Sporthistoriker Müllner: "Das verändert das Bild, das ist nicht angenehm, aber es ist so"

    Interview17. Jänner 2018, 06:00
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    Rudolf Müllner bezeichnet Toni Sailer als tragende Figur im österreichischen Nationalepos. Der Akt zum Vorfall in Zakopane schaffe durch die aktuelle Diskussion über Missbrauch im Sport eine neue Situation. Eine saubere Aufarbeitung werde das Land gut aushalten

    STANDARD: Was ändert der vorliegende Akt an der Einschätzung der Figur Toni Sailer? Kann das heute noch eine Auswirkung haben?

    Müllner: Das Denkmal Sailer wird daraus nicht unbeeinflusst oder sogar unbeschädigt hervorgehen. Sicher wird man dieser multiplen Medienfigur, die ein positives Glanzlicht der österreichischen Sportgeschichte ist, eine neue Facette dazustellen müssen, einen zweiten Aspekt dessen, was diese Person ausmacht.

    STANDARD: Ist Sailer ohne diese zweite Seite nicht mehr denkbar?

    Müllner: Das wird sicher nicht wegzudenken, wegzulassen sein. Allerdings verblassen Erinnerungen. Sailer ist vor allem für die Zeitgenossenschaft eine immens wichtige Figur. Wenn Sie einen 19-Jährigen fragen, wird der nachschauen müssen, wer das überhaupt war. Es wird weniger wichtig, je weiter es zurückliegt – und damit auch die neue Seite dieser Figur. Wettmachen wird man es aber nicht mehr können.

    STANDARD: Den nur guten Sporthelden gibt es offenbar nicht. Ist das auch klassisch österreichisch?

    Müllner: Solche Sportfiguren leben davon, dass sie sehr stark vereinfachen. In ganz komplexen sozialen Situationen, in Schwierigkeiten, etwa in der Nachkriegszeit, braucht man Figuren, die Orientierung geben. Und die gibt es über außergewöhnliche Leistungen. Die kann man bewundern, und das ist auch die Faszination des Sports, weil er quasi authentische Leistungen liefert. Ein 100-Meter-Lauf in 9,58 ist ein 100-Meter-Lauf in 9,58. Das findet vor aller Augen statt. Das und die Vereinfachung ist es, was die Masse sucht, nicht das Komplizierte. Einen Sprinter, mit dem man über Kierkegaard diskutiert, braucht man nicht. Man braucht einen, der schnell ist, und fertig. Und dafür wird er auch bewundert, und zwar als ganze Person. Dass er etwas in seinem Privatleben macht, das ihn nicht so besonders attraktiv darstellen würde, will man nicht hören. Ich glaube nicht, dass das etwas typisch Österreichisches ist. Generell werden Sportfiguren einfach als strahlende Helden dargestellt, die man nicht hinterfragen will, solange man nicht muss.

    STANDARD: Damals wurde am Idol Sailer nicht gerührt. Ist das heute ähnlich vorstellbar?

    Müllner: Das ist die Frage nach einem vermuteten Kartell des Schweigens. Man kann nur spekulieren. Es gibt im Journalismus, vielleicht insbesondere im Sportjournalismus, sehr enge Beziehungen. Und diese Geschichte in Zakopane ist gleichzeitig extrem unangenehm und extrem mächtig, weil Sailer ja nicht irgendwer ist. Das ist ja eine unglaublich einflussreiche Figur in der Sportwelt, aber auch generell in der österreichischen Öffentlichkeit. Das ist eine tragende Figur im Nationalepos. Diese irgendwie zu verunglimpfen ist natürlich ein Sakrileg, und je näher man dran ist, desto schwieriger ist es. Durch Sailers Tod hat sich etwas verändert, es ist eine gewisse Distanz zum Vorfall da, aber die aktuelle Diskussion über Missbrauch im Sport-, speziell im Skisportsystem, schafft eine ganz andere Situation.

    STANDARD: Dahingehende Gerüchte hat es in abgeschwächter Form immer gegeben. Wie überrascht oder schockiert sind Sie?

