169 verhaftete 'Ndrangheta-Mafiosi und 50 Millionen Euro in Italien

9. Jänner 2018, 07:43
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Anti-Mafia-Staatsanwalt gelang Erfolg im Kampf gegen Kalabriens organisiertes Verbrechen

Es war eine der größten Razzien in der italienischen Geschichte: Weit mehr als hundert mutmaßliche Mitglieder der kalabrischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta wurden am Dienstag festgenommen. Sonderkommandos der paramilitärischen Carabinieri hatten im Morgengrauen in Kalabrien, aber auch in den nördlichen Regionen Lombardei, Venetien, Emilia-Romagna und in der Hauptstadtregion Latium zugeschlagen und 158 Personen verhaftet. Außerdem wurde Vermögen von 50 Millionen Euro beschlagnahmt. Auch in Deutschland wanderten elf Verdächtige hinter Gitter.

Die Ermittlungen, die zu der Verhaftungswelle führten, waren vom Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri in Catanzaro geführt worden. Der Mafiajäger aus Kalabrien hatte die Zellen im Laufe von Jahren observieren lassen; die Ermittlungsakten, die er vorlegte, umfassen mehr als 1300 Seiten. Bei den meisten der Verhafteten handelt es sich um Bosse und "Soldaten" des Clans Farao-Marincola aus dem kalabrischen Küsten- und Weinstädtchen Cirò Marina sowie des Giglio-Clans aus dem rund zwanzig Kilometer entfernten Strongoli. Die beiden Clans zählen zu den mächtigsten und einflussreichsten Familien.

"Kriminelle Holding"

Die Clans, die laut Gratteri in Norditalien und zum Teil auch in Deutschland eine Art "kriminelle Holding" und ein "dichtes Vertriebsnetz" aufgebaut hatten, seien in verschiedenen Wirtschaftsbereichen tätig gewesen – im Fisch- und Weinhandel, in der Olivenölproduktion, in Großwäschereien, im Bestattungswesen, in Spielsalons – aber auch in der Müllentsorgung und bei der vom Staat finanzierten Betreuung von Flüchtlingen. Das Hauptgeschäft der Clans in Deutschland bestand offenbar darin, italienischen Restaurants den von der 'Ndrangheta produzierten Wein sowie Halbfabrikate für die Speisen aufzuzwingen. "Im Gebiet von Stuttgart musste jedes italienische Restaurant die Waren der Clans beziehen", zitierte der Corriere della Sera aus den Ermittlungsakten.

Dass die kalabrische 'Ndrangheta, die mächtigste und gefährlichste Mafiaorganisation Europas, ihre Tentakel auch nach Deutschland ausgestreckt hat, weiß man spätestens seit dem 15. August 2007, als ein Killerkommando in einer Pizzeria in der Innenstadt von Duisburg sechs Menschen erschossen hatte. Es handelte sich um eine Abrechnung unter Clans aus der 'Ndrangheta-Hochburg San Luca; sowohl Täter als auch Opfer stammten aus dem Bergdorf an der Südspitze Italiens. Normalerweise führen die im Ausland wohnhaften Clanmitglieder aber ein unauffälliges Leben; oft arbeiten sie als Pizzabäcker oder besitzen ein kleines Gewerbe. Ihre illegalen Geschäfte wickeln sie möglichst im Verborgenen ab.

Wie kapillar die 'Ndrangheta in die Institutionen und die Wirtschaft Kalabriens eingedrungen ist, zeigte sich am Dienstag: Nur neun der weit mehr als hundert Verhafteten waren bekannte Kriminelle. Bei fast allen anderen handelte es sich um vermeintlich honorige Lokalpolitiker und Unternehmer. Unter anderem wurde der halbe Gemeinderat von Cirò Marino und der Präsident der Provinz Crotone verhaftet. (Dominik Straub aus Rom, 9.1.2017)

  • Jahrelang ermittelte Nicola Gratteri gegen die 'Ndrangheta.
    foto: afp / tiziana fabi

    Jahrelang ermittelte Nicola Gratteri gegen die 'Ndrangheta.

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