Ich fühle mich wie eine Bärendame in ihrer Höhle

    8. Jänner 2018, 07:00
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    Gastronomin Stefanie Herkner ist froh, wenn sie der Küchengeruch nicht bis ins Wohnzimmer ihrer Wiener Altbauwohnung verfolgt

    Die Wiener Gastronomin Stefanie Herkner wohnt in einer Altbauwohnung beim Naschmarkt, wo sie zwar wenig Licht, dafür aber viel Ruhe hat – und froh ist, wenn der Küchengeruch sie nicht ins Wohnzimmer verfolgt.

    "In meinem Leben gab es zwei große Baustellen: mein Lokal an der Wiedner Hauptstraße und diese Wohnung. Beide bereiteten meiner Mutter unzählige schlaflose Nächte. Sie sagte immer: 'Um Himmels Willen, mein Kind hat sich schon wieder eine Bruchbude angeschafft!'

    Aber der Reihe nach: Vor zehn Jahren bin ich aus England zurückgekehrt. Eigentlich wollte ich eine Wohnung im siebenten Bezirk, im Epizentrum des Boboismus, wo ich aufgewachsen bin. Da konnte ich mir aber natürlich keine Wohnung mehr leisten. Ich wollte unbedingt eine Altbauwohnung mit schönem Entrée und Gasherd.

    foto: lisi specht
    "Ich habe nun einmal den Naschmarkt vor der Haustür und nehme gern Souvenirs von Reisen mit." Stefanie Herkner in ihrer Wohnung, die früher ganz puristisch war.

    Dann habe ich das Inserat für diese 80 m² große, renovierungsbedürftige, dafür aber unbefristete Mietwohnung im sechsten Bezirk gesehen. Als ich zur Besichtigung kam, waren schon total viele Menschen hier. Ich dachte mir aber sofort: Diese Wohnung schnapp ich mir jetzt! Und so war's dann auch. Ich hab zu diesem Zeitpunkt schon lange gesucht und wusste daher, wie's läuft. Um seriös zu wirken, habe ich mich zum Beispiel extraelegant gekleidet.

    Hier hat vor mir lange eine alte Dame gewohnt. Die Türbereiche waren mit schrecklichen Spanplatten und ganz kleinen Türen zugebaut. Und die Fliesen im Badezimmer waren das Ärgste! Ich musste also ziemlich viel Arbeit in diese Wohnung stecken.

    Als ich dann endlich einzog, habe ich mir geschworen, dass ich möglichst wenig Zeug haben will. Es war anfangs tatsächlich sehr puristisch hier. Aber wir Menschen sind nun einmal, wie wir sind, und sammeln gern. Jetzt ist alles schon wieder voll. Aber ich habe eben den Flohmarkt am Naschmarkt vor der Haustür und nehme gern Souvenirs von Reisen mit. Eine besondere Schwäche habe ich für Gläser und Porzellan. Außerdem liebe ich Art-déco-Sachen. Und Duftkerzen!

    fotos: lisi specht

    Ich beleuchte hier überhaupt alles mit kleinen Lampen und Kerzen. Oberbeleuchtung mag ich nicht besonders. Nur den Luster in meinem Schlafzimmer, der schon in meinem Kinderzimmer gehangen ist, gefällt mir. Früher, als Kind, hab ich ihn natürlich gehasst: Bitte, warum muss in meinem Zimmer ein Kristallluster sein? Pfui Teufel, hab ich gesagt.

    Ein Nachteil dieser Wohnung: Sie ist sehr dunkel, weil die Fenster nur auf einen kleinen Innenhof hinausgehen. Aber da mein Tagesrhythmus ein anderer ist als bei anderen Menschen, finde ich diesen kleinen Kokon, den ich hier habe, irgendwie gut. Ich kann hier wie eine Bärendame in meiner Höhle verweilen, unabhängig davon, wie spät es draußen gerade ist. Und dadurch, dass die Wohnung so dunkel ist, ist sie auch wahnsinnig ruhig.

    fotos: lisi specht

    Mein nächstes Projekt wäre, dass ich mein Badezimmer umbaue. Ich hätte so gern eine Badewanne! Aber das wäre eine ziemliche Baustelle, weil wir da wohl die Wand zur Küche einreißen müssten. Offene Raumkonzepte, wo die Küche im Wohnzimmer ist, brauche ich dafür nicht. Ich bin froh, wenn es zu Hause nicht auch noch überall nach Essen riecht. Noch so ein Projekt, von dem ich träume, wäre ein Haus auf dem Land herzurichten und zu pendeln.

    Wohnen ist für mich heute sehr privat. Früher nicht, da hatte ich hier Partys, und die Polizei war ein paar Mal da. Aber in meinem Job bin ich von so vielen Menschen umgeben, dass ich zu Hause Ruhe brauche. Seit kurzem teile ich mir die Wohnung mit meinem Freund. Als er das erste Mal zu Besuch war, erkannte er sofort, wie wichtig mir mein Wohnen ist. Wohnen ist für mich Ausdruck der Persönlichkeit. Einen Stil zu kopieren ergibt daher keinen Sinn. Es gibt sicher fancyere Wohnungen, aber das hier, das bin total ich." (Franziska Zoidl, 8.1.2018)

    Stefanie Herkner, geboren 1982 in Wien, wuchs zwischen den Kochtöpfen des Dornbacher Wirtshauses Zum Herkner ihres mittlerweile verstorbenen Vaters Heinz Herkner auf. Sie entschied sich zunächst gegen die ihr in die Wiege gelegte Gastronomie und studierte Kunst- und Kulturmanagement in England, eröffnete dann aber 2013 ihr Gasthaus Zur Herknerin an der Wiedner Hauptstraße 26, 1040 Wien, wo die Wirtin für Interessierte immer wieder Knödelseminare veranstaltet.

    Link

    zurherknerin.at

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