Narwale zeigen bei Bedrohung paradoxes Verhalten

7. Jänner 2018, 16:49
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Hektische Flucht mit verlangsamtem Herzschlag: Die physiologischen Reaktionen passen nicht zusammen

foto: mads peter heide-jorgensen
Einhörner der Meere: Narwale führen ein eher gemächliches Leben in der Arktis. Die ist aber nicht mehr so ruhig und abgeschieden wie einst.

Santa Cruz – Nicht nur ihr "Horn" – ein auf bis zu fünf Meter verlängerter Eckzahn – macht Narwale zu einem Kuriosum innerhalb ihrer Verwandtschaft. Die Tiere legen auch ein Verhalten an den Tag, das zumindest paradox wirkt – die Evolutionsbiologin Terrie Williams von der University of California findet es "alarmierend".

Wie die Forscherin vor kurzem im Fachmagazin "Science" berichtete, versuchen Narwale, die Fischern ins Netz gegangen sind, durch hektische Flossenbewegungen möglichst rasch zu entkommen. Gleichzeitig verlangsamt sich dabei aber ihr Herzschlag stark: Das zeigten die Aufzeichnungen von Herzmonitoren, die man einigen solchen Tieren durch Saugglocken angeheftet hat. Verlangsamter Herzschlag ist bei tief tauchenden Säugetieren normal – steht aber in krassem Gegensatz zu beschleunigter Bewegung.

Sprint mit angehaltenem Atem

Landtiere, die sich einer Bedrohung gegenüber sehen, können entweder in Starre verfallen oder zu erhöhter Aktivität – Flucht oder Kampf – wechseln. Diese beiden Grundmuster schließen einander aus. Bei den Narwalen hingegen zeigt sich ein eigentümlicher Mischmasch.

Und der passt nicht nur nicht zusammen, er muss den Körper auch stark belasten. Williams vergleicht es damit, als würde ein Mensch versuchen, vor etwas wegzulaufen und dabei den Atem anzuhalten. Sie kalkulierte, dass ein Narwal 97 Prozent seines Sauerstoffvorrats auf eine solche Fluchtstrategie aufwenden muss: Darunter könnte die Sauerstoffversorgung des Gehirns leiden.

Der menschliche Faktor

Narwale sind Bewohner der Arktis und blieben als solche von Begegnungen mit dem Menschen lange Zeit verschont. Ihre natürlichen Feinde sind Orcas, denen sich die Narwale durch Flucht in Tiefen entziehen, in die ihnen die Räuber nicht folgen können. Aus Beobachtungen weiß man aber, dass es sich dabei um ein langsames Absinken handelt – Narwale seien generell langsame Tiere, sagt Williams.

Der Mensch habe allerdings neue Bedrohungsszenarien geschaffen, so die Forscherin. Fischernetze zum einen, Sonar und weiterer Unterwasserlärm zum anderen. Die Narwale haben dafür möglicherweise keine angemessene Reaktion parat und versuchen in aller Eile den Gefahrenquellen davonzuschwimmen, während ihr Herz das normale, sich verlangsamende Tauchprogramm absolviert.

foto: mads peter heide-jorgensen
Ein Narwal ist vor der grönländischen Küste in Gefangenschaft geraten. Vor der Feilassung wurde er noch rasch mit einem Herzmonitor versehen, der seine "Workout-Rate" maß. Das Gerät fiel nach ein paar Tagen ab, trieb an die Meeresoberfläche und konnte abgelesen werden.

Noch sind aber viele Fragen offen: Etwa ob auch andere tief tauchende Meeressäuger eine solche Misch-Reaktion zeigen – und ob ihr Herz womöglich extra dafür konstruiert ist, mit einander scheinbar widersprechenden Inputs zu arbeiten. Umgekehrt wäre aber auch denkbar, dass die von Williams befürchtete Sauerstoffunterversorgung des Gehirns ein bislang übersehener Faktor ist, warum Wale oft die Orientierung verlieren und stranden. (red, 7. 1. 2018)

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