Angst vorm Fliegen

Kolumne12. Jänner 2018, 15:04
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Über den Wolken muss das Grauen wohl grenzenlos sein

Langstreckenflüge in der Holzklasse sind selten ein Vergnügen, und auch mein Rückflug aus Johannesburg war keines. Von meinem Sitz aus hatte ich Ausblick auf etwa zehn in die Lehnen vor mir eingelassene Videobildschirmchen, auf denen ein atemberaubendes Fiktionspotpourri aus den Garküchen der Filmindustrie abgespielt wurde.

Zwei Sitze links vor mir drehen ein paar Finger in Großaufnahme an einem Tresorschloss, auf einem Platz drei Sitzreihen Richtung Nordnordost prasselt ein Feuerwerk brachialer Kinetik ab (Autoverfolgungsjagd, die in einen Zweikampf mit reichlich Hieben aufs Maul mündet).

Noch eine Reihe weiter vorn rollt ein Trupp Zeichentrickfiguren die putzigen Äuglein. Wie ist das eigentlich beim Casting für Zeichentrickfilme? Onanieren da die Produzenten den Hauptdarstellerinnen auch auf die Morgenmäntel? Wie auch immer: In meinem Alter fühlt man sich von zehn simultanen Filmbeglückungen im Flugzeugrumpf jedenfalls schnell einmal überfüttert.

Faszinierende Abgründe

Doch das Essen sollte erst kommen. Ich bin stets fasziniert von den Abgründen, die sich über den Wolken zwischen der prätentiösen Beschreibung der in Aussicht gestellten Speisen auf der Menükarte und dem auftun, was dann serviert wird. Der "Lachssalat auf Gemüsen der Saison" entpuppt sich als fahlrosa Lachslappen, der sich in einem schwarzen Plastikschälchen über Gurkenscheiben und ein Häufchen Karottenraspel hinwindet.

Mit der "Selektion von verschiedenen Käsen" wiederum sind vier mit ein paar Trauben garnierte, käsoide Miniaturkuben gemeint, die ebenfalls im Schälchen gereicht werden. Sie unterscheiden sich zwar farblich, schmecken aber identisch, nämlich nach nichts.

Nach dem "Essen" erspähte ich auf einem Sitz jenseits des Ganges einen Herrn, der dabei war, Überreste von Lachssalat und Käseselektion händisch aus seinem Gebiss zu entfernen. Entstammt der Mann einem Kulturkreis, in dem der Zahnstocher noch nicht verbreitet ist? Oder lehnt er dieses Utensil aus irgendwelchen persönlichen Gründen? Wer weiß. Auf jeden Fall: Fingerfood der besonderen Art!

Auf der Erde weicht man einem solchen Tischmanieren- Wüstling umgehend aus. Angeschnallt in 9500 Metern Flughöhe (Vorsicht, Turbulenzen!) ist das unmöglich. Mein Glück: Der nächste Langstreckenflug steht erst in ein paar Monaten an. (Christoph Winder, 13.1.2018)

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