Kulturhauptstadt Leeuwarden: "Klein-Amsterdam" traut sich zu träumen

Video14. Jänner 2018, 08:00
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Die niederländische Provinzhauptstadt feiert ihre Berühmtheiten und macht vor, wie man ohne fossile Energie auskommt

Was haben Mata Hari, Rembrandts erste Frau Saskia van Uylenburgh und Meistergrafiker M. C. Escher gemeinsam? Alle drei kommen aus der niederländischen Provinz Friesland, genauer: aus der Provinzhauptstadt Leeuwarden, sprich: Le-ö-warden.

Für Nichtniederländer ein Zungenbrecher. Und außerhalb der Grenzen des Polderstaats wohl nur wenigen ein Begriff. Noch gilt die gesellige Studentenstadt im hohen niederländischen Norden mit ihren knapp 110.000 Einwohnern als eines der bestgehüteten Geheimnisse des Landes.

Doch das dürfte die längste Zeit so gewesen sein. "Kulturelle Hauptstadt Europas zu sein ist eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen", so Radboud Droog vom Organisationsteam, selbst ein waschechter Leeuwardener.

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Promo-Video zu Leeuwarden als Kulturhauptstadt 2018.

Nicht umsonst hat seine Heimatstadt den Beinamen "Klein-Amsterdam". Denn auch Leeuwarden kann mit malerischen Grachten und historischen Backsteinherrenhäusern aufwarten. Und darüber hinaus mit vielen Theatern, Lädchen und Museen. Dank der 20.000 Studenten gibt es unzählige Kneipen und Cafés, in denen man sich nicht nur auf ein Biertje trifft, sondern auch auf einen Beerenburger, den berühmten friesischen Kräutergenever.

Im Mittelalter war die Stadt ein wichtiges Handelszentrum mit Zugang zur Nordsee, der allerdings im 13. Jahrhundert versandete. Wahrzeichen von Leeuwarden ist der Oldehove, ein schiefer spätgotischer Kirchturm, so schräg und eigenwillig wie die Einwohner dieser Stadt und schiefer als der von Pisa.

Wo C&A geboren wurde

In Leeuwarden haben August und Clemens Brenninkmeijer einst den allerersten C&A-Laden eröffnet. Und wenn es lange genug friert und das Eis 15 Zentimeter dick wird, dann beginnt und endet hier auch der legendäre Elfstedentocht, der Elf-Städte-Lauf: jener heroische Eislaufmarathon, der so manchen Teilnehmer schon einen (abgefrorenen) Zeh oder Finger gekostet hat und 1997 zum letzten Mal stattfand. 225 Kilometer über Natureis, entlang der elf friesischen Städte.

Die können 2018 alle mit einem Brunnen aufwarten, den elf internationale Künstler anlässlich des Kulturhauptstadtjahres entworfen haben. Der im Hafenstädtchen Stavoren etwa stammt vom US-Künstler Mark Dion; der in der Wassersportstadt Sneek von Stephan Balkenhol aus Deutschland.

Sneek ist bekannt für das Skutjesilen, eine Segelregatta mit historischen Plattbodenschiffen – und die wird dieses Jahr in besonders großem Stil aufgezogen: Denn in das Programm wird die gesamte Provinz einbezogen, nur 40 Prozent aller Veranstaltungen finden in Leeuwarden selbst statt.

foto: imago/ecomedia/robert fishman
Das niederländisch-friesische Leeuwarden ist 2018 Kulturhauptstadt. Im Bild: Eine Kunstinstallation in einer Gracht, die 2017 gezeigt wurde.

Mädchen und Mythos

Zu den Programmhöhepunkten dort gehört die Ausstellung Mädchen und Mythos (noch bis 2. April im Fries-Museum) über die zweifellos berühmteste und auch berüchtigste Tochter der Stadt: Margaretha Zelle, besser bekannt als Mata Hari. 1876 wurde sie in Leeuwarden geboren, um 41 Jahre später, 1917, in Paris als mutmaßliche Doppelspionin hingerichtet zu werden.

Ab dem 28. April folgt eine Übersichtsschau mit 80 Werken des Meisters optischer Illusionen Maurits Cornelis Escher: Seine Vögel, die zu Fischen werden, und seine Treppenlabyrinthe, die gleichzeitig nach oben und nach unten zu führen scheinen, kennt man auf der ganzen Welt.

Zirkusfans sollten sich das Wochenende vom 17. August vormerken: Dann besucht die Straßentheatergruppe Royal de Luxe aus Nantes erstmals die Niederlande und zieht mit ihren spektakulären, meterhohen Marionetten drei Tage lang durch Leeuwarden. Damit ist den Friesen gelungen, was Rotterdam 2001 als Kulturhauptstadt erfolglos versucht hat. "Ein Beispiel dafür, dass Träume wahr werden können", freut sich Radboud Droog.

Deshalb auch das Motto von 2018: "Trau' dich zu träumen, anzupacken – und anders zu sein." Ein Beispiel fürs Anpacken ist das Projekt Fossilfreies Friesland, wenn die gesamte Provinz versucht, ohne fossile Energie zu leben. Auch dem Phänomen Minderheitensprachen will man sich widmen. Hier wird nämlich nicht nur Nederlands gesprochen, sondern auch Fries, das als zweite Amtssprache anerkannt ist. Friesland heißt deshalb auch Fryslan. Und Leeuwarden Ljouwert. (Kerstin Schweighöfer aus Leeuwarden, 13.1.2018)

  • Die Tänzerin und Spionin Mata Hari wurde posthum zur Ikone.
    foto: apa/afp/str

    Die Tänzerin und Spionin Mata Hari wurde posthum zur Ikone.

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