Bitcoins: Wie aus einer Chance Unfug wird

    Kommentar der anderen7. Jänner 2018, 17:59
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    Kein Politiker wagt heute noch, auf die Illegitimität der Geldschöpfung durch Private und Privatbanken zu verweisen. Dabei ist ganz klar: Je luftiger das Geld, desto fester muss die Hand des Staates sein. Ein Plädoyer für das Vollgeld

    Modernes Geld ist Symbolgeld. Papiergeld kann man mit ein paar Cent herstellen, Buchgeld kostet gar nichts mehr. Da die Erzeugung von Symbolgeld keine Kosten verursacht, kann es daher in beliebiger Menge erzeugt werden. Geld leistet seine Dienste allerdings nur dann, wenn es hinreichend knapp gehalten wird. Es gibt gute Argumente dafür, die Verantwortung dafür einer unabhängigen Zentralbank zu übertragen.

    Aber die Angelegenheit hat auch noch einen Gerechtigkeitsaspekt. Die Bürgergesellschaft funktioniert nach dem Prinzip: Wer sich etwas leisten will, muss etwas dafür leisten. Geldschöpfung ist die große Ausnahme. Daher sollte Geldschöpfung durch Private konsequent unterbunden werden.

    Schwindeliger Charakter

    Der Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass heute bereits mehr als 90 Prozent der gesamten Geldmenge aus Buchgeld besteht, das von Geschäftsbanken durch Kreditvergabe oder durch den Ankauf von Vermögenswerten erzeugt wird. Systemkonform wäre es, wenn die Banken nur Geld verleihen oder zum Kauf eines Vermögenswerts einsetzen könnten, welches sie vorher schon durch Eigenkapitaleinlage oder Geldleihe von anderen Akteuren in ihren Besitz gebracht haben. Dann könnten sie die Finanzmärkte mit selbsterzeugtem Geld nicht mehr beflügeln.

    Der ultimative Hype ereignet sich heute im Bereich der Kryptowährungen, insbesondere bei den Bitcoins. Es gibt durchaus Fälle, in denen Kryptowährungen, die auf der Blockchain-Technologie aufsetzen, ein Segen sind. Flüchtlinge können ihre Habe gegen Coins umsetzen, sie unbehelligt in die Cloud einspeichern und an jedem beliebigen Ort von dort wieder abrufen.

    Die offiziellen Währungen bieten solche Möglichkeiten noch nicht. Über den schwindeligen Charakter dieser "Währungen" sollte man sich gleichwohl keine Illusionen machen. Denn eine Währung ist nur eine Währung, wenn sie währt. Keiner von uns kann mit einer Währung "leben", die im Laufe nur eines Jahres auf das Zehnfache aufwertet oder extrem verliert.

    Ungeheurer Energieaufwand

    Bestand der Fortschritt des Geldwesens darin, dass man Geld ohne weitere Kosten erzeugen kann, fällt die Krypto-Szene dadurch in alte Zeiten zurück, dass sie "Coins" mit ungeheurem Energieaufwand herstellt. Wenn schon "Coins", dann müssten sie kostenlos hergestellt werden. Dann aber fielen die gesamten Geldschöpfungsgewinne Privaten zu.

    Der Hype der Kryptowährungen lenkt unsere Aufmerksamkeit vom Geldsystem ab, etwa von der Frage, woher das Geld kommt. Der Grundsatz, dass nur der Souverän Symbolgeld erzeugen darf, sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht. Erstens wissen die wenigsten, woher die Masse an Zahlungsmitteln kommt. Und viele, die es wissen müssten, treten dafür ein, dass private Geschäftsbanken dazu berechtigt sein sollten.

    Jahrhundertelange Bankpropaganda hat sich offenbar bezahlt gemacht. Inzwischen ist das Faktische zur Norm geworden. Kein Politiker wagt heute noch, auf die Illegitimität der Geldschöpfung durch Privatbanken zu verweisen. Noch können sie sich mit Unwissen ausreden. In den meisten Lehrbüchern steht ja auch nichts von Geldschöpfung der Geschäftsbanken.

    Globale Megamaschine

    Wenn die Banken Geld erzeugen dürfen, warum nicht auch ich oder du? Bilden nicht Regierungen, Finanzkapital und Großindustrie längst eine globale Megamaschine? Gegen eine solche, nun inzwischen globale "Macht" positioniert sich die Krypto-Community mit der Behauptung, ein dezentrales, eben privates Geld zu erzeugen: Es wäre dem Einfluss des Staates entzogen. Dass sich Spekulanten gerne für Vorkämpfer der Freiheit ausgeben, ist nachvollziehbar. Erschreckend aber ist, dass die Öffentlichkeit auf diesen Schwindel hereinfällt.

    Ihre Schwäche besteht darin, dass sie unter Freiheit immer nur die Freiheit des Einzelnen versteht und Freiheit in Gegensatz zu einem funktionierenden Staatswesen und funktionierenden Ganzen stellt. Die Liberalen, die lange für einen ordentlichen Staat gekämpft haben, entziehen sich mit dieser Ideologie den Boden. Genauso, wie die Gleichberechtigung der Frau ohne staatlichen Schutz nicht möglich wurde, kann sich die Vergesellschaftung über Märkte nur im Rahmen eines ordentlichen Staates entfalten. Diese Lektion sollten wir nicht vergessen. Jetzt muss man sie auch auf das Geldwesen konsequent anwenden.

    Zentralbankgeld

    Das ausschließlich von der Zentralbank in Umlauf zu bringende Geld wäre nicht mehr durch Schulden belastet, die Geldmenge steuerbar. Alles Geld wäre Zentralbankgeld, Vollgeld also. Unser Buchgeld wäre dann so sicher wie Bargeld. Heute ist Buchgeld dagegen nur ein Anspruch auf Bargeld. Geht die Bank pleite, ist unser Geld futsch. Die Zentralbank könnte alle unsere Geldkonten führen. Elektronisches Buchgeld der Zentralbank – neben Bargeld gesetzliches Zahlungsmittel – könnte mit einem Bruchteil an Rechenleistung und Energieaufwand hergestellt und seine Verwendung gesichert werden.

    Die Verwaltung von Invest- und Kreditgeldern würde weiter in Bankenhand bleiben. Ein Vollgeldregime wäre nicht nur für jeden anständigen Bürger von Vorteil, sondern auch für die gesamte Gesellschaft – vor allem "ihren" Staat. Dieser müsste sich bei Banken nicht mehr verschulden, um diese bei anderer Gelegenheit zu retten. Das Budget wäre frei von Zinszahlungen. Die Staatsschulden könnten beim Übergang zu Vollgeld abgebaut werden. (Raimund Dietz, 8.1.2018)

    Raimund Dietz (Jg. 1944) ist Ökonom, Systemforscher, Geldphilosoph und Buchautor. Zuletzt erschienen: "Geld und Schuld", 5. Auflage, 2016.

    • CPUs und Kryptowährungen: Bitcoins werden digital geschürft, und zwar so lange und so intensiv, bis die Computer-Prozessoren weltweit glühen.
      foto: reuters

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