Das Gute an #MeToo

Kommentar8. Jänner 2018, 17:08
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Golden Globes und Feminismus: Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich nicht aufhalten

Schwarze Kleider, spitze Bemerkungen, jede Menge Awards und ein Lebenswerkpreis für Oprah Winfrey, die Königin des Frauenselbstermächtigungstalks: Die #MeToo-Debatte ist bei den Golden Globes angekommen. Hollywood windet sich in Selbstzerknirschung und gelobt, künftig Geschlechtergleichheit walten zu lassen und Frauen nicht länger als Sexobjekte zu behandeln.

Das kann man als PR-Gag ansehen oder als Zeichen, dass die US-Filmindustrie schon immer gut darin war, Trends früh zu erkennen und aufzugreifen. Man kann es aber auch als größeres Signal werten, dass diese Bewegung – man könnte sie mit Fug und Recht eine Frauenbewegung nennen – mittlerweile solche Kraft entwickelt hat, dass sich ihr kaum jemand entziehen kann. Der Aufschrei der weiblichen Schauspielsuperstars hatte internationalen Vorbildcharakter. Die österreichische Skifahrerin Nicola Werdenigg etwa berief sich explizit auf #MeToo, als sie Missbrauch im Skisport anprangerte. Die schwedische Außenministerin Margot Wallström postete selbst #MeToo, auch die EU-Kommissarinnen Vera Jourová und Cecilia Malmström meldeten sich. Im EU-Parlament wurden sexuelle Belästigung und Übergriffe auf allen Ebenen publik.

Oft wird kritisiert, dass der "feministische Aufschrei" (Malmström) nicht unterscheide, sondern verbale und digitale Belästigung wüst mit sexuellen Übergriffen, Missbrauch und Vergewaltigung vermische, dass plötzlich alles #MeToo sei, was im Zwischenmenschlichen nicht "politisch korrekt" ablaufe. Diese Kritik hat das Zeug zum Totschlagargument, schließlich gilt Political Correctness in manchen Kreisen als eher übel beleumundeter Ausdruck.

Man kann es aber auch positiv sehen: Der "Aufschrei" zeigt, dass sich täglich erlebte Ungerechtigkeit und Demütigung eben nicht einkasteln und ordnen lässt, sondern sehr viele Bereiche umfasst – etwa auch die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen in vielen Bereichen. Die BBC-Journalistin Carrie Gracie verließ deshalb ihr Unternehmen nach 30 Jahren.

Wie auch immer man zu #MeToo stehen mag, allein die Tatsache, was alles hochkam und was es ausgelöst hat, ist ein Fortschritt. Die Frage ist nun: Was macht die Welt daraus? Bedeutet es eine Flut schwammiger Vorschriften wie etwa jüngst in Schweden, wo nicht klar ist, wann und wie künftig einvernehmlicher Sex vereinbart werden muss? Oder bedeutet es im besten Fall, dass wir lernen, umsichtiger und wertschätzender miteinander umzugehen?

Eine weitere Erkenntnis lässt sich ableiten: Es gibt kein Zurück in die "gute alte Zeit". Mögen konservative Regierungen wie jetzt auch in Österreich das Bild von der "normalen" Familie mit Vater-Mutter-Kind malen, wie es sie früher einmal gegeben hat. Mögen sie feministischen Initiativen den Geldhahn abdrehen, mögen sie bewusst darauf verzichten, Frauenprogramme zu fördern. Gesellschaftlicher Fortschritt lässt sich in Zeiten globaler digitaler Kommunikation nicht aufhalten. Frauen behaupten ihren Platz in der Öffentlichkeit, sie gewinnen an Terrain – sogar in diesbezüglich so düsteren Ländern wie Saudi-Arabien. Hate-Speech in sozialen Netzwerken zum Trotz: Das Rad kann nicht zurückgedreht werden.

Das ist das Gute an #MeToo – und sei Trost und Ermunterung für all jene, die immer noch rechtlos sind oder gerade dazu gemacht werden. (Petra Stuiber, 8.1.2018)

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