Kritische Blicke auf Blockchain, Bitcoin und Co

19. Jänner 2018, 12:20
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Technikfolgenabschätzerin Tanja Sinozic untersucht, welches Potenzial die Systeme für Wirtschaft und Gesellschaft von morgen haben

Wien – Der Kurshöhenflug der Kryptowährung Bitcoin hat auch der zugrundeliegenden Blockchain-Technologie viel Aufmerksamkeit gebracht. Den dezentral organisierten Datenbanken, die jeder Teilnehmer um nicht löschbare Einträge, "Blöcke", erweitern kann, wird eine schier unendliche Anwendungsvielfalt zugestanden. Zahlungsmittel, Finanzmarktprodukte, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, öffentliche Dienstleistungen oder sogar Wahlvorgänge könnten demnach auf sichere und transparente Weise organisiert werden.

Doch in welchen Bereichen werden sich Blockchains tatsächlich durchsetzen? Wie schnell wird das neue Werkzeug die Wirtschaft durchdringen? Und ist die Technologie tatsächlich so sicher wie vielerorts angepriesen? Tanja Sinozic vom Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geht Fragen rund um Anwendbarkeit und mögliche Gefahren der neuen Form der Datenorganisation nach.

Das große Interesse an Bitcoins verblüfft. Laut der Technikfolgenabschätzerin, die Wissenschafts- und Technologiepolitik, Umweltpolitik und Volkswirtschaft unter anderem an der London School of Economics und der Universität Cambridge studiert hat, könne man aber trotz der hohen Kurse kaum von einer Finanzblase sprechen, die in Ausmaß oder Struktur potenziell der Immobilienkrise von 2008 oder der Dotcom-Blase von 2000 ähneln würde.

Keine Wirtschaftskrise

"Bitcoins haben derzeit nicht die Macht, die Weltwirtschaft in dieser Art zu beeinflussen. Ihr Gesamtvolumen beim derzeitigen Kurs ist geringer als das Bruttoinlandsprodukt von Österreich", relativiert die Wissenschafterin. "Anders würde das aussehen, wenn die Banken im großen Stil Kredite für den Ankauf von Bitcoins vergeben würden", sagt Sinozic. Wenn der Bitcoin-Kurs wieder fällt, ist das ähnlich dramatisch wie der Absturz einer Aktie eines großen Unternehmens.

Klar ist, dass der Bitcoin-Boom den Anfang einer langfristigen Entwicklung markiert, deren genaues Potenzial noch unbekannt ist. "Man kann Blockchains mit der Erfindung des Internets vergleichen", sagt Sinozic. Dessen früher Vorläufer, das Arpanet des US-Verteidigungsministeriums, wurde ab den 1960er-Jahren entwickelt. "In den fünf Jahrzehnten bis heute haben sich neue Wege gefunden, das Internet zu nutzen, Industrien haben sich angepasst. Bis sich die bestehenden Systeme verändern und sich Blockchains etabliert haben, könnte es ähnlich lange dauern."

Wie die Technologie die Welt verändern wird, was sie für die einzelnen Wirtschaftssparten bedeuten wird, ist unklar. Bitcoins, die bisher einzige weitverbreitete Anwendung als Währung, ist mit einer Transaktionsdauer von zehn Minuten etwa als Alltagswährung, die man im Supermarkt oder im Taxi verwenden kann, derzeit weniger tauglich. Laut Lebenszyklus-Theorien ("Industry Lifecycle") überlebt ein Großteil der Unternehmen, die am Entstehen einer Industrie Anteil haben, die ersten Jahre nicht. Bis es zu durchschlagenden Effekten am Arbeitsmarkt kommt, dauert es dann 30 Jahre, erläutert Sinozic. Diese Muster kann man auch bei der Entwicklung des Internets wiedererkennen, und sie könnten auch Blockchains kennzeichnen.

Das System hinter Bitcoin gilt als besonders sicher, greift es doch auf den höchsten US-Kryptografiestandard zurück. Angreifbarer sind die Wallets, die elektronischen Geldbörsen einzelner Nutzer, die mit unterschiedlichen Techniken geschützt und hin und wieder auch geknackt werden, betont Sinozic. Die Anonymität des Systems mache es zudem schwierig, Missbrauch, geschweige denn die Verwendung zu kriminellen Zwecken wie der Geldwäsche, nachzuverfolgen.

Sicherheitsprüfung

Bitcoin-Transaktionen werden durch ein strenges Validierungssystem überprüft, um zum Beispiel ein mehrfaches Ausgeben des Geldes ("double spending") zu verhindern. Dieser Mechanismus würde nicht mehr wirksam sein, wenn mehr als die Hälfte der gesamten Rechenkapazität des Systems in den Händen einer sich koordinierenden Gruppe ist. Was bei einem großen Netzwerk wie Bitcoin kaum ein Problem darstellt, könnte kleinere Blockchain-Währungen anfällig machen.

Der einzelne Bitcoin-Nutzer ist zwar anonym, das heißt aber nicht, dass man die Transaktionsdaten nicht auswerten könnte, betont Sinozic. "Unternehmen und Banken entwickeln schon heute ihre eigenen Kryptowährungen und zentralisierte Blockchain-Systeme, um dieses große Potenzial ausnützen zu können." Und auch gegen Hacker ist man nicht immun: "Die Information, dass man mit der Kryptowährung Bücher oder eine Asienreise bezahlt hat, kann genutzt werden, um durch Phishing eine Verbindung mit der physikalischen Person herzustellen."

Sinozic und Kollegen werden in einem künftigen Projekt eine der Anwendungsmöglichkeiten der Blockchains genauer unter die Lupe nehmen: Das Gesundheitssystem eines Landes wie Österreich kann man auch als "komplexes Transaktionssystem" verstehen, in dem laufend Geld zwischen Spitälern, Versicherungen, Ärzten und anderen Beteiligten fließt. Die Vermutung liegt nahe, dass Blockchains hier sowohl Administrationskosten senken als auch einen besseren Überblick über die Verwendung der Gelder bieten könnten. Sinozic: "Wir werden uns überlegen, ob und wie man ein System für den Gesundheitsbereich entwerfen könnte." (Alois Pumhösel, 19.1.2018)

  • Die Kryptowährung Bitcoin und die zugrundeliegende Blockchain-Technologie gelten als besonders sicher und transparent. Tanja Sinozic geht Fragen rund um Anwendbarkeit und mögliche Gefahren nach.
    foto: imago / michael weber

    Die Kryptowährung Bitcoin und die zugrundeliegende Blockchain-Technologie gelten als besonders sicher und transparent. Tanja Sinozic geht Fragen rund um Anwendbarkeit und mögliche Gefahren nach.

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