Christoph Schäfer: Regenten, bitte an den Stadtrand!

    17. Jänner 2018, 10:21
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    Panorama der Widerstandskultur gegen das Regime in Istanbul: zu sehen im Kunstraum Lakeside in Klagenfurt

    Klagenfurt – Christoph Schäfer ist ein famoser Zeichner. Seine Skizzen und Pläne, Ergebnis der benutzerorientierten Auseinandersetzung des 53-Jährigen mit städtischen Lebensräumen von Istanbul bis Hamburg, vermitteln bereits ästhetisch eine unbändige Lust an der Stadt. Selbstverständlich soll man auch die zumeist reichliche Anzahl von Buchstaben auf den im Kunstraum Lakeside präsentierten Blättern lesen, aber davor und danach kann man sie einfach als von Menschenhand errichtete Gebilde im urbanen Raum auffassen. Umgeben von einer Comic-ähnlich dargestellten Bewohnerschaft, die ungestört von Kategorien wie Staat, Nation und Regierung eigentlich nur die verbleibenden Erholungsräume nützen will.

    Osmanische Kaserne

    Das führt immer zu Reibereien, im Sommer 2013 im 3,8 Hektar kleinen Istanbuler Gezi-Park allerdings zu ganz besonderen. Christoph Schäfer hat jenen Sommer am Bosporus verbracht und anstelle des Projekts von Staatslenker Erdogan, die letzte Grünfläche des Stadtteils Beyoglu zum Zeichen der in seinem Sinn "neuen Türkei" in eine "osmanische Kaserne" umzuwandeln, einen alternativen Nutzungsvorschlag ausgearbeitet. Das Thema war für Schäfer wie geschaffen, verfügte er doch idealerweise über keinen anderen Auftraggeber als sich selbst und wusste zugleich eine von Tag zu Tag breiter werdende Basis hinter sich.

    Was mit ein paar Umweltschützern rund um die Bäume begann, nahm damals, wie man sich vielleicht noch erinnert, einen einzigartigen Verlauf. Über Nacht strömten Tausende in den Park, die dort nichts anderes taten als das, was Türken überall in der Welt gerne tun: in Familien- und Bekanntengruppen mit Geschirr und Geplauder unter freiem Himmel zu picknicken. Die rabiate Reaktion der Polizei ließ die Dinge eskalieren.

    Der antiautoritär eingestellte Fan-Club Çarsi (dt. "Marktplatz") des Fußballvereins Besiktas Istanbul – er soll mit 141 Dezibel den Lautstärke-Weltrekord aller Fan-Clubs halten – schloss sich den Protesten an, die sich auf den angrenzenden Taksim-Platz ausweiteten.

    Bei Schäfer werden Massenaufläufe einfach dadurch vermieden, dass man sich mit Kochtöpfen und Freunden so ziemlich überall in der Stadt niederlassen kann. Überall die den Ausstellungstitel Bostanorama begründenden kleinen grünen Gartenoasen (türk.: bostan), die auch auf die lange Gartengeschichte am Bosporus verweisen. Eher an den Rand rücken dagegen – der neue FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus würde sich wundern – nicht die eine Weltstadt bestimmende Multikulturalität, sondern die Repräsentanzen der Staatsmacht.

    Logik einer Stadt

    Zwar wurde das sehr bürgernahe Projekt 2013 auf der Istanbuler Biennale präsentiert, aber Erdogan plant angeblich immer noch an seiner Kaserne. Denn dass es einem Regenten dämmert, dass die Logik von Staat, Nation, Ideologie und Reich eine andere ist als die Logik einer Stadt, steht vorerst nur auf einer der gezeigten Zeichnungen Christoph Schäfers. (Michael Cerha, 17.1.2018)

    Bis 26. 1., Lakeside Kunstraum

    • Nur mit seinem Notiz- und Zeichenbuch bewegte sich Christoph Schäfer 2013 durch die Orte und Meetings des Gezi-Park-Aufstands (aus der Serie "Bostanorama").
      foto: kunstraum lakeside

      Nur mit seinem Notiz- und Zeichenbuch bewegte sich Christoph Schäfer 2013 durch die Orte und Meetings des Gezi-Park-Aufstands (aus der Serie "Bostanorama").

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