Peter Turrini: "Kurz streckt sich mehr und mehr in Richtung FPÖ"

    Interview14. Jänner 2018, 11:59
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    Sein Volksstück "Fremdenzimmer" ist eine Meditation über das Gastrecht und wird Ende Jänner im Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Ein Gespräch mit dem Autor über das Überwintern in politisch schwieriger Zeit

    Wien – Sein neues Drama "Fremdenzimmer" enthält die denkbar sensibelste Annäherung an das Phänomen Migration. Eine Mindestrentnerin und ein emeritierter Postbote nehmen einen syrischen Flüchtling bei sich auf – und entwerfen unter den Augen des überraschten Gastes ihr Leben neu. Peter Turrinis berührendes Volksstück wird am 25. Jänner im Wiener Josefstadt-Theater uraufgeführt (Regie: Herbert Föttinger).

    STANDARD: Worin bestehen die Chancen der Textsorte "Volksstück" heute? Muss man, plausibler Überlegungen wegen, auf den Begriff Volk nicht lieber verzichten?

    Turrini: Sie haben recht. Bis heute tschinderassert die dörfliche Marschmusik in meinem Erinnerungskopf. Als mein italienischer Vater, der nicht besonders gut Deutsch sprach, starb und auf einem Kärntner Dorffriedhof beerdigt wurde, spielte die Kapelle "Ich hatt' einen Kameraden". Ich hätte mich also von allem, was nach Volk und Heimat riecht, abwenden sollen, aber so war es nicht. In meiner Erinnerung gab es auch ein Buch mit Liedern, die von Knechten und Mägden handelten. Es waren keine klassenkämpferischen Gesänge, sie sprachen von einem beschwerlichen, ja verhunzten Leben und der Sehnsucht nach einem anderen. Dieser Topos ist zur Basis meiner späteren Stücke geworden, von der "Rozznjogd" bis zu "Fremdenzimmer". Es sind Volksstücke über Menschen mit einem desolaten Leben und einem Ausblick auf etwas Besseres, auch wenn dieser Ausblick nur einen Moment oder ein wenig länger dauert. Meine Figuren sind schon am Anfang des Stückes am Ende. Trotzdem sind meine Stücke keine hermetischen Gebilde, in denen es in dieser Welt nichts mehr zu gewinnen gibt.

    STANDARD: Die Menschen produzieren Gefühlsüberschüsse, sie wissen bloß nicht, wohin mit ihren Anlagen zum "Gutsein". Die Angebote der Kulturindustrie gleichen vergifteten Wasserlöchern in der Wüste. Was hat sich seit Ödön von Horváths Tagen geändert?

    Turrini: Die Menschen produzieren nicht nur Gefühlsüberschüsse, sondern auch Wortüberschüsse. Bei Horváth stammeln oder schweigen die Figuren, oder sie ertrinken in ihrer Sentimentalität. Das ist anders geworden. Noch nie war das Banale, das Nichts, so beredt wie heute. Die Unterhaltungsmaschinerie teilt einem ununterbrochen alles mit, das Letzte, das Intimste, das Dümmste. Für einen Dramatiker wie mich heißt das, dass die Figuren ungeheuer viel daherreden und auf diese Weise möglichst wenig von sich hergeben. Das Eigentliche wird in einem Wortberg versteckt und ist dort nur noch schwer aufzufinden. Meine Stücke sind eine Art Suchtrupp nach diesem Eigenen und Eigentlichen.

    STANDARD: Ihr Stück "Fremdenzimmer" postuliert die Möglichkeiten von Verständigung und Empathie. Sollten wir einfach öfter IPhones in Gläser voll Salzwasser werfen und auf die Segnungen der digitalen "Wissenskultur" pfeifen?

    Turrini: Es würde völlig reichen, ab und wann eine Immigrantenfamilie zum Essen einzuladen und anschließend die Gegeneinladung anzunehmen.

    STANDARD: Das Ressentiment ist die letzte Selbstermächtigungsgeste der, wie man früher gesagt hätte: sozial Deklassierten. Wie kann man Ängste ernst nehmen, ohne chauvinistisch zu argumentieren?

    Turrini: Wenn die Leute hinter ihren Wortmauern und Vorurteilsbergen hervorkommen, wenn auch recht zögerlich, entdecken sie Gemeinsamkeiten mit den Fremden. Das können Sie auf jeder Baustelle beobachten: Erst ist der Neue das Ziel jeglichen Spotts, nach einiger Zeit saufen sie miteinander und schimpfen gemeinsam auf ihre jeweilige Alte. Viel schlimmer sind die Ressentiments, welche sich hinter angeblichen Fakten und Zahlen verstecken, von abzusperrenden Routen und hochzuziehenden Zäunen reden, die drohende Umvolkung verkünden und ähnliches. Diese akademisierten Fremdenhasser haben sich erkannt, zusammengefunden und bilden derzeit eine Regierung.

    STANDARD: Haben Sie die Thesen der neuen Bundesregierung zur Kulturförderung studiert?

    Turrini: Das ist ein weiterer Beitrag zur Quatschgesellschaft. Die einzige vernünftige Aussage wäre eine Erhöhung des Kulturbudgets gewesen, aber das wird bei dieser Regierung nicht geschehen. Also wird von Optimierung und Evaluierung gefaselt. Sollen in Hinkunft Kulturfunktionäre der ÖVP und FPÖ die Kunst optimieren? Wird der Philosoph Blümel bei der Valorisierung von Kunst höchstpersönlich mitmachen? Wird Herr Kickl, ein ehemaliger Lyriker, den Dichtenden bei der Optimierung beistehen?

    STANDARD: Besitzt auch die Kunst eines Dramatikers Potenzial, in unbehaglicher Zeit "zu überwintern"?

    Turrini: Ich habe gar nicht die Absicht, mir ein warmes Plätzchen zu suchen, wenn es politisch eisig wird. Ich lehne diese Regierung aus Überzeugung ab, weil sie die Schwächeren weiter schwächt und die Stärkeren begünstigt. Ich werde diese Meinung in Hinkunft bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit kundtun. Das Regierungsprogramm ist jedoch nicht das Schlimmste, man kann ja streiten. Das Schlimmste sind die Fantasien, die gleich nach der Regierungsbildung bei FPÖ-Politikern aufgetaucht sind: Man könnte die Flüchtlinge in Kasernen sperren, ihnen das Geld wegnehmen, sie vor die Städte karren und so weiter. Da schimmert das Bild der Menschenverfolgung durch. Ich verstehe nicht, warum Minister der ÖVP, darunter ein paar respektable Personen, diesem grauslichen Gerede nicht ins Wort fallen, sondern harmoniesüchtig vor sich hin lächeln. Und Herr Kurz? Er streckt sich mehr und mehr in Richtung FPÖ und läuft dabei Gefahr, ein verlängerter Brauner zu werden. (Ronald Pohl, 14.1.2018)

    Peter Turrini (73) wuchs in Maria Saal auf. "Rozznjogd" schlug 1967 wie ein Meteor in die deutschsprachige Theaterlandschaft ein. Turrini hat über 40 Stücke geschrieben. 2017 erhielt er den Kulturpreis des Landes Kärnten.

    • Peter Turrini über Chauvinismus: "Die Menschen müssen hinter ihren Wortmauern hervorkommen."
      foto: neubauer/apa

      Peter Turrini über Chauvinismus: "Die Menschen müssen hinter ihren Wortmauern hervorkommen."

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