Transsilvanische Verhältnisse in "Karpathia" von Mathias Menegoz

5. Jänner 2018, 17:02
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Ein wunderbarer 680-seitiger Debütroman zwischen Wien und den Karpaten

Zu Novemberbeginn des Jahres 1833 fiel feiner Schnee auf die noch zwischen unnütz gewordenen Basteien eingezwängte Wiener Altstadt. Der Abend war bereits fortgeschritten, als drei Offiziere durch die Doppeltür des Kaffeehauses Steidl in der Heumarktgasse traten." Einer von ihnen ist Graf Alexander Korvanyi – und damit betritt auch Mathias Menegoz' Hauptfigur die Bühne seines Romans Karpathia.

Fernab von Wien haben die Korvanyis ihre Güter – rund um die rumänischen Karpaten. Einige Zeit zuvor hat der 24-Jährige die Baronesse Cara von Amprecht kennengelernt. Mit ihren 18 Jahren ist sie eigenwillig – sehr eigenwillig! Denn sie geht mit Korvanyi eine Liaison ein, die weit über das Schickliche jener Zeit hinausgeht. Korvanyi trifft übrigens an jenem Abend im Café Steidl auf einen anderen Offizier, der eher harmlos und zufällig Cara von Amprecht beleidigt. Der junge Graf wird sich mit diesem Offizier duellieren und ihn erschießen. Daran nimmt niemand ernsthaft Anstoß. Ehrenkodex und Konventionen sind einzuhalten – welche Dramen sich hinter den Kulissen abspielen, ist eine andere Sache. So wird dieses Wien um 1830 als ein gesellschaftlich fein und scharf geschliffenes Glashaus geschildert.

foto: hélène bamberger / cosmos / agentur focus
Mathias Menegoz, französischer Autor mit ungarischen Wurzeln.

Der Franzose Mathias Menegoz beschreibt dies alles detailliert – und genüsslich. Denn er weiß, dass es seine beiden Helden, Korvanyi und seine Braut Cara, bald in ganz andere Regionen ziehen wird. Die jung Vermählten reisen in das von Wien weit entfernte Stammschloss des ungarischen Grafen, ins Umland der Karpaten, seine rumänischen Latifundien werden ehrfurchtsvoll "Korvanya" genannt.

Es ist eine lange und beschwerliche Reise, die die beiden durchmachen. Und auf Korvanyis Stammschloss ist vieles heruntergekommen, der Gutsverwalter scheint seinen Herrn über Jahre betrogen zu haben. Der Graf und seine Frau sind voll Elan und gehen daran, alles umzukrempeln, alles neu zu gestalten. Doch der Widerstand ist groß. Denn die politische, wirtschaftliche wie auch ethnische Situation ist gänzlich anders als in der kaiserlichen Hauptstadt Wien: "Im Feudalsystem von Transsilvanien hatten die Hochebenen der Karpaten nicht den gleichen Status wie die landwirtschaftlichen Lehen in den Tälern. Dennoch konnte die Lage in den nahezu unbewohnten Gebieten genau so kompliziert sein wie in einem Dorf, das sich mehrere Kleinadelige, Völker unterschiedlicher Sprachen und konkurrierender Religionen teilten."

Kein leichter Stand

Auf den weitverzweigten Ländereien Korvanyis spricht man Ungarisch, Rumänisch, Russisch und viele regionale Dialekte. Deutsch beherrschen nur die Eliten – und die rumänischen Sachsen. Einigkeit und Bereitschaft, die jeweilige Andersartigkeit anzuerkennen, gibt es hier nicht. Graf Korvanyi hat es also äußerst schwer, in seine Ländereien Ordnung zu bringen. Doch zu all den Schwierigkeiten mit den verschiedenen Volksgruppen kommen noch zwei andere hinzu. Die abergläubischen Bauern halten den jungen Grafen für einen Vampir. Und auf seinen Ländereien treibt eine an Mitgliedern starke Schmugglerbande ihr Unwesen.

All das bedroht Korvanyis Ehre letztlich und auch seine Existenz. So sieht er sich zum raschen Handeln gezwungen: Er lädt die benachbarten Adeligen und ein Regiment der Grenzinfanterie zu einer mehrtägigen Jagd ein. Doch das hochherrschaftliche Jagen ist nur ein Vorwand: Eigentlich möchte er alle Anwesenden im Namen der grundherrschaftlichen Ordnung zu einem Vergeltungsschlag gegen die Bande und alle Aufrührer gewinnen. Korvanyi gelingt sein Ansinnen. Doch das Unternehmen hat schwerwiegende Folgen – für alle Seiten.

Wer sich einmal auf Mathias Menegoz' Debütroman Karpathia einlässt, dem fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Sein Erzählstil ist unaufgeregt und poetisch zugleich. Kein allwissender oder kommentierender Erzähler führt den Leser durchs Geschehen, sondern einer, der das, was vorfällt, berichtend wiedergibt. Daher geht es gar nicht darum, sich mit der Hauptfigur von Karpathia, dem Grafen Alexander Korvanyi, zu identifizieren. Auch seine Frau Cara ist kein bewusst ausgestalteter Sympathieträger. Beide sind Teil des Geschehens, wie alle Figuren im Roman.

Der französische Autor Menegoz liefert einen Ausschnitt aus einer Zeit, die weit zurückliegt und zugleich auf die unsere weist: die Welt als Völkergemisch, in dem jeder auf seine Rechte pocht und in dem diejenigen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, offen sind für Rebellion und Mythenbildung. Mathias Menegoz hat einen scharfen ethnografischen Blick: Begegnungen und Gespräche, die Graf Korvanyi mit seinen Untergebenen zusammenkommen lassen, sei es mit seinem Verwalter oder seinen Leibeigenen, werden minutiös in ihrer Abfolge beschrieben – in Wort, Gestik, Gehaben. Diese Stellen sind Menegoz besonders gut gelungen. Das blutige Jagdfest bleibt fest in der Erinnerung derjenigen, die daran teilgenommen haben. Als mündlicher Bericht geht das Geschehen grausam ausgeschmückt von Dorf zu Dorf. Gleich einem Vampir rückt Graf Alexander Korvanyi so in das Reich des Sagenhaften vor, fast ein mythisches Wesen, das von seinen Untergebenen nicht geachtet, sondern gefürchtet und gehasst wird. (Andreas Puff-Trojan, Album, 5.1.2018)

  • Mathias Menegoz, "Karpathia". Aus dem Französischen von Sina de Malfosse.  € 28,80 / 680 Seiten. Frankfurter  Verlagsanstalt,  Frankfurt/Main 2017
    foto: frankfurter verlagsanstalt

    Mathias Menegoz, "Karpathia". Aus dem Französischen von Sina de Malfosse. € 28,80 / 680 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2017

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