Die Religion, ein Anker für viele junge Flüchtlinge

12. Jänner 2018, 07:16
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Eine Grazer Studie unterstreicht die eminente Bedeutung der Religion für junge Muslime. Vor allem Frauen sind von großer Religiosität erfasst. Mit der Religion sei auch Antisemitismus aus den Herkunftsländern mitgekommen, sagt der Studienautor

Graz – Die untersuchte Gruppe sei zwar nicht wissenschaftlich repräsentativ, deren Aussagen böten aber Hinweise auf bundesweite Entwicklungen – vor allem in den urbanen Räumen, sagt Ednan Aslan. Der Islamforscher der Uni Wien hat – nach der umstrittenen Kindergartenstudie in Wien – nun die religiöse und ethische Orientierung muslimischer Flüchtlinge in der steirischen Landeshauptstadt Graz untersucht.

Aussagen von 288 Flüchtlingen aus elf Betreuungsunterkünften wurden dazu nach Face-to-Face Befragungen protokolliert. Der erste Eindruck: Rund die Hälfte der Befragten gab an, dass die Religion hier in Österreich eine wesentlich größere Rolle spiele als noch in ihrem Herkunftsland.

70 Prozent gehen regelmäßig zum Freitagsgebet in die Moschee, 62 Prozent der jungen weiblichen Flüchtlinge beten fünfmal am Tag, bei den jungen Männern sind es 40 Prozent. Die Religion übernehme eine gewisse Schutz- und Identifikationsrolle in der neuen Umgebung, sagt Aslan. Was aber die Gefahr in sich berge, dass sie von muslimischen Organisationen ausgenutzt werde.

Antisemitismus

Mit der – auch durch eine Studie der Donau-Uni Krems erhobenen – eminenten Bedeutung der Religion für den Alltag der Flüchtlinge (zwei Drittel sind hier in Graz junge Männer) würden auch die religiöse Dogmen und Wertvorstellungen mitgebracht, sagt Aslan. Was sich auch in einem hohen Ausmaß an antisemitischen Haltungen äußere, aber ebenso in Einstellungen zu Frauen, zur Homosexualität und zum Männerbild.

46 Prozent der Befragten sind laut Studie der Ansicht, dass "die Juden" zu viel Einfluss hätten auf der Welt, ein in etwa gleicher Prozentsatz ist der Ansicht, dass die jüdische Religion schädlich für die Welt sei. "Dazu muss man sagen, dass der Antisemitismus in ihren Herkunftsländer sozusagen normal ist", sagt Islamwissenschaftler Aslan.

Besonders ausgeprägt sei die Religiosität bei jungen Frauen. 66 Prozent der befragten Musliminnen legen Wert darauf, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen, 50 Prozent bekennen sich uneingeschränkt dazu.

44 Prozent der interviewten Flüchtlinge gaben an, es abzulehnen, Männern die Hand zu geben.

Das Verhältnis zu anderen Religionen ist laut Grazer Untersuchung deutlich vom Glauben an die Dominanz des Islam geprägt. Beinah die Hälfte der Befragten ist der Meinung, dass Christen und Juden vom richtigen Weg abgekommen sind, gut 55 Prozent glauben an die "Höllenstrafe" für die Ungläubigen.

Klagen über "Sittenverfall"

Differenzierter ist das Rollenbild der Geschlechter. Die Mehrheit spricht sich dafür aus, dass Männer und Frauen gleichermaßen zum Familieneinkommen beitragen sollen, sie sind auch für eine Gleichstellung der Frauen im Haushalt.

44 Prozent der Befragten heißen Gewalt gegen Frauen, die ihren Mann betrügen, aber für "gut".

Drei Viertel der befragten Flüchtlinge sind allerdings der Meinung, dass die Demokratie die ideale Regierungsform sei, 44 Prozent beklagen aber einen Sitten- und Werteverfall der westlichen Gesellschaft. "Man schätzt den Wert der Freiheit, der Demokratie, ist sich aber vielfach nicht bewusst, dass damit auch Pflichten zur Erhaltung der Freiheit verbunden sind", sagt Aslan, der davon ausgeht, dass sich in einigen Jahren in Graz eine schiitische Mehrheit bilden werde, zumal hauptsächlich schiitisch Gläubigen hier angekommen seien. Diese neuen Strukturen könnten von Ländern wie dem Iran unterstützt werden.

Für Integrationsstadtrat Kurt Hohensinner (ÖVP), der die Studie in Auftrag gegeben hat, ergeben sich nun klare Handlungsorientierungen für die Politik: Der Antisemitismus müsse gemeinsam mit muslimischen Vereinen massiv bekämpft und die Frauen unterstützt werden. (Walter Müller, 12.1.2018)

  • Unter jungen Musliminnen ist die Religiosität besonders ausgeprägt, sie gehen öfters zum Gebet in die Moscheen und legen mehrheitlich (66 Prozent) Wert darauf, in der Öffentlichkeit Kopftuch zu tragen.
    foto: dpa / frank rumpenhorst

    Unter jungen Musliminnen ist die Religiosität besonders ausgeprägt, sie gehen öfters zum Gebet in die Moscheen und legen mehrheitlich (66 Prozent) Wert darauf, in der Öffentlichkeit Kopftuch zu tragen.

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