Warum es im Atlantik keine Seeschlangen gibt

7. Jänner 2018, 10:00
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US-Forscher sehen einen Fall von: Wer zu spät kommt, den bestraft die Erdgeschichte – außer der Mensch greift "helfend" ein

foto: rick stuart-smith, www.reeflifesurvey.com
Die Seeschlange Aipysurus laevis aus der Timorsee.

Gainesville – Erst vor kurzem berichteten Forscher der James Cook University im Fachmagazin "Diversity and Distributions", dass Seeschlangen an der westaustralischen Küste eine überraschende genetische Vielfalt entwickelt haben. Das passt ins Bild einer Tiergruppe, die sich erfolgreich ausgebreitet und an neue Lebensräume angepasst hat.

Knapp 60 Arten von Seeschlangen (Hydrophiinae) sind heute bekannt, dazu kommen mit den verschiedenen Spezies der Plattschwänze (Laticauda) acht weitere enge Verwandte. Zusammengerechnet übertrifft die Zahl von Schlangenarten, die in den Ozeanen leben, die von Meeresschildkröten um das Zehnfache.

foto: coleman sheehy
Die Pionierin unter den Seeschlangen: Hydrophis platurus. Aber auch für sie gibt es Grenzen.

Sie sind damit die erfolgreichste maritim lebende Reptiliengruppe und in allen Küstengewässern von Ostafrika über Süd- und Ostasien bis hin nach Australien und rings um die ozeanische Inselwelt verbreitet. Die besonders umtriebige Spezies Hydrophis platurus hat es sogar über den Pazifik geschafft und sich in den Gewässern vor der mittelamerikanischen Westküste ausgebreitet.

Auf ihrer Weltkarte klafft jedoch eine riesige Lücke: nämlich der Atlantik. Dort sollen zwar ihre wesentlich größeren Namensvettern aus Mythologie und Seemannsgarn zuhause sein (für die die Erklärungen von Walen über Riemenfische bis zu Tang reichen). Real existierende Seeschlangen findet man aber im gesamten Atlantik nicht – trotz einiger eigentlich idealer Lebensräume wie etwa der Karibik.

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Besonders giftig: Aipysurus duboisii.

Forscher haben lange über diese Lücke gerätselt, nun macht ein Team des Florida Museum of Natural History schlechtes Timing dafür verantwortlich: Die Seeschlangen sind einfach zu spät gekommen, berichtet das Team um Harvey Lillywhite im Journal "Bioscience".

Schlangen, die das Meer eroberten, gab es schon früher – bis vor 33 Millionen Jahren etwa die mittlerweile ausgestorbene Gruppe der Palaeophiidae, die bis zu neun Meter lang werden konnten. Die heutigen Seeschlangen sind aber eine noch sehr junge Gruppe. Sie stammen von Tieren aus der Verwandtschaft der Mambas und Kobras ab und entwickelten sich in Südostasien, als sich die Küsten der Region laufend veränderten und Brackwasserhabitate schufen, die Schlangen einen allmählichen Übergang auf eine Lebensweise im Wasser ermöglichten.

foto: coleman sheehy
Plattschwänze müssen zur Eiablage noch an Land zurückkehren, alle anderen Seeschlangen sind lebendgebärend und bleiben auch dann im Wasser. Über Land schlängeln sie sich höchstens kurzfristig.

Dieser Prozess setzte laut Lillywhite vor sechs bis acht Millionen Jahren ein, der Großteil der Seeschlangen entwickelte sich aber erst vor eins bis drei Millionen Jahren. Zu dieser Zeit hatte die Welt aber bereits ihre heutige Form angenommen: Der Isthmus von Panama hatte sich bereits geschlossen und versperrte den wärmeliebenden Tieren die einzige für sie gangbare Passage vom Pazifik in den Atlantik.

Die südlichen Spitzen Afrikas und Südamerikas ragen zu weit in kalte Gewässer, vom arktischen Norden ganz zu schweigen. Und nicht nur die tiefen Temperaturen machen Seeschlangen, die es auf die falsche Seite eines Kontinents verschlagen hat, den Garaus. Es müsste auch ausreichend regnen, damit die Tiere nicht auf hoher See verdursten. Das sind schlechte Voraussetzungen für Pioniere.

foto: rick stuart-smith, www.reeflifesurvey.com
Aipysurus tenuis ist ebenfalls Teil der hohen Seeschlangen-Vielfalt in den Gewässern vor Westaustralien.

Wenn es Seeschlangen überhaupt jemals in den Atlantik schaffen sollten, dann ginge das laut dem Forscher nur mit – ungewollter – menschlicher Mithilfe. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit in der Karibik schon vereinzelte Sichtungen von Hydrophis-platurus-Exemplaren, die vermutlich durch den Panamakanal eingeschwommen sind. Überlebensfähige Populationen konnten sie dort bislang aber nicht aufbauen.

Und das wäre laut Lillywhite auch nicht wirklich wünschenswert. Seeschlangen gehören in den Korallenriffen ihres bisherigen Verbreitungsgebiets zu den Spitzenprädatoren und sind wie ihre Kobra-Verwandten an Land hochgiftig. Das würden nicht nur ihre potenziellen Beutetiere zu spüren bekommen, sondern auch Räuber, die sich unbedacht auf den vermeintlichen Leckerbissen stürzen. "Nichts im Atlantik wäre vorbereitet", menetekelt der Forscher. (jdo, 7. 1. 2018)

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