Studie über unwahrscheinlich alte Menschenspuren wird zum Kriminalfall

16. Jänner 2018, 16:33
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2017 erschienenes Paper könnte nicht nur falsche Schlussfolgerungen beinhalten, sondern auch auf gestohlenen Untersuchungsobjekten basieren

Weimar – Von einem mehr als dubiosen Fall berichtet das Senckenberg-Forschungsinstitut: In einer Studie, die im Fachjournal "Journal of Paleolithic Archaeology" erschienen ist, widersprechen Wissenschafter des Instituts nicht nur einem Paper zur menschlichen Besiedlung Europas, das vor Kurzem im "Journal of Human Evolution" erschienen ist. Sie weisen zudem darauf hin, dass die für dieses Paper herangezogenen Untersuchungsobjekte zumindest zum Teil gestohlen sein dürften.

Die Objekte sollen aus der Fundstätte Untermaßfeld im Thüringer Werratal stammen. Diese enthält Überreste der Fauna, die vor etwa einer Million Jahre in Mitteleuropa lebte – von Säbelzahnkatzen bis zu Flusspferden und Elefanten. "Die Vielfalt der über 17.000 geborgenen Funde reicht vom winzigen Froschskelett bis hin zum größten Geparden der Erdgeschichte", sagt Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg-Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar.

Schlussfolgerungen und Widerspruch

In einem 2017 im "Journal of Human Evolution" veröffentlichten Paper schrieben die Autoren Günter Landeck und Joan Garcia Garriga unter anderem davon, dass sie an den eine Million Jahre alten Knochen Spuren menschlicher Bearbeitung entdeckt hätten. Diese angeblichen Spuren von Schlachterarbeiten seien zugleich der älteste Hinweis auf eine Besiedlung der mittleren Breiten in Europa.

Diese Schlussfolgerung wird von Kahlke und seinen Kollegen Wil Roebroeks (Universität Leiden), Sabine Gaudzinski-Windheuser (Universität Mainz) und Michael Baales (Universität Bochum) zurückgewiesen. "Die archäologischen Untersuchungen zeigen deutlich, dass es sich bei den beschriebenen Knochen und Steinen weder um menschliche Werkzeuge handelt, noch dass die Stücke Bearbeitungsspuren aufweisen", sagt Kahlke. Die Marken an den fossilen Tierknochen stellten sich bei genauer Betrachtung als "Folgen von Wurzelätzungen, Fraß von Raub- und Nagetieren sowie unsachgemäßer Bergung heraus", ergänzt Gaudzinski-Windheuser.

Ungeklärte Knochenquelle

Doch damit nicht genug: Wie der – in den Worten des Senckenberg-Instituts – "hessische Hobbysammler" Landeck an die Ausgrabungsobjekte gelangt sei, stelle eine offene Frage dar. Die Angabe der Autoren des Papers von 2017, die Stücke stammten aus einer "alten DDR-Sammlung", sei jedenfalls widerlegt worden. "Wir dokumentieren die Grabung in Untermaßfeld gewissenhaft mit täglichen Fotoaufnahmen und können daher mit Sicherheit sagen, dass die 'analysierten' Fossilien erst im Zeitraum 2009 bis 2012 aus der Grabungsfläche gebrochen wurden und demnach nicht aus einer alten Sammlung stammen können", sagt John-Albrecht Keiler, Senckenberg-Grabungsleiter in Untermaßfeld.

Das Team um Roebroeks und Kahlke bringt die beschriebenen Stücke mit einer Serie von Diebstählen zwischen 2002 und 2012 in der Fossilienfundstätte in Verbindung. Insgesamt seien etwa 400 Stücke in einem möglichen sechsstelligen Gesamtwert entwendet worden. Mit Unterstützung des Freistaates Thüringen sollen diese Funde nun wieder der Wissenschaft zugeführt werden. "Wir haben in Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden unser Sicherheitskonzept nach der Diebstahlserie erheblich ausgebaut. Raubgrabungen und daraus resultierende fehlerhafte wissenschaftliche 'Erkenntnisse’ wird es nun hoffentlich nicht mehr geben", schließt Kahlke. (red, 16. 1. 2018)

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