Tod löste weltweit massive Proteste und Debatten über die unethischen Praktiken der Trophäenjagd aus. Folglich verboten einige Länder, etwa Australien und die Niederlande, die Einfuhr von Trophäen wie Stoßzähnen, Haut und Kopf. Eine Maßnahme, die die Jagdindustrie empfindlich trifft, denn ein Trophäenjäger ohne Trophäe ist wie ein Fotograf ohne Fotos.

Etliche Tierschutzorganisationen wie Vier Pfoten, Pro Wildlife und auch der Nabu fordern auch für Deutschland und Österreich ein pauschales Einfuhrverbot von Jagdtrophäen, denn Cecil sei kein Einzelfall und die Trophäenjagd ein grausames Relikt aus der Kolonialzeit. Doch die Weltnaturschutzunion IUCN und zahlreiche Wissenschafter – auch jene, die nun Cecils Nachkommen in Simbabwe beobachten – warnen davor, die Trophäenjagd grundsätzlich zu verdammen, und empfehlen, Einfuhrverbote gut abzuwägen: "Unter bestimmten Bedingungen kann die Trophäenjagd zum Naturschutz beitragen", sagt auch Thomas Wanger, Agrarökologe an der Universität Göttingen.

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Oryxantilopen, Zebras und Giraffen tummeln sich im Etosha-Nationalpark, Namibia. Das Land ist Vorbild bei der nachhaltigen Jagd.

Wanger und seine Kollegen haben ein Zertifizierungssystem für eine nachhaltige und ethisch vertretbare Trophäenjagd vorgeschlagen, das kürzlich im Fachblatt Nature Ecology & Evolution veröffentlicht wurde. Die Forscher plädieren für einen Standard wie das FSC- und das MSC-Siegel für die nachhaltige Nutzung von Holz und Fisch: "Indem eine nachhaltige und ethisch vertretbare Trophäenjagd kenntlich gemacht wird, können sich Jäger zunehmend für zertifizierte Jagdpakete entscheiden und diese mit einem höheren Preis honorieren. Dadurch zwingen sie andere Jagdanbieter dazu, ebenfalls gute Jagdpraktiken anzuwenden, um im Geschäft zu bleiben", so Wanger.

Eine der wenigen Erhebungen zum grünen Gewissen der Jägerschaft zeigt, dass die Nachfrage existiert: 86 Prozent der Jäger waren eher bereit, ein Jagdpaket zu kaufen, das der lokalen Bevölkerung zugutekommt, und bis zu 99 Prozent der Jäger wollen Jagdanbieter unterstützen, die ökologisch wirtschaften. Die vorgeschlagenen Zertifizierungskriterien von Wanger und Kollegen sind streng: Eine Quotenregelung sichert den Bestand der Art, die lokale Bevölkerung muss eingebunden sein, die Tiere dürfen nicht angefüttert werden. Weiters dürfen keine dominanten Tiere erschossen werden – Cecil etwa war ein Rudelführer -, stattdessen sollen Jäger ältere Tiere schießen. Jagdmethoden wie das "canned hunting" werden strikt abgelehnt: Dabei lässt man Zuchtlöwen in eingezäunten Gehegen frei, um sie bequem erschießen zu können.

Teure Wildkontrolle

Doch wie trägt Trophäenjagd zum Naturschutz bei? Was viele nicht ahnen: Wildschutz und Wildkontrolle in weiten Räumen sind nicht nur mühsam, sondern auch teuer. Ein Extrembeispiel sind Nashörner, die im südlichen Afrika durch illegale Wilderei mittlerweile so bedroht sind, dass sie in manchen Ländern durchgehend bewacht werden müssen. Womit wir beim Hauptargument für die Trophäenjagd sind: Geld. Die Tierwelt Afrikas begeistert fast alle Menschen – aber wer ist bereit, für ihren Erhalt zu zahlen?

