"Na ja, wenn man vom Land kommt ... "

    Blog11. Jänner 2018, 13:55
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    Unter jenen, die schon Jahrzehnte in Wien sind, aber aus Dörfern kamen, zeigen viele ihre Anpassung, indem sie alles necken, was aus Restösterreich kommt

    Wir warteten auf unser Essen und tranken aus Einmachgläsern, wie sie in Boborestaurants von Linz bis Graz mit mehr oder weniger selbstgemachten Limonaden befüllt werden. Durch ein großes Fenster sahen wir entspannt vorbeieilenden Menschen in Wien-Neubau beim Einkaufen zu. Da ertönte eine freundliche, vertraute Stimme aus dem Inneren des Lokals: "Ja, so sieht man sich wieder! Ein gutes neues Jahr!"

    Kategorie Totalassimilation

    Es war eine Bekannte aus Graz mit ihrem Partner, einem Wahlwiener der Kategorie "Totalassimilation". Wir wünschten einander alles Gute für das angebrochene Jahr, und bald folgte die obligate Frage, wie es uns denn nach unserem Umzug nach Wien in der Stadt gehe. "Ja, eh", sagte ich. Wie es ihm in der Schule gefalle, fragte der Assimilationswiener meinen Sohn.

    "Cool", antwortete der fröhlich und schlürfte weiter sein Zuckerwasser.

    "Na ja, wenn man vom Land kommt, findet man bald was cool", feixte der Mann.

    Mein Sohn hob kaum merklich die linke Augenbraue und lächelte höflich. Ich konnte seinen Blick lesen: "Ich komme aus Graz." Aber er sagte nichts.

    Die Grazer Bekannte griff ein und erklärte das Verhalten ihres Partners entschuldigend: "Weißt eh, er kommt aus einem Dorf im Burgenland und glaubt deswegen, alle, die nicht aus Wien sind, kommen auch vom Land."

    Mein Sohn nickte verständnisvoll. Der Mann lachte verlegen und erzählte durchaus unterhaltsam von seinen ersten Eindrücken von Baustellen auf der Mariahilfer Straße in den 1980er-Jahren. Nun nickten wir beide verständnisvoll.

    Später googelte ich das Dorf im Burgenland. Es ist genau genommen eine Marktgemeinde mit knapp 3.000 Einwohnern. Sicher hübsch, vielleicht fahren wir da einmal hin.

    "Bist schon Rolltreppe gefahren?"

    Ich erzählte meinem Sohn dann noch von den Kommentaren, die ich schon seit rund 25 Jahren hörte, wenn ich als Grazerin Wien besuchte. Mein Favorit war lange das "Bist schon Rolltreppe gefahren?" eines für seine Witze gefürchteten Wiener Kollegen.

    Auch das "Bellen", das manche mehr oder weniger talentfrei nachzuahmen versuchten, ohne offenbar zu wissen, dass der Grazer "Dialekt" historisch mit West- und Oststeirisch weniger zu tun hat als mit dem Wienerischen pensionierter kakanischer Beamte oder der Sprache aus Deutschland zugewanderter Handwerker, würde ihm sicher noch begegnen. Er solle sich nicht wundern. "Man gewöhnt sich daran."

    Aber man müsse auch selbst von Verallgemeinerungen Abstand halten, versicherte ich ihm: "Es gibt natürlich solche und solche Wiener."

    Es gibt sicher auch eingeborene Wiener und Wienerinnen, aber man begegnet ihnen gar nicht so leicht.

    Das Wort Unterwerfung wäre zu hart

    Unter jenen, die schon Jahrzehnte hier sind, aber aus kleineren Städten oder Dörfern kamen, zeigen viele ihre Anpassung – das Wort Unterwerfung wäre doch zu hart –, indem sie alles necken, was aus Restösterreich kommt. Zwischen Tschagguns und Graz wird da nicht unterschieden. Es ist vielleicht ihre ungelenke Art zu zeigen, dass sie jetzt Großstädter sind.

    Daneben gibt es jene, die völlig entspannt oder sogar liebevoll von ihrer Heimatgemeinde reden können und sich trotzdem in Wien pudelwohl fühlen.

    Dunkle Geheimnisse

    Und dann gibt es welche, die spricht man am besten nicht auf ihre Herkunft an, weil sie offenbar ein dunkles Geheimnis, eine düstere Kindheit und Jugend oder sonst etwas in die Großstadt trieb. Sie nehmen ihre Vergangenheit, sei sie im Mürztal oder im Bärental vergraben, oft als Rucksack mit – und schleppen sie dann als vermeintlichen "Wiener Grant" weiter. Der erwähnte Burgenländer gehört aber zum Glück nicht dieser Kategorie an. Er ist sogar meistens gut gelaunt. (Colette M. Schmidt, 11.1.2018)

    • Eine Stadt, die in internationalen Rankings regelmäßig auf Platz eins bei der Lebensqualität, aber auch bei der Unfreundlichkeit ihrer Bewohner landet, wirft Fragen auf.
In diesem Blog beschreibt Colette M. Schmidt ihre Suche nach dem "Wiener Charme" und dem "goldenen Wiener Herz" sowie andere Wiener Phänomene.
      foto: standard/köck

      Eine Stadt, die in internationalen Rankings regelmäßig auf Platz eins bei der Lebensqualität, aber auch bei der Unfreundlichkeit ihrer Bewohner landet, wirft Fragen auf.

      In diesem Blog beschreibt Colette M. Schmidt ihre Suche nach dem "Wiener Charme" und dem "goldenen Wiener Herz" sowie andere Wiener Phänomene.

    • Colette M. Schmidt wurde in Kanada geboren, wuchs in Graz auf, wo sie 23 Jahre für den STANDARD schrieb. Seit Juli 2017 lebt sie in Wien und arbeitet als Redakteurin für das Chronikressort des STANDARD.
      foto: matthias cremer

      Colette M. Schmidt wurde in Kanada geboren, wuchs in Graz auf, wo sie 23 Jahre für den STANDARD schrieb. Seit Juli 2017 lebt sie in Wien und arbeitet als Redakteurin für das Chronikressort des STANDARD.

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