    Müllner: Die Gerüchte hat es gegeben, ich habe sie gekannt. 2009, anlässlich seines Todes, wurde ich zu Sailer befragt, aber ich habe das nicht thematisiert, weil man das am Grab nicht macht. Jetzt ist es aber auf einmal wieder da, weil es zur von Nicola Werdenigg aufgebrachten Geschichte thematisch dazugehört. Es ist mir unangenehm, weil es auch mein Sailer-Bild stört. Man hat, unabhängig davon, wie man als Wissenschafter an eine Sache herangeht, eine gewisse Emotion zu dieser Figur. Das Bild wird jetzt verändert, das ist nicht angenehm, aber es ist so, die Fakten sind da. Dem muss man sich stellen. Man muss möglichst quellenkritisch und exakt mit dem Material umgehen. Das ist die Funktion des Journalismus, der Wissenschaft. Unabhängig davon ist der Vorgang mit Emotionen behaftet. Wir sind Teil dieser Sportnation.

    STANDARD: Sie haben anlässlich seines Todes Sailers Beruf thematisiert. Sailer war Spengler, er habe quasi das Haus fertig gemacht.

    Müllner: Sailer ist eine zentrale Figur der fordistischen Wiederaufbaugeneration. Im Zentrum steht das Leistungsethos, Leistung, die sich lohnt. Die tiefe Überzeugung, dass durch die eigene Anstrengung mein sozialer Aufstieg möglich ist. Das hat diese ganze Generation massiv geprägt. Und auch der Glaube an den Fortschritt. Es war in der Zeit nach dem Nationalsozialismus richtiggehend spürbar, dass jetzt die Post abgeht. Wenn ich mich anstrenge, kann ich ganz weit kommen.

    STANDARD: Und das hat Sailer mit seinen drei Olympiasiegen in Cortina d'Ampezzo dargestellt?

    Müllner: Das waren nicht normale Skisiege. In diesem Setting – Österreich und Wiederaufbau – und da das Land sehr auf den Skisport fixiert ist, war das etwas ganz Besonderes. Die Leute haben eine Sehnsucht danach gehabt. Das hatte auch etwas mit Normalität zu tun. Es gibt wieder Regeln, es gibt Klarheit, es gibt Orientierung. Ich kann mich anstrengen, und über diese Anstrengung kann ich mein Leben verbessern, werde ich ein glücklicheres Leben führen. Das ist einer der Subdiskurse, der in Sailer ganz stark verkörpert ist. Das ist das Faszinierende daran, dass das Leute in einem ganz großen Ausmaß aufregt, vom Universitätsprofessor bis hin zum Hackler. Dem kann man sich auch nicht entziehen.

    STANDARD: Kann man sagen, Toni Sailer hat durch seine sportlichen Erfolge das Haus Österreich fertiggestellt?

    Müllner: Es gibt "Eigenheim Österreich", das wunderbare Buch von Wolfgang Kos. Er beschreibt das als perfekt schöne Metapher. Da passt die Spenglerfamilie Sailer, die aus Südtirol, aus Meran, kam, dazu. Die machen das Haus fertig, aber sie machen es auch sicher. Allen Widrigkeiten wie dem Wetter zum Trotz. Es gibt in einer ersten Biografie von 1956 dieses Bild von Sailer und seinem Vater, beide stehen auf einem Dach und arbeiten. Und obwohl ein Gewitter aufzieht, machen sie ihre Arbeit fertig. Da kommen auch die Männlichkeitsideale dazu. Das sind ganz starke Geschichten, die die österreichische Nation bis in die tiefste Faser prägen. Leistung und Arbeitsethos ist im Leistungssport ident wie in einer fordistische Arbeitsethik. Er nimmt auf der Baustelle immer die schwersten Säcke und größten Trümmer, weil er mächtig sein will, etwas beweisen will. Das wird auch durch Anderl Molterer beschrieben. Er war ein Zimmerer, der sagte: "Wir brauchen kein Krafttraining, weil wir stark sind, weil wir immer hart gearbeitet haben."

    STANDARD: Welche Bedeutung hatte Sailer für den Tourismus?

    Müllner: In den 1960er-Jahren war Sailer eine immens wichtige Figur für den Tourismus. Man muss sich vorstellen, dass der Skitourismus oder Wintersporttourismus ein mächtiger Faktor ist. Die Zahlen zeigen, dass das einen großen Teil des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Es gibt Wochenschauen aus den 1950er-Jahren, wo Sailer eine amerikanische Touristin unterrichtet und fröhlich durch die Gegend wedelt. Das haben hunderte und tausende Leute in den Kinos gesehen. Das waren ganz ikonografische Bilder von einer unglaublichen Wirkung nach innen und nach außen. Gerade in dieser Zeit, von 1950 bis 1960, sind die Fremdenbetten um 88 Prozent mehr geworden. Sailer hat da einen ganz wichtigen Anteil. Der ist weit mehr als eine Sportfigur. Diese Figur reicht über die Gladiatorenrolle hinaus. Sie hat staatspolitische Bedeutung.

