#MeToo und die sexuelle Freiheit, lästig zu fallen

Kommentar der anderen11. Jänner 2018, 16:52
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Denunziation und Puritanismus vergiften die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Selbsternannte Tugendwächter kreieren eine Atmosphäre der Hexenjagd. Ein Aufschrei französischer Frauen

Vergewaltigung ist ein Verbrechen. Aber ein aufdringlicher oder ungeschickter Aufrissversuch ist kein Delikt, genau so wenig wie ein galantes Benehmen einer machistischen Aggression gleichzusetzen ist.

Die Affäre Weinstein hatte eine legitime Bewusstwerdung sexueller Gewalt gegen Frauen zur Folge, vor allem in einem beruflichen Kontext, in dem manche Männer ihre Macht missbrauchen. Dieser Prozess war notwendig. Aber diese Befreiung der Sprache verkehrt sich heute in ihr Gegenteil. Man versucht uns zu befehlen, dass wir in einer vorgeschriebenen Art sprechen und dass wir das verschweigen sollen, was nicht ins Bild passen könnte, und all jene Frauen, die sich diesen Anordnungen widersetzen, werden als Verräterinnen und Komplizinnen betrachtet!

Es liegt exakt im Wesen des Puritanismus, im Namen eines angeblich allgemeinen Guten, Argumente zum Schutz der Frauen und ihrer Emanzipation zu bemühen, um sie noch intensiver an einen Status der ewigen Opfer anzuketten, arme kleine Dinger unter dem Bann phallokratischer Dämonen wie damals in den guten alten Zeiten der Hexenjagd.

Tatsächlich hat #MeToo in der Presse und in den sozialen Netzwerken zu einer Denunziationskampagne und einer Anprangerung einzelner Personen geführt, ohne dass man ihnen die Möglichkeit eingeräumt hätte, zu antworten und sich zu verteidigen. Damit bewegt man sich auf genau demselben Niveau wie ein sexueller Angreifer. Diese Schnelljustiz hat bereits ihre Opfer gefordert, Männer, die in ihrer beruflichen Tätigkeit bestraft oder zum Rücktritt gezwungen werden, einzig und allein deswegen, weil sie ein Knie berührt haben, versucht haben, einen Kuss zu stehlen, weil sie von "intimen" Dingen gesprochen oder Botschaften mit sexueller Konnotation an eine Frau geschickt haben, bei der die Anziehung nicht erwidert wurde.

Dieses fiebrige Bestreben, "Schweine" zur Schlachtbank zu führen, ist weit davon entfernt, Frauen zu mehr Autonomie zu verhelfen, sondern es dient in Wahrheit den Interessen aller Feinde sexueller Freiheit, religiösen Extremisten, den übelsten Reaktionären und all jenen, die im Namen einer damit verbundenen Idee von einem wesenhaft Guten und einer viktorianischen Moral glauben, Frauen seien gesonderte Wesen, Kinder mit erwachsenem Antlitz, die danach fordern, dass man sie beschütze.

Männer werden frontal aufgefordert, ihre Sünden zu gestehen und in einem entfernten Winkel ein "deplatziertes Verhalten" aufzustöbern, das sie vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren gesetzt haben und nun bereuen sollen. Die öffentliche Beichte, das Eindringen selbsternannter Tugendanwälte in die Privatsphäre – das ist es, was die Atmosphäre eines totalitären Staates schafft (...).

Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass der Mensch keineswegs monolithisch gebaut ist. Eine Frau kann an ein und demselben Tag professionell ein Team leiten und es genießen, das sexuelle Objekt eines Mannes zu sein, ohne dass sie deswegen eine "Schlampe" oder eine üble Komplizin des Patriarchats wäre. Sie kann genau darauf achten, dass ihr Lohn gleich hoch ist wie der eines Mannes, und sich dennoch nicht traumatisiert fühlen, wenn sich ein Mann in der Metro an ihr reibt, auch wenn das als ein Delikt angesehen wird. Sie kann diesen Frotteur auch als einen Ausdruck einer großen sexuellen Misere begreifen, oder aber das Ganze für ein Nichtereignis halten.

Gerade in unserer Eigenschaft als Frauen erkennen wir uns nicht in einer Spielart des Feminismus wieder, der, über die Anprangerung des Machtmissbrauchs hinaus, das Gesicht eines Hasses auf alle Männer und die Sexualität angenommen hat. Wir glauben, dass es die Freiheit, Nein zu einem sexuellen Vorstoß zu sagen, nicht ohne die Freiheit, jemandem anderen lästig zu fallen, gibt. Wir glauben, dass man dieser Freiheit zum Lästigfallen anders begegnen kann als damit, dass man sich in die Rolle eines Beutetiers begibt.

Wir glauben, dass jene unter uns, die sich dazu entschlossen haben, Kinder in die Welt zu setzen, vernünftig handeln, wenn sie sie so erziehen, dass sie ausreichend aufgeklärt und bewusst ein ganzes Leben leben können, ohne sich einschüchtern oder mit Schuldgefühlen manipulieren zu lassen. Die Missgeschicke, die den Körper einer Frau treffen können, müssen nicht notwendigerweise ihre Würde berühren, und, selbst wenn sie manchmal sehr hart sind, müssen sie sie genau so wenig in ein ewiges Opfer verwandeln. Denn wir sind nicht auf unsere Körper reduzierbar. Unsere innere Würde ist unverletzlich. Und diese Freiheit, die wir hochhalten, ist ohne Risiko und ohne Verantwortung nicht zu haben. (Aus dem Französischen von Christoph Winder, 11.1.2018)

Dieser Text ist die gekürzte Fassung einer in der französischen Tageszeitung "Le Monde" erschienenen Erklärung, die von fünf Autorinnen verfasst wurde:

Sarah Chiche (Psychoanalytikerin und Autorin)

Catherine Millet (Autorin und Kunstkritikerin)

Catherine Robbe-Grillet (Schauspielerin und Schriftstellerin)

Peggy Sastre (Journalistin)

Abnousse Shalmani (Schriftstellerin)

100 Frauen haben die Erklärung unterschrieben, deren prominenteste Proponentin ist die Schauspielerin Catherine Deneuve.

  • Catherine Deneuve ist die bekannteste Unterzeichnerin  der heftig umstrittenen Erklärung.
    foto: apa/afp/dpa/gregor fischer

    Catherine Deneuve ist die bekannteste Unterzeichnerin der heftig umstrittenen Erklärung.

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