Berthold Seligers "Klassikkampf": Geschäft mit dem Hören

8. Jänner 2018, 16:37
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Ein Plädoyer für die subversiven Seiten der Klassik: Der Insider analysiert die kommerziellen Aspekte des Musikbetriebs

Wien – Der Mann ist ein Insider, dem wir wichtige Erkenntnisse zur Funktionsweise des Musikbetriebs verdanken. Die Rede ist von dem Berliner Berthold Seliger: Er betreibt nicht nur eine Konzertagentur, sondern legte 2013 einen Insiderbericht über das Geschäft mit der Musik vor. Ende vergangenen Jahres erschien Seligers neues Buch: In Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle (Matthes & Seitz) analysiert er den zeitgenössischen Klassikbetrieb in all seinen Facetten.

Etwa das, was Seliger Klassikkampf nennt: Die Kluft zwischen traditionellen Hörern, die nur das Alte bevorzugen, und modernen Hörern, die Grenzüberschreitungen, Verletzungen des Regelwerks und kompositorischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen sind. Für Seliger ist das auch eine politische Auseinandersetzung, die er etwa an Beethoven festmacht.

Distinktionsrefugium für gesellschaftliche Eliten

Nicht der Hymnenlieferant ist von Interesse, sondern der Komponist, dem Kaiser Franz I. nachsagte, dass "etwas Revolutionäres in dieser Musik steckt". Seliger kritisiert den heutigen Klassikmusikbetrieb als ein Distinktionsrefugium für gesellschaftliche Eliten, deren Elbphilharmonie und Opernhäuser mit Steuergeldern finanziert werden, dann aber für die "outer- und underclass" – wegen hoher Ticketpreise und kultureller Hürden – kaum noch zugänglich seien.

Dazu kommt, dass die Musikkonzerne die Ware Klassik mit sanfter New-Age-Elektronik versüßen, mit Sponsoring und zu Werbezwecken verramschen sowie den bedingungslosen Starkult forcieren. Die kulturelle Teilhabe am "rebellischen Glutkern" der Musik, das Schätzen von Bach und Beethoven wie auch moderner Komponisten oder außereuropäischer Musikkulturen, erfordert aber, so Seliger, eine grundlegende Veränderung des Bildungswesens: etwa mit Musik- und Kunstunterricht, der nicht auf Selbstvermarktung und andere neoliberale Ideen Wert legt, sondern auf intellektuelle Auseinandersetzung; dazu verbindliche Konzertbesuche und das Erlernen eines Instruments. Klassik nicht als Spielball der Hochkulturmarktlogik und nicht als Statussymbol. Seine Ideen untermauert Seliger etwa mit Adorno oder Friedrich Gulda. (dog, 8.1.2018)

10. 1.: Wien, Sargfabrik, 19.30

11. 1. : Linz, Stadtwerkstatt, 20.00, 0732/731 20 92 05

12. 1.: Ebensee, Kino Ebensee, 20.00, 06133/63 08

  • Kein Marketingprodukt, aber auch bei Teodor Currentzis (13.1., im Konzerthaus) ist gutes Marketing am Werk.
    foto: wesely

    Kein Marketingprodukt, aber auch bei Teodor Currentzis (13.1., im Konzerthaus) ist gutes Marketing am Werk.

  • Berthold Seliger fordert mehr Musikausbildung.
    foto: laschitzki

    Berthold Seliger fordert mehr Musikausbildung.

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