Keine Ausreden für das ÖHB-Team

    11. Jänner 2018, 18:39
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    Österreichs Handballteam ziert auch dank Teamchef Patrekur Johannesson zum dritten Mal eine EM. Zum Auftakt ist ein Sieg gegen Weißrussland gefragt

    Eine Sache stellt Patrekur Johanesson eingangs im Gespräch mit dem STANDARD klar. "Ich könnte tausend Ausreden suchen, aber das tue ich nicht. Wenn es nicht läuft, dann nehme ich die Schuld auf mich." Johannesson (45) wird in seinem siebenten Jahr als Teamchef der österreichischen Handballnationalmannschaft nicht müde, den Druck von seinen Spielern zu nehmen. "Sie geben alles für mich, ich gebe alles für sie. Es ist ganz einfach." Schwieriger ist die Ausgangslage, das erste Vorrundenspiel in Gruppe B gegen Weißrussland (Freitag, 18.00, ORF Sport+) sollte Österreich tunlichst gewinnen. Die weiteren Gruppengegner sind leider Weltmeister Frankreich und Vizeweltmeister Norwegen. Die Top drei dieser Vierergruppe steigen in die Hauptrunde auf.

    Teamkapitän Thomas Bauer formulierte die Ausgangslage so: "Wir haben gleich zu Beginn unser Finalspiel." Dass der erst 21-jährige Nikola Bilyk auf die viertmeisten Länderspieleinsätze (44) im Kader verweisen kann, heißt auch: Johannesson vertraut einer sehr jungen Mannschaft, aber auch neun Legionären. Auch gegen Frankreich und Norwegen rechnet sich der Isländer etwas aus. Selbst wenn bei den Franzosen alle 18 Kaderspieler Champions League spielen. "Wir verlieren gegen Frankreich 20 von 21 Spielen, aber warum soll dieser eine Sieg nicht bei der EM gelingen?"

    Weißrussische Harmonie

    Johannesson liebt Herausforderungen. "Als Trainer von Frankreich oder Dänemark musst du die Topstars nur bei Laune halten, für meine Karriere ist der Trainerjob in Österreich besser. Wir haben immer Personalsorgen, du musst Lösungen finden, ich lerne viel." Auch deshalb holte der Teamchef einen Tag vor EM-Start den 38-jährigen Routinier Vitas Ziura zurück in die Mannschaft. Dessen Comeback wollte man vor Weißrussland so lange wie möglich geheim halten. Das letzte direkte Duell mit den Weißrussen liegt bereits fünf Jahre zurück. Anfang Jänner 2013 setzte sich Weißrussland beim Yellow Cup in Winterthur klar mit 33:22 durch. Der letzte Sieg gelang Österreich 2011 in einem Testspiel mit 31:28. In insgesamt 17 Duellen gab es sieben Siege, zehnmal musste man sich Weißrussland beugen.

    Deutschland-Legionär Robert Weber (Magdeburg) sieht neben dem Tempo beim Umschaltspiel die Harmonie als größte weißrussische Stärke. Die halbe Mannschaft ist in der Heimat in Minsk und in Brest engagiert. "Die spielen gerne miteinander Handball." Und haben mit Juri Schewzow einen Trainer von Weltformat. Als Spieler Weltmeister und Olympiasieger mit der Sowjetunion, gewann er als Coach in Deutschland Meister- und Cuptitel. "Schewzow ist wirklich clever. Ich hatte das Glück, in Essen unter ihm zu spielen", sagt Johannesson. "Er ist mit Abstand der beste Trainer, den ich je hatte. Er kann die Spieler unglaublich motivieren. Eine schwierige Aufgabe."

    Thomas Bauer hat als Torhüter quasi bis zum Umfallen den Gegner per Videostudium analysiert. Im Handball gibt es Spiele, "wo du 50 Prozent der Bälle dank gezieltem Scouting halten kannst", sagt Bauer. Aber wenn es nur so einfach wäre. "Die Weltklassespieler kommen mit einer ungeheuren Wucht daher, ich muss oft schon vorher wissen: Wohin wirft der Gegner und wann?"

    Wichtige Selbstkritik

    Johannessons Familie lebt in Island, in seiner Heimat coacht der Vater von drei Kindern den Ligaklub Selfoss. "Das hilft mir auch als Teamchef, ich habe mehr Matchpraxis." Die Tatsache, dass er Österreich nach der EM 2014 und der WM 2015 nun bereits zum dritten Großereignis geführt hat, macht Johannesson, der als Spieler 243 Mal für Island auflief und 1992 bei den Olympischen Spielen mit der Nationalmannschaft den vierten Platz belegte, schon ein bisserl stolz.

    Auch weil er ein anderer Trainer ist als vor sieben Jahren. "Am Anfang meiner Karriere dachte ich, ich wüsste alles über das Spiel. Ich habe aber schnell gemerkt, dass Selbstkritik wichtig ist." Die Spieler schätzen seine Geradlinigkeit. "Meinen Charakter kann ich nicht ändern. Manchmal bin ich ruhig, manchmal auch verrückt." (Florian Vetter aus Porec, 11.1.2018)

    • Soll es richten: Robert Weber, mit bislang 124 Toren in 19 Saisonspielen für Magdeburg drittbester Werfer in der deutschen Handballliga.
      foto: öhb/martin pucher

      Soll es richten: Robert Weber, mit bislang 124 Toren in 19 Saisonspielen für Magdeburg drittbester Werfer in der deutschen Handballliga.

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