Warum nachhaltige Anleger trotz üppiger Rendite nicht anbeißen

    13. Jänner 2018, 12:00
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    Investoren achten stärker darauf, was mit ihrem Geld passiert. Das spürt die Nahrungsmittelindustrie: Zuviel Zucker und Fett sind tabu

    Wien – Der Blick auf die Waage nach den Feiertagen mag vielleicht erschreckend gewesen sein. Kekse, Festtagsbraten, Punsch und Eierlikör heften sich gemein an die Hüften. Aber dabei waren es doch gar nicht so viele Vanillekipferln und Punsch ... Nun, hier kann das Gewissen – zumindest teilweise – beruhigt werden. Schuld ist nämlich – auch – die Industrie. Sie packt in viele ihrer Produkte zu viel Fett, zu viel Zucker und zu viel Salz.

    Der Einsatz dieser und anderer Zutaten wird auch von nachhaltigen Investoren immer kritischer beäugt, wenn sie auf der Suche nach Aktien oder Anleihen aus dem Nahrungsmittelsektor oder Restaurants sind. Denn mittlerweile wurden viele dieser Inhaltsstoffe als gesundheitsgefährdend eingestuft. "An der Nahrungsmittelindustrie gehen solche Diskussionen nicht mehr spurlos vorüber", sagt Wolfgang Pinner, Leiter der nachhaltigen Veranlagung bei der Raiffeisen KAG.

    "Auch die auf Nachhaltigkeit spezialisierten Ratingagenturen screenen die Produktpalette der Nahrungsmittelindustrie mittlerweile sehr genau", sagt Alexander Osojnik, Senior ESG Analyst bei der Erste Asset Management. Damit fließe das Verhalten der Unternehmen in diesem Bereich auch in die Auswahl der Aktien und Anleihen mit ein.

    Fastfood in der Kritik

    Vor allem Hersteller von Fastfood stehen immer wieder im Mittelpunkt der Kritik: Übergroße Portionen und Ladenkonzepte, die auf überhastetes Essen ausgelegt sind, förderten ungesundes Essverhalten. Doch Nachhaltigkeitsexperte Osojnik weist hier noch auf einen anderen Aspekt hin – und zwar auf den der Macht der Kunden. Das, was sie kaufen wollen, werde auch angeboten. Denn bei McDonalds etwa können mittlerweile auch Salat und Veggie-Burger bestellt werden. Somit bleibt die Fastfoodkette für viele nachhaltige Anleger investierbar – je nachdem, wie scharf die Ausschlusskriterien formuliert sind -, weil auch die Bereitschaft zur Veränderung der Produktpalette beim Investmentprozess als Kriterium angerechnet wird.

    Doch über der Industrie hängen noch andere Damoklesschwerte, die auch Folgen für Investoren haben können. Denn die Kombination aus zu viel Fett und Zucker in den Produkten ist auch der Treiber hinter der immer wieder diskutierten und von Nahrungsmittelexperten geforderten Junk-Food-Steuer. Auch die hohen Ausgaben bei der Werbung für eigentlich ungesunde Produkte, deren Geschmacksverstärker, Farb- und Geruchsstoffe den Appetit der Kunden oft über Gebühr anregen, werden zunehmend kritisiert. "Für Unternehmen werden Bestrebungen wie Steuern auf ungesunde Nahrungsmittel zum immer größeren Risiko", sagt Pinner. Denn das könne direkt auf den Umsatz durchschlagen.

    Zuckersteuer gefordert

    Die Angst vor den Folgen sind nicht unberechtigt. So hat Frankreich bereits 2012 eine Steuer auf Softdrinks eingeführt, die als Abgabe auf Getränke mit Zuckerzusatz oder Ersatzstoffen definiert ist. Auch Mexiko hat mittlerweile eine Zuckersteuer eingeführt, in Großbritannien wird sie immer wieder diskutiert. Vergangenen Dezember erst haben britische Politiker und Gesundheitsexperten die alljährliche Tour des Coca-Cola-Weihnachtstrucks harsch kritisiert, weil dabei das zuckerhaltige Getränk an Kinder verschenkt wird. Auch Starkoch Jamie Oliver hat sich in die Debatte eingemischt und Coca-Cola aufgefordert, bei der Tour lieber Wasser statt der Limo zu verschenken.

    Das Risiko, dass auch Großinvestoren sich langfristig von jenen Konzernen abwenden, die in diesen Bereichen nicht auf Nachhaltigkeit setzen, ist gegeben. Es sind laut Pinner "die wachsenden Befürchtungen in Richtung 'Zucker ist der neue Tabak', die Unternehmen langsam zu einem Umdenken veranlassen". Einige Produkte würden zuletzt zumindest auf "weniger ungesund" getrimmt.

    Große Vorhaben

    Doch mit welchen Maßnahmen genau wollen Unternehmen gegen diese Form der Überernährung vorgehen – auch um sich vor steuerlichen Folgen zu schützen und Investoren zu überzeugen? Dieser Frage ist man bei Raiffeisen nachgegangen; 30 internationale Unternehmen aus den Sektoren Nahrungsmittelindustrie, Restaurants und Einzelhandel wurden dafür kontaktiert. Mehr als die Hälfte hat geantwortet. "Die Ziele sind teilweise ehrgeizig", sagt Pinner.

    So will Marks & Spencer beispielsweise bis 2022 mindestens 50 Prozent seiner globalen Lebensmittelumsätze mit gesünderen Produkten erzielen. Danone hat in seinen "Ernährungszielen 2020" die Vorhaben für die Verbesserungen in Richtung gesunde Lebensmittel festgelegt. Tesco verkauft nur mehr Softdrinks, die weniger als fünf Gramm Zucker je 100 ml Getränk enthalten. Zudem wurden die Preise für gesunde Produkte und für frisches Obst gesenkt. Steuern auf Softdrinks sahen die befragten Unternehmen hingegen durchwegs kritisch.

    Schon zwischen 2010 und 2012 hat Danone die Rezepturen von 26 Prozent seiner Produkte verbessert. Nestlé hat allein 2012 laut eigenen Angaben bei 6692 Produkten den Anteil von Natrium, Zucker, Fett, Kalorien oder künstlichen Farbstoffen optimiert.

    Auf dem Radar haben nachhaltige Investoren immer öfter auch Anbieter von gesunden Lebensmitteln und Bioprodukten. Denn mittlerweile hat sich auch die Debatte bei der Ernährung verschoben. War das Thema früher gleichbedeutend mit dem Kampf gegen den Hunger, so hat sich die Überernährung bereits als fast gleichwertiges Problem zur Unterernährung gesellt. (Bettina Pfluger, 13.1.2018)

    • Auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagenturen schauen sich die Produktpalette der Nahrungsmittelindustrie mittlerweile sehr genau an – nicht zuletzt, weil sie Steuern auf ungesunde Produkte befürchten.
      foto: getty images/istockphoto

      Auf Nachhaltigkeit spezialisierte Ratingagenturen schauen sich die Produktpalette der Nahrungsmittelindustrie mittlerweile sehr genau an – nicht zuletzt, weil sie Steuern auf ungesunde Produkte befürchten.

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