Naturschutz hat fast nirgendwo auf der Welt eine hohe Priorität und ist entsprechend chronisch unterfinanziert. Jäger sind nun einmal bereit, hohe Summen für ihr Hobby zu zahlen. So kostet der Abschuss großer Antilopenarten wie Kudu oder Oryx zwischen 1000 und 2000 Euro, ein Büffel bis zu 20.000, und für ikonischen Arten wie Löwen und Elefanten zahlen Jäger bis zu 50.000 Euro. Geld, das einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz leisten kann.

Das Vorzeigebeispiel ist Namibia: Einheimische verwalten die Schutzgebiete, achten unter anderem darauf, dass die Quoten eingehalten werden, und erhalten einen Großteil der Einnahmen, womit wiederum Wildhüter bezahlt werden, die den Bestand der Wildtiere überwachen und sichern. "Die Ressource Wild hat durch die Bejagung einen Wert, und das schafft Anreize, das Wild zu schützen", sagt Klaus Hackländer vom Institut für Wildtiermanagement der Uni Wien. Und wer mit Wildtieren Geld verdient, bewahrt auch ihren Lebensraum, statt das Land als Weidefläche für Rinder oder als Acker zu nutzen. Auf diese Weise wird das gesamte Ökosystem mit Insekten, Vögeln und Pflanzen geschützt. So führten mehrere Jahre währende Jagdverbote in Kenia, Tansania und Sambia zu einem Rückgang der dortigen Artenvielfalt, weil das Land aufgrund fehlender Einnahmen landwirtschaftlich genutzt wurde.

Emotionale Diskussion

Damit Trophäenjagd nachhaltig ist, muss sie kontrolliert stattfinden, zudem muss das Geld bei der lokalen Bevölkerung ankommen. Das ist allzu oft nicht der Fall, denn Missstände wie Korruption, überhöhte Abschussquoten und fehlende Transparenz und Kontrollen sind keine Seltenheit. Eine unabhängige Institution, die die Nachhaltigkeit der Trophäenjagd garantiert, existiert nicht. "Es gibt Beispiele, wo Trophäenjagd Vorteile für die lokale Bevölkerung und Wildtierpopulationen bringt. Und es gibt Gegenbeispiele. Die Diskussion darüber ist oft emotional und in vielen Fällen nicht lösungsorientiert. Zertifizierung könnte eine Lösung für nachhaltige Trophäenjagd sein", so Wanger.

Die Idee ist nicht neu und wird schon lange von renommierten Wildtierexperten vertreten. "Aber eine Zertifizierung ist schwierig, da die Überprüfung der Kriterien mit großem Aufwand verbunden ist", sagt Hackländer, "außerdem muss unbedingt die lokale Bevölkerung an der Entwicklung eines solchen Verfahrens beteiligt sein. Eine Art Neokolonialismus, bei dem die westliche Welt afrikanischen Nationen vorschreibt, wie sie ihre Ressourcen nutzen sollen, ist nicht zielführend." Eine sanfte Alternative zur Jagd ist der Fototourismus. "Fotosafaris sind nur dort eine Alternative, wo Kunden leicht hinkommen, etwa in Südafrika oder Botswana", so Hackländer. Vielen afrikanischen Staaten fehle aber eine touristische Infrastruktur – dann bleibe nur die Jagd.

Man kann Trophäenjagd kritisch sehen, sie verabscheuen: Im Idealfall opfert Trophäenjagd wenige Tiere zum Wohle eines Ökosystems und seiner Arten und zahlt sich für die lokale Bevölkerung auch noch aus. Sie kann damit ein wertvolles Werkzeug sein, um die Tierwelt Afrikas zu erhalten. Denn die größte Bedrohung sind nicht die Jäger, sondern das unaufhaltsame Bevölkerungswachstum und damit einhergehend Wilderei sowie Lebensraumverlust. (Juliette Irmer, 21.1.2018)

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