Antiregierungsdemo in Wien: Alles hat ein Ende

Kommentar14. Jänner 2018, 14:14
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Die Regierung trieb die Demonstrierenden mit ihrer Politik auf die Straße. Jetzt liegt es an der Opposition, sie künftig schon vor Wahlen für sich zu mobilisieren

Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft gingen am Samstag in Wien auf die Straße: Organisiert und nicht organisiert, in Gruppen oder alleine, um zu zeigen, dass sie Politik für Eliten und auf Kosten aller anderen ablehnen. Es war ein kräftiges Lebenszeichen der so genannten Zivilgesellschaft – wie immer man diese definiert.

Neben Gewerkschaftern, Grünen und Roten, Menschenrechtsorganisationen, Studierenden und der Antifa, gingen auch Familien mit ihren Kindern mit. Da stand "Liebe für alle" auf Taferln – als klares Kontrastprogramm zu FPÖ und ihren Fans in sozialen Netzwerken.

Singende Omas

Da gingen die beeindruckenden "Omas gegen Rechts" singend vor einem kleinen schwarzen Block, der es sich nicht nehmen ließ, ein paar vor allem Feinstaub produzierende Rauchschwaden steigen zu lassen. Er wirkte fast bemitleidenswert exotisch, umgeben von tausenden Menschen, die nicht auf die Idee kamen, ihr Gesicht vor dieser Regierung zu verstecken.

Ob es nun insgesamt "nur" 30.000 waren, wie die Polizei mittlerweile nach ihrer finalen Schätzung angibt, oder sogar 70.000, wie die Veranstalter behaupten: Es waren mehr als beide Seiten erwartet hatten. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Regierung schon in den ersten Wochen fast täglich einen Demoaufruf gegen sich selbst produzierte: Neben Verschlechterungen für Arbeitslose, Alleinerziehende und – auch – Flüchtlinge, war es zuletzt die unfassbare verbale Entgleisung des Innenministers. Herbert Kickl, der ausgerechnet als Reimeschmied in seiner Partei Karriere machte, will nun glauben machen, er habe beim Wort "konzentriert" in Zusammenhang mit der "Haltung" von Flüchtlingen nichts Böses gedacht. "Konzentrier dich selbst", antworteten ihm da Transparente auf der Straße.

Die Demo war ein Signal nach innen und außen: Demoteilnehmer fühlten sich nach Tagen der Verunsicherung aufgehoben in einer herzlichen Stimmung, in einem optimistischen Aufruf zum Widerstand. Auch internationale Medien nahmen das "andere Österreich" deutlich wahr.

Als Wähler ernst nehmen

Wann auch immer wieder gewählt wird, die Frage ist jetzt: Werden etablierte politische Kräfte wie die SPÖ, Bürger, die nicht zuhause Hasspostings verfassen, sondern bei feuchtkaltem Wetter stundenlang friedlich auf die Straße gehen, als künftige Wähler ernst nehmen und vertreten? Oder wird die SPÖ erst wieder nach einer Koalition mit den Burschenschaftlern schielen? Darauf sollte man sich früh genug konzentrieren. Denn was man auf einer riesigen, über der Demo schwebenden, aufblasbaren Wurst lesen konnte, ist wahr: "Alles hat ein Ende." Auch diese Koalition. (Colette M. Schmidt, 14.1.2018)

  • "Alles hat ein Ende" prangte auf einer riesigen, über der Demo schwebenden, aufblasbaren Wurst.
    foto: christian fischer

    "Alles hat ein Ende" prangte auf einer riesigen, über der Demo schwebenden, aufblasbaren Wurst.

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