Kosovo-Politiker Oliver Ivanović: Exekution eines Friedfertigen

16. Jänner 2018, 17:11
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Der Dialog zwischen Serbien und dem Kosovo wurde am Dienstag nach der Ermordung des Politikers ausgesetzt

Mit ihm war man nie allein. Oliver Ivanović war wohl der beliebteste Bürger von Nordmitrovica. Wenn er nicht in seinem Büro saß, so saß er im Dolce Vita, jenem Kaffeehaus am Ibar, von dem aus man die Brücke beobachten konnte. Die Brücke hinüber auf die andere Seite der Stadt, wo hauptsächlich Albaner leben, spielte im Leben des Oliver Ivanović eine herausragende Rolle.

Die Leute im Nordkosovo strömten gerade zu dem freundlichen Mann, weil sie Vertrauen hatten, weil sie wussten, dass er Bescheid wusste und ihnen helfen konnte, weil er so etwas wie der heimliche Bürgermeister von Nordmitrovica war. Am Dienstag in der Früh wurde der 64-Jährige in seiner Heimatstadt aus einem fahrenden Auto heraus angeschossen. Kurze Zeit später erlag er seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić berief sofort eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitsrats ein und sprach von einem "Terrorakt". Er meinte, dass der Täter, selbst wenn er einen serbischen Namen haben sollte, "kein Serbe" sei. Die Tat sei gegen alle Serben im Kosovo und überhaupt gegen alle Serben gerichtet.

US-Botschaft mahnt zur Ruhe

Gleichzeitig sprach Vučić von kosovo-albanischen Politikern, die angeblich nach Serbien eindringen wollten. Dabei ist ein ethnischer Hintergrund der Tat höchstwahrscheinlich auszuschließen, die Hinweise führen eher zu kriminellen Strukturen. Greg Delawie, der US-Botschafter im Kosovo, forderte die Bürger umgehend auf, jegliche gefährliche Rhetorik zu vermeiden und in dieser sensiblen Zeit ruhig zu bleiben. Vergangene Woche hatte das US-Außenministerium eine Terror-Warnung für den Nordkovoso ausgegeben. Im Norden des Kosovo – einer Region, in der die allermeisten Bürger sich Serbien zugehörig fühlen – haben schon in der Vergangenheit Zwischenfälle zu Eskalationen geführt.

Im Kosovo sind zurzeit etwa 4.000 internationale Kfor-Soldaten stationiert, die jederzeit eingesetzt werden können. Auch die Polizeipräsenz im Norden wurde deutlich erhöht. Im nordkosovarischen Ort Zvečan wurde ein ausgebranntes Auto aufgefunden, das angeblich den Mördern zugeordnet wird.

Mogherini fordert Aufklärung

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini forderte Aufklärung, die Täter müssten zur Verantwortung gezogen werden. Die EU-Rechtsstaatsmission Eulex solle die Untersuchungen unterstützen. Der Mord wurde ausgerechnet an jenem Tag verübt, als in Brüssel der Dialog zwischen Serbien und dem Kosovo wiederaufgenommen wurde. Der Dialog wurde nach dem Mord ausgesetzt. In der EU hat man die Sorge, dass die Gespräche, die zur Normalisierung der Beziehungen führen sollen, nun negativ beeinflusst oder sogar beendet werden könnten.

Ivanović gehörte zur serbischen Opposition und nicht zur Regierungspartei von Präsident Vučić. In den vergangenen Jahren hatte Vučić seine Getreuen im Nordkosovo installiert, um durchgreifen zu können. Ivanović wurde zur Seite gedrängt. Er kritisierte Vučićs Fortschrittspartei, weil diese nur die "Serbische Liste" im Kosovo unterstützte und sogar davor warnte, Ivanović zu wählen. 2014 wurde Ivanović plötzlich wegen angeblicher Kriegsverbrechen im Jahr 1999 verhaftet und 2016 von Eulex-Richtern zu neun Jahren Haft verurteilt. Das Berufungsgericht hob das Urteil jedoch im Jahr 2017 auf, und das Verfahren wurde neu aufgerollt.

Immer wieder Drohungen

Im Kosovo dachten viele Menschen, dass Ivanović aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Auch er selbst hatte wiederholt gemeint, dass die Strafverfolgung gegen ihn "politisch motiviert" sei, und trat zwischendurch in Hungerstreik. Ivanović fühlte sich seit längerer Zeit bedroht. Erst vergangenen Juli wurde sein Auto angezündet – kurz zuvor hatte er angekündigt, mit seiner Liste wieder bei den Wahlen anzutreten.

