Offener Brief gegen #MeToo: Die Zeit ist nicht um

Kommentar11. Jänner 2018, 16:14
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Die Einwände der Frauen könnten den vielen engagierten Menschen Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben

Auch wenn Hollywoods Crème de la Crème bei den Golden Globes gerade erst "Ihre Zeit ist um" in Anspielung auf die neue Kampagne Time's Up in Richtung übergriffiger Männer schmetterte, zeigte sich wenige Stunden später: Gar nichts ist um.

In der Mittwochsausgabe der französischen Tageszeitung Le Monde ist ein offener Brief von rund hundert Frauen erschienen, in dem sie sich gegen die "Denunziationskampagne" richten, die ihrer Ansicht nach seit #MeToo und #BalanceTonPorc – wie sich die französische Variante etwas derb ("Verpfeif dein Schwein") nennt – gegen Männer laufe. Das ist wieder einmal eine völlige Irreführung in der Debatte, und man fragt sich, ob es noch ungeklärte Missverständnisse gibt oder ob es schlicht tief eingeübter Sexismus ist, der Frauen keine selbstbestimmte Sexualität erlaubt, geschweige denn ein Berufsleben, in dem sie nicht ihren Körper gegen Chancen tauschen müssen.

Die Einwände der Frauen, darunter die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Autorin Catherine Millet, wurden in den vergangenen Monaten zigmal thematisiert und könnten den vielen engagierten Menschen, die sich in den letzten Monaten den Mund über Machtstrukturen und Täter-Opfer-Umkehr fusselig geredet haben, Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben.

Die Unterzeichnerinnen sehen zwar ein, dass Vergewaltigung ein Verbrechen ist. Doch das eigentliche Problem seien die derzeitigen maßlosen Übertreibungen. Wieder wird der Griff ans Knie ins Feld geführt, um die massenhaften Gewalterfahrungen ins Lächerliche zu ziehen. Es ist tatsächlich diskussionswürdig, ab welchem Verhalten jemand in seinem Job nicht mehr tragbar ist. Aber nach dieser Welle erschütternder Berichte so zu tun, als gehe es um Kniegrapscher oder "ungeschicktes Flirten", wie es in dem offenen Brief heißt, erfordert schon einen Batzen Ignoranz. Und es zeigt, dass noch immer ein Bild von sexualisierter Gewalt vorherrscht, das schlicht falsch ist.

Es ist eine Vorstellung von sexualisierter Gewalt, für die nur eine wahre Definition gelten darf. Doch gerade die Vielfalt der Berichte zeigt, wie unterschiedlich Gewalt auftreten kann. Ginge es nach den Unterzeichnerinnen, hätten Betroffene zu akzeptieren, dass jemand anderer definiert, wann sie sich in ihrer sexuellen Würde verletzt fühlen dürfen. Und bei allem, was weniger schlimm als eine Vergewaltigung ist, sollen sie sich mal bitte nicht so haben. Schließlich gehe es um die "sexuelle Freiheit", wie es in dem Brief heißt, sie erfordere "eine Freiheit, jemandem lästig zu werden". Und da brennen wieder die Augen, diesmal sind es allerdings Tränen des Mitleids. Was für eine traurige "sexuelle Freiheit"! Eine, die Männern vermittelt, sie müssten Sex "beharrlich" einfordern, eine Freiheit auf Kosten des Gegenübers. Eine "Freiheit", in der die Vorstellung herrscht, Frauen wollten keinen Sex, nur weil sie selbst bestimmen wollen, wie, wann – und mit wem. Was für ein erbärmliches Bild von Sexualität! (Beate Hausbichler, 11.1.2018)

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