Showdown im Poker mit dem Verlagsgiganten

10. Jänner 2018, 07:00
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Elsevier ist der profitabelste Wissenschaftsverlag der Welt. In Deutschland wehrt man sich standhaft gegen das Quasimonopol – mit unabsehbaren Konsequenzen

foto: heribert corn
Wissenschaftliche Bibliotheken – hier der große Lesesaal der Universität Wien – müssen horrende Summen für Zeitschriften hinblättern. In Deutschland spitzt sich deshalb soeben die Auseinandersetzung mit dem Verlagsgiganten Elsevier zu, ein Kompromiss ist nicht in Sicht.

Wien – Es ist wie ein Pokerspiel mit vielen verdeckten Karten – nur geht es dabei um Einsätze in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe und um nichts weniger als die globale Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens. Am Tisch sitzen auf der einen Seite Profis des Wissenschaftsverlags Elsevier, und auf der anderen Seite Vertreter des deutschen Konsortiums Deal, das die Interessen von mehr als 60 wissenschaftlichen Einrichtungen Deutschlands vertritt.

Gepokert wird seit etlichen Monaten um einen neuen Vertrag mit dem in Amsterdam ansässigen Verlagsgiganten. Der hat seine Quasimonopolstellung bisher für fette Profite genützt: Elsevier publizierte 2016 rund 2.500 Fachjournale (darunter einige der renommiertesten Zeitschriften wie etwa "Cell") und machte vor allem damit einen Umsatz von 2,3 Milliarden Euro – bei einem Gewinn von 830 Millionen Euro.

Ein lange lukratives Geschäftsmodell

Wenn man weiß, wie diese Zahlen zustande kommen, erscheinen sie noch unverschämter: Meist von der öffentlichen Hand bezahlte Wissenschafter schreiben Gutachten über die eingereichten Artikel und leisten die redaktionelle Hauptarbeit. Und ebenfalls meist vom Steuerzahler finanzierte wissenschaftliche Bibliotheken bezahlen für die Zeitschriften Unsummen, nicht selten jenseits der 10.000 Euro pro Jahresabo.

Dieses Geschäftsmodell wurde lange Zeit ohne viel Widerstand hingenommen. Doch nicht zuletzt dank der digitalen Publikationsmöglichkeiten, nötiger Sparmaßnahmen und des Bestrebens, Erkenntnisse öffentlich zugänglich zu machen (Stichwort Open Access bzw. OA), geriet Elseviers Preispolitik immer stärker unter Druck.

Boykotte und erste Erfolge

Während sich die anderen wissenschaftlichen Verlagsriesen wie Wiley oder die mittlerweile fusionierte Springer- und Nature-Gruppe zuletzt meist kompromissbereit zeigten, ließ es Elsevier darauf ankommen. Etliche Länder rund um den Globus – von den Niederlanden bis Taiwan – begannen, Elsevier mit einer Boykottstrategie unter Druck zu setzen. Damit gelang es im Jahr 2015 immerhin 14 niederländischen Unis durchzusetzen, dass 30 Prozent der von Elsevier publizierten Artikel ihrer Forscher frei zugänglich sein müssen.

Für viele war das ein zu lascher Kompromiss, zumal sich die Rahmenbedingungen weiter änderten. So gibt es dank der illegalen "Schattenbibliothek" Sci-Hub, die von der kasachischen Informatikerin Alexandra Elbakyan gegründet wurde, seit einigen Jahren eine Gratiszugriffsmöglichkeit auf praktisch alle wissenschaftlichen Artikel. Prompt wurde die OA-Guerillera Elbakyan von Elsevier geklagt, doch die Verurteilung in den USA zeigte in Kasachstan naturgemäß wenig Wirkung.

Eine Art "Napster" der Wissenschaft

Für Falk Reckling, OA-Experte beim Wissenschaftsfonds FWF, hat Sci-Hub für das wissenschaftliche Publizieren ein ähnlich dramatisches Veränderungspotenzial, wie es Napster einst für die Musikbranche hatte: "Das ist der weiße Elefant, der heute bei den Verhandlungen mit den Wissenschaftsverlagen im Raum steht."

Das deutsche Konsortium Deal verhandelt seit nunmehr über einem Jahr mit Elsevier und blieb seitdem wie ein guter Pokerspieler standhaft – bei sehr hohen Einsätzen. Deal-Sprecher Günter Ziegler, ein Mathematiker von der FU Berlin, fordert im Auftrag des Konsortiums unter anderem eine angemessene Bepreisung, dauerhaften Volltextzugriff auf alle Elsevier-Artikel und freie Zugänglichkeit aller Publikationen der beteiligten Einrichtungen.

Verschärfte Drohungen

So kam es, dass die Verträge mit Elsevier, das von allen seinen Vertragspartnern Geheimhaltung der Vertragsmodalitäten verlangt, Ende 2017 ausliefen, ohne dass ein Kompromiss in Sicht war – bei verschärften Boykottdrohungen von deutscher Seite. Und Elsevier könnte womöglich einknicken: Die Zugriffsmöglichkeiten auf Elsevier-Zeitschriften wurden jedenfalls am 1. Jänner nicht gesperrt.

Insider vermuten, dass der Verlagsriese damit vermeiden will, noch mehr Forscher an alternative Plattformen wie eben Sci-Hub zu verlieren. "Sollte das deutsche Konsortium mit seiner Standhaftigkeit Erfolg haben, könnte das tatsächlich weltweit das Blatt wenden", glaubt Falk Reckling.

Und Österreich?

Das hätte dann wohl auch Auswirkungen auf Österreich, wo die Verträge mit Elsevier in nächster Zeit zur Verlängerung anstehen. Schon jetzt geht man hier mit einer vorbildlichen Initiative voran, bei der nicht mehr mit verdeckten Karten gespielt wird: Die Universität Wien und der FWF haben den weltweit ersten Vertrag mit dem OA-Verlag Frontiers geschlossen, bei dem der Vertrag sowie Preise und Konditionen öffentlich gemacht werden. (Klaus Taschwer, 10.1.2018)

  • Das Logo von Sci-Hub. Die Plattform erleichtert den Zugriff auf wissenschafttiche Aufsätze und könnte damit das Verlagsgeschäft nachhaltig umkrempeln, ganz ähnlich wie das die Musiktauschbörse Napster für die Musikbranche getan hat.
    sci-hub

    Das Logo von Sci-Hub. Die Plattform erleichtert den Zugriff auf wissenschafttiche Aufsätze und könnte damit das Verlagsgeschäft nachhaltig umkrempeln, ganz ähnlich wie das die Musiktauschbörse Napster für die Musikbranche getan hat.

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