Museum der Unterdrückung der Bürger im Kommunismus

7. Jänner 2018, 12:11
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Die Ausstellung "Bunk'Art 2" in Tirana ist ein äußerst positives Beispiel für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Südosteuropa

Steigt man in den Bunker hinab, gelangt man in zahlreiche Gänge und Kammern, ein unterirdisches System, das der paranoide Diktator Enver Hoxha errichten hatte lassen. Man erfährt hier über das Netz an Geheimdienstmitarbeitern, die Arbeitslager, die Gefängnisse für politisch Verfolgte, über Abhörmethoden und Folterpraktiken. Wer nach Albanien reist, sollte es unbedingt besuchen.

Das Bunk'Art-2-Museum im Zentrum Tiranas neben dem Skanderbeg-Platz ist ein hervorstechend positives Beispiel dafür, wie sich eine Gesellschaft mit ihrer totalitären Vergangenheit auseinandersetzt. Es geht hier um die Geschichte der Sicherheitskräfte, der Geheimdienste, ihrer Methoden und dem Leid, das die stalinistische Diktatur den Albanern zugefügt hat. Es ist auch ein Verdienst der Regierung unter dem Sozialisten Edi Rama, dass dieses Museum ohne nationalistische oder revanchistische Propaganda auskommt, sondern wissenschaftliche Nüchternheit mit Anschaulichkeit verbindet.

1.000 an der Grenze erschossen

Auf "Republiksflucht" stand im kommunistischen Albanien die Todesstrafe. Umgekehrt drohte auch Ausländern, die illegal ins Land einreisten, wegen "Sabotage" die Exekution. Während des Regimes wurden an der Grenze etwa 1.000 Personen erschossen, selbst am Ende der Diktatur, im Jahr 1990 waren es noch 54. Die Grenzwächter kamen aus besonders loyalen kommunistischen Familien und waren oft sehr jung. Die nahe an der Grenze lebende Bevölkerung durfte, um diese "mitzubewachen", Waffen zu Hause haben.

Als illoyal geltende Familien wurden abgesiedelt. Die Bürger wurden zu Kollaborateuren erzogen. Sogar Kinder wurden aufgefordert zu melden, wenn Leute versuchten, über die Grenze zu kommen. An den Grenzen wurden etwa 200 abgerichtete Hunde eingesetzt, die die Flüchtenden fassen sollten. Die Gesundheit dieser scharfgemachten Hunde war dem Regime wichtiger war als die Menschenleben. Wenn ein Hund krank wurde, musste dies etwa sofort dem Generalkommandanten gemeldet werden.

6.000 Personen exekutiert

Auch historisch Interessantes findet sich im Bunk'Art 2. So versuchten die USA 1948 das Regime in Albanien zu Fall zu bringen. Die Basis für die Operationen sollte Malta sein. Doch die Aktionen der Regimegegner in Albanien wurden bis 1953 mit dem sogenannten Radio-Trick ausgespitzelt. Die Radiogeräte von Regimegegnern wurden beschlagnahmt – die Sigurimi, wie Beamte des allmächtigen albanischen Geheimdienstes genannt wurden, nutzten sie weiterhin unter falschen Namen und traten so mit anderen Regimegegnern in Kontakt. Bereits 1945 hatten die Sigurimi 4.500 Regimegegner verhaftet. Dutzende von ihnen wurden getötet.

Insgesamt wurden 1944 bis 1991 6.000 Leute exekutiert – 5.577 Männer und 450 Frauen. Einige Massengräber wurden erst nach dem Ende des Regimes entdeckt. So fand man etwa bei der Beshiri-Brücke in Tirana die Überreste von 22 Exekutierten. Insgesamt werden an 29 Orten in Albanien "Gräber" vermutet. Unrechtsbewusstsein gab es gar keines. Der damalige Ministerpräsident von Albanien, Mehmet Shehu, gab 1959 die Instruktion: "Nach jeder Exekution soll der, der mit dieser Arbeit beauftragt wurde, einen Bericht über die Exekution der Todesstrafe und das letzte Wort des Exekutierten verfassen."

59.000 Bürger eingesperrt

Während des Regimes gab es 34 "Verbrechen", die mit dem Tod bestraft wurden, darunter fielen zwölf "politische Verbrechen" wie die "Sabotage der sozialistischen Wirtschaft und des Staats" oder "religiöse" und "antisozialistische Propaganda". Insbesondere Intellektuelle, Geschäftsleute, Landbesitzer, oder aber auch Religionsvertreter wurden verurteilt. Die Todesstrafe wurde erst nach 1995 abgeschafft.

Ab 1949 wurden viele Häftlinge in Dörfern festgehalten – jene aus dem Norden im Süden und umgekehrt. Es wurden 12.500 Menschen interniert, oft ganze Familien, Minderjährige wurden dabei nicht mitgezählt. Laut dem Institut für Studien von Verbrechen und Konsequenzen während des kommunistischen Regimes (ISCCC) wurden zwischen 1944 und 1990 insgesamt 59.009 Bürger eingesperrt. 7.022 starben aufgrund der Haftbedingungen.

13 Gefängnisse, 33 Arbeitslager

Jene, die versuchten, aus dem Land zu fliehen oder die "eine soziale Bedrohung" darstellten, kamen in Konzentrationslager. Darunter waren griechische Monarchisten, Nazis und Faschisten. Insgesamt gab es neun Konzentrationslager, sie wurden 1953 geschlossen. Laut den jüngsten Forschungen waren ungefähr 3.000 Personen dort inhaftiert. Tausende politisch Verfolgte landeten hingegen in den Arbeitslagern. Die Häftlinge mussten bis zur Erschöpfung schuften, am Ende des Tages waren ihre Hände oft blutig.

Sie wurden vor allem für den Bau von Infrastruktur eingesetzt. Das Innenministerium rechtfertigte dies im Jahr 1972 so: "Der entscheidende Faktor für die Rehabilitation der Internierten und Deportierten ist Arbeit." Im Museum werden Videos gezeigt, in denen ehemalige Häftlinge von ihren Erfahrungen berichten. Insgesamt gab es 13 Gefängnisse und 33 Arbeitslager. Manche Häftlinge wurden 20 Jahre interniert. Starb jemand der politisch Verfolgten in der Lagerhaft, wurden die menschlichen Überreste so lange nicht an die Familie ausgefolgt, als ihre Haftstrafe noch andauerte.

Angsterfüllte Augen

Die "leichteste" Form der Strafe war, wenn jemand woanders leben musste und nicht in den Heimatbezirk zurück durfte, also von seiner Familie getrennt wurde. Das Regime ließ in den Städten ohnehin nur Leute wohnen, die als "verlässlich" galten, die anderen mussten aufs Land siedeln. Im Bunk'Art-2-Museum hängen in einem der Räume Tafeln mit langen Listen von der Decke, auf denen die Opfer des Regimes angeführt sind. Fotos zeigen Männer mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen. Die Folterer wurden niemals zur Rechenschaft gezogen, weil dies gesetzlich gar nicht möglich ist. Die Foltermethoden – und waren sie noch so grausam und entmenschlichend – waren alle legal.

Dazu gehörten das Schlagen mit Holz auf Kopf und Körper, das Aufschürfen von Wunden mit Holz, Elektroschocks, