Die Zeitenwende in der Bergluft wittern

    14. Jänner 2018, 16:21
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    Thomas Manns "Der Zauberberg" in einer Fassung von Regisseur Alexander Eisenach am Grazer Schauspielhaus

    Graz – In Der Zauberberg hegen die im Sanatorium Berghof in den Schweizer Alpen weilenden Patienten eine verstörende Zuneigung zu den je eigenen Messwerten. Akribisch beobachten sie Fieberkurven oder Atemgeräusche und kontrollieren kleinste Regungen, fast so wie die Gebote körperlicher Selbstoptimierung es heute verlangen. Thomas Mann beschreibt eine unruhige europäische Bürgerelite vor dem Ersten Weltkrieg, die sich in mondän verpackter Panik wie von der Zivilisation ausgespien mit sich selbst beschäftigt.

    Regisseur Alexander Eisenach hat für seine Neuerforschung dieser europäischen Hochgebirgstraumstatt eine Bühnenfassung erstellt, die mehr den komischen denn den elegischen Tönen des Romans (wie etwa Hans Werner Geißendörfers Verfilmung aus dem Jahr 1981) folgt und daraus auch die größte Kraft zieht.

    foto: lupi spuma / schauspielhaus graz
    Eine Untergangsgesellschaft vertreibt sich die Zeit – und laboriert in Graz an den kulturellen Phantomschmerzen der Jahre vor 1914.

    Dass der junge Hans Castorp (Raphael Muff) einen dreiwöchigen Krankenbesuch bei seinem mit Tuberkulose geschlagenen Cousin Joachim Ziemßen (Clemens Maria Riegler) zu einem siebenjährigen (!) Aufenthalt ausdehnt, ist bei aller Tragik ja auch lachhaft. An Düsternis mangelt es indes nicht, sind bei Eisenach doch die Soldaten aus dem erst kommenden Krieg von Beginn an die Begleiter dieser in Krankheit vereinten Gesellschaft.

    Herzhafter Husten

    Der an mammuthafte Textvorlagen gewöhnte Regisseur Eisenach (vgl. Die Frequenzen von Clemens J. Setz aus dem Jahr 2016) lässt den dreidreiviertelstündigen Abend mit einem herzhaften Hustenkonzert starten. Die Erzählerin (Vera Bommer) kündigt zudem provokant an, es würde sich hier um ein Werk von "hochgradiger Verflossenheit" handeln. Dennoch muss die Inszenierung dieses auch noch so wenig bühnentauglich erscheinenden Romans keine Kraftakte setzen, um uns die labilen Gemüter dieser Zeitenwende nahezubringen. Die Gereiztheit vieler Protagonisten, die mit ihrem Redebedarf stets übers Ziel hinausschießen, ist vergnüglich mitanzusehen.

    Wenn das Dialoggefecht des Religionsfanatikers und Kreationisten Naphta (Nico Link) mit dem schlagfertigen Humanisten Settembrini (Florian Köhler mit punktuell eingesetztem Italo-Dialekt) über nichts Geringeres als die Errungenschaften der Aufklärung eine slapstickhafte Rahmung erhält, dann heißt das nicht, dass Eisenach den Roman nicht ernst nähme. Im Gegenteil, die Thesen über "voraussetzungslose Wissenschaft" oder "Glaube als Organ der Erkenntnis" beginnen ja erst da zu blühen, wo sich die Argumente richtig hochschrauben. Settembrini und Naphta tun dies, indem sie sich gegenseitig mit dem (Plastik-)Käse vom Diner bombardieren.

    foto: lupi spuma / schauspielhaus graz
    Die Livekamera sendet Großaufnahmen: Traumbilder und riesenhafte Augen.

    Aus den um einen großen Salon ineinander verschachtelten Kuben (Zugabteil, Schlafzimmer et cetera) sendet eine Livekamera (Carmen Zimmermann) gegebenenfalls Close-up-Bilder auf einen portalgroßen Gazevorhang (Bühne: Daniel Wollenzin). Das schafft im großen Format Intimität und riesenhafte Augen.

    Die Inszenierung ist aber dort am stärksten, wo die Räume dieses seltsamen Hortes samt ihren Traumbildern selbst zu sprechen beginnen. Wenn etwa ein Pferdeskelett an die bevorstehenden "Stahlgewitter" gemahnt oder ein Kreuz seinen Schatten wirft. Statt auf formale Entschlossenheit legt Eisenach das Gewicht auf technische Betriebsamkeit: Wundertüte Unterbühne! Aus ihr hebt sich so einiges – in der sogenannten Walpurgisnacht beim Faschingsfest etwa das Höllenfeuer aus Scheinwerfern, obendrauf im Kostüm eines Wikingers der Hexerich Chefarzt Dr. Behrens (Fredrik Jan Hofmann), der mit Gesang aus Leibeskräften für gute Stimmung sorgen möchte (Du kannst nicht immer 17 sein).

    Satter Applaus

    Das lang hinausgezögerte Ende bekommt dem Abend allerdings nicht. Man wittert ihn schon lange, bevor zu später Stunde am Horizont noch neue Figuren auftauchen, die Gewichtiges aus den Kolonien zu berichten haben (Franz Xaver Zach als Peperkorn) und auch hier erst Madame Chauchat (Sarah Sophia Meyer) ihren großen Auftritt hat.

    Indes braucht es Zeit, um über die okkulte Selbsthilfegruppe der Frau Dr. Krokowski (Evamaria Salcher) zu Castorps zentralem Albtraum im Schnee und weiter in die Schlachtfelder Europas zu blenden, wo der junge Held einst enden wird. Satter Applaus. (Margarete Affenzeller, 14.1.2018)

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