    STANDARD: Erklärt das auch, warum nach dem Vorfall in Polen passiert ist, was passiert ist?

    Müllner: Wenn man die Akten hernimmt, zeigt sich, dass das mehr als eineinhalb Jahre lang hin- und hergegangen ist und ein ungeheurer Aufwand war, der betrieben worden ist, um ihn juridisch rauszuholen. Da muss man schon mächtige Freunde haben.

    STANDARD: Werden nicht ganz viele Leute das Gefühl haben, dass man ihnen etwas wegnimmt?

    Müllner: Ja, hundertprozentig. Ich glaube, dass das Ganze extrem gefährlich ist. Es kann sein, dass das kippt, dass man diejenigen, die die Botschaft überbringen, dafür mitverantwortlich macht. Ich habe ja auch das Gefühl, dass mir durch diese Akten etwas weggenommen wird von dieser Figur. Ich habe gar nicht so tiefe Emotionen, aber Sailer war für mich schon sehr positiv besetzt. So ein Widerspruch ist dann sehr schwer auszuhalten. Wie zu einem Tiger Woods die außerehelichen Eskapaden nicht gut dazugepasst haben oder zu Maradona das Kokain. Aber sexuelle Missbrauchsvorwürfe sind etwas ganz anderes.

    STANDARD: Was sollte das offizielle Österreich damit anfangen?

    Müllner: Ein adäquater Umgang müsste wie im aktuellen Fall um die Schilderungen von Nicola Werdenigg sein, dass man das vollkommen unvoreingenommen ansieht. Juristen könnten sagen, das ist verjährt. Aber daran halten sich die Geschichten, die Emotionen ja nicht. Die Frage ist, wer sich im Sinne der Aufarbeitung verantwortlich fühlt für diesen gesamten 70er-Komplex. Skiverbandspräsident Peter Schröcksnadel sagt im Zusammenhang mit den im Raum stehenden Missbrauchsvorwürfen, es gehört alles auf den Tisch. Es muss sauber damit umgegangen werden, es muss analysiert werden. Es sind ja ganz viele Aspekte offen. Man darf auch nicht vorverurteilen. Ein Fakt ist auch, das Verfahren wurde eingestellt. Aber das Diktum von Ingeborg Bachmann "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" gilt immer. Wenn man nichts macht, bleibt immer etwas im Raum. (Fritz Neumann, Sigi Lützow, 17.1.2018)

    Rudolf Müllner (57) ist Historiker und Sportwissenschafter an der Uni Wien. Er leitet den Arbeitsbereich Sozial- und Zeitgeschichte des Sports.

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    Das Rechercheteam

    Rund acht Wochen wurde in Österreich, Polen und Slowenien recherchiert, in Archiven gestöbert, in Akten gelesen und mit Zeitzeugen sowie mit Historikern gesprochen.

    In Österreich recherchierten Fritz Neumann, Sigi Lützow und Philip Bauer (DER STANDARD), Florian Skrabal und Johann Skocek ("Dossier") sowie Bernt Koschuh (Ö1). Jurek Jurecki ("Tygodnik Podhalański") und Wojciech Cieśla ("Newsweek") arbeiteten in Polen, Anuška Delić ("Delo") in Slowenien.

    Besonderer Dank gilt der Rechtsanwältin Eva Plaz, die geholfen hat, den Akt zu verstehen, und der Medienrechtsexpertin Maria Windhager.

    • Rudolf Müllner: "Es ist mir unangenehm, weil es auch mein Sailer-Bild stört."
      foto: matthias cremer

      Rudolf Müllner: "Es ist mir unangenehm, weil es auch mein Sailer-Bild stört."

    • "Sailer ist eine tragende Figur im Nationalepos. Diese irgendwie zu verunglimpfen ist natürlich ein Sakrileg."
      foto: matthias cremer

      "Sailer ist eine tragende Figur im Nationalepos. Diese irgendwie zu verunglimpfen ist natürlich ein Sakrileg."

    • "Es kann sein, dass das kippt, dass man diejenigen, die die Botschaft überbringen, dafür mitverantwortlich macht."
      foto: matthias cremer

      "Es kann sein, dass das kippt, dass man diejenigen, die die Botschaft überbringen, dafür mitverantwortlich macht."

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