Wenn der Fleischmann zweimal klingelt

Kolumne10. Jänner 2018, 17:08
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Es ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden, unerwünschte Fragen schon im Vorfeld zu unterbinden

Ab und zu gelingt es österreichischen Politikern, deren Wirken nie in die Kategorien "segensreich", "nachhaltig" oder auch nur "halbwegs relevant" fiel, sich wenigstens durch kreativen Sprachgebrauch einen Platz im kollektiven Gedächtnis zu sichern. So hat sich beispielsweise über die Amtszeit des SPÖ-Verteidigungsministers Gerald Klug ein gnädiger Nebel des Vergessens gelegt, während der von ihm forcierte Begriff "situationselastisch" als zeitlos gültiger Befund politischer Gesinnungsflexibilität bleiben wird.

Vergleichbares ist unlängst dem FPÖ-Überlebenskünstler Norbert Steger gelungen, als er beklagte, dass ORF-Interviewer Armin Wolf sich gegenüber Kurz und Strache "unbotmäßig" verhalte. Damit hat der freiheitliche Quastenflosser ein Problem heimischer Politiker auf den Punkt gebracht: die Abwehr und das im Idealfall schon vorzeitige Verhindern von Fragen, die "unbotmäßig" – laut Duden also "sich nicht so verhaltend, wie von der Obrigkeit gefordert" – sind.

In diesem Zusammenhang sei auf einen vor ein paar Wochen im STANDARD erschienenen Text verwiesen, in dem der ORF-Politikjournalist Robert Wiesner aus der Praxis berichtet: "In der Vorbereitung von Interviews wurden wir zuletzt immer wieder aufgefordert, die Fragen im Vorhinein zu übermitteln – das sei bei 'den Privaten' ja auch üblich."

Eine brisante Aussage, die erstaunlich wenig Reaktionen ausgelöst hat. Also habe ich mich bei Mitarbeitern "der Privaten" erkundigt. Diese bestätigen erhöhtes Interventionsaufkommen in den vergangenen Monaten. Das geschieht in der Regel telefonisch, wobei sich ein Anrufer durch besondere Hartnäckigkeit auszeichnet: ÖVP-Pressesprecher Gerald Fleischmann, der sogar dann zum Hörer greift, um sich zu beschweren, wenn Redakteure den Terminus "schwarz/blau" verwenden, wo es doch jetzt "türkis/blau" heiße.

Ein Fall journalistischer Unbotmäßigkeit, der man beikommen könnte, indem künftig von "schwarz/türkis/blau" berichtet wird, was ohnehin mehr den wahren Machtverhältnissen entspricht, wie die Bundesregierung spätestens beim Thema Föderalismusreform zähneknirschend zur Kenntnis nehmen müssen wird.

Bezüglich dem "Übermitteln von Fragen im Vorhinein" gebe es immer wieder Begehrlichkeiten, die abhängig von der Charakterfestigkeit der Verantwortlichen behandelt würden. Zur Gewohnheit sei es mittlerweile allerdings geworden, unerwünschte Fragen schon im Vorfeld zu unterbinden. "Dazu sagt der Minister heute nix", lautet dabei eine, an Voraussagen über dressierte Hunde erinnernde Ankündigung. Wer trotzdem danach fragt, muss mit künftigem Informationsentzug rechnen.

Vielleicht könnte man sich ja auf eine vorgegebene Liste mit Tabu-Fragen einigen. "Wo war Ihre Leistung?", "Meinen Sie das ernst?", "Verstehen Sie selber, was Sie da sagen?" oder "Ist da jemand?" wären dafür Kandidaten.

Eine sichere Lösung wäre es, Interviewer durch "Bots" zu ersetzen. Diese in sozialen Medien von politischen Parteien zu Propagandazwecken benutzten Computerprogramme würden dann ausschließlich Fragen stellen, die den Wunsch der Befragten in mehrfacher Wortbedeutung erfüllen: Sie wären "botmäßig". (Florian Scheuba, 10.1.2018)

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