Ivanović meinte damals, dass er nicht glaube, dass Albaner hinter der Tat stecken würden. Andere Serben im Nordkosovo nannten das brennende Auto "eine politische Botschaft". Die Tat wurde nicht aufgeklärt. Denn die Kameras, die überall im Nordkosovo installiert sind, waren ausgerechnet in dieser Nacht ausgeschaltet. Ivanović ging davon aus, dass die Kriminellen Verbindungen zur Polizei hätten.

Autos ohne Nummernschilder

Er meinte, dass die Leute in Nordmitrovica heutzutage keine Angst mehr vor extremistischen Albanern, aber vor kriminellen und extremistischen Serben hätten, die Jeeps ohne Nummernschilder fahren. Tatsächlich sind im Norden des Kosovo viele Autos ohne Nummernschilder zu sehen. Die Tatsache, dass die Grenze zu Serbien nicht wirklich kontrolliert wird, hat Kriminellen und Schmugglern Geschäftszweige eröffnet.

Ivanović sagte nach dem Anschlag auf sein Auto: "Der jetzige Bürgermeister ist nicht mein Gegner, aber die kriminellen Strukturen und in einer sehr direkten Weise die serbische Regierung hinter ihm sind es." Auch die Bürger in Nordmitrovica beklagen seit Jahren den Mangel an Rechtsstaatlichkeit. "Das ist wie ein Leben unter einer Junta, aber statt des Militärs werden wir von einer kriminellen Bande regiert", sagte Ivanović im Vorjahr zu "Balkaninsight".

Ivanović stammt ursprünglich nicht aus dem Norden, sondern aus dem Westen Kosovos, und wurde in der Nähe des berühmten orthodoxen Klosters Dečani geboren. Sein Vater war Historiker, er selbst sprach viele Sprachen – unter anderem auch Albanisch. Er verbrachte aber schon seine Volksschulzeit in Mitrovica und besuchte in jugoslawischer Zeit die Militärakademie in Zagreb. Er war Karatetrainer und leitete das Sportzentrum in Mitrovica, später wurde er Generaldirektor der Nickelbergwerks in Glogovac.

Chef der Brückenwächter

Im Krieg war er Chef der Brückenwächter, einer paramilitärischen Formation, die am Ibar patrouillierte, als der Konflikt zwischen Albanern und serbischen Sicherheitskräften eskalierte. Später war Ivanović, auch nach der Unabhängigkeit des Kosovo 2008, in Prishtina unter den Regierenden anerkannt und beliebt, genau deshalb, weil er ein Mann des Ausgleichs war.

Er hatte auch zahlreiche politische Funktionen inne. So war er Präsident des "Serbischen Nationalrats im Nordkosovo und Metochien", zwischen 2008 und 2012, als die Demokratische Partei in Serbien noch an der Macht war, war er Staatssekretär für den Kosovo und Metochien. Ivanović war auch Abgeordneter im Parlament und gründete im Jahr 2009 die Liste "Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit". Der besonnene Mann war mit Milena Popović Ivanović verheiratet und hinterlässt drei Söhne.

"Mann des Friedens"

Die passendsten Worte für ihn fand der Präsident der serbischen Oppositionspartei Demokratische Partei, Dragan Šutanovac. Er nannte Ivanović einen Mann der "Kooperation und Toleranz, einen Mann des Friedens". Die Kugeln, die ihn getroffen hätten, seien aus einer "Welt der Vergangenheit" gekommen. Tatsächlich konnte man von Ivanović niemals ein ausfälliges oder einseitiges Statement hören. Er versuchte immer die verschiedensten politischen Kräfte und Interessen nachzuvollziehen und analysierte die Situation auf erhellende und kluge Weise. Er war stets an der Zukunftsgestaltung für die Bürger interessiert und er beruhigte die Menschen.

"Früher wussten wir, wo die Front war, aber jetzt wissen wir es nicht, weil die Front unter uns ist", meinte Ivanović vor einiger Zeit zu der serbischen Zeitung "Vreme". Er war nicht nur ein kluger Politiker, sondern auch ein echter Gentleman. Das letzte Mal, als er mit der Autorin dieser Zeilen im Dolce Vita saß und diese darauf beharrte, den Kaffee zu bezahlen, meinte er lächelnd und äußerst charmant: "Jetzt sind Sie schon so lange auf dem Balkan und wir kennen uns so viele Jahre – und Sie haben die Regeln hier noch immer nicht gelernt."

In Belgrad wurde für Dienstagabend ein Gedenkgottesdienst für Ivanović im Dom des Heiligen Sava geplant. (Adelheid Wölfl, 16.1.2018)

  • Gedenken an Oliver Ivanović
    foto: apa/afp/sasa djordjevic

    Gedenken an Oliver Ivanović

  • Oliver Ivanović bei einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP,  Mai 2017.
    foto: apa/afp/armend nimani

    Oliver Ivanović bei einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP, Mai 2017.

  • Polizisten am Tatort.
    foto: apa/afp/armend nimani

    Polizisten am Tatort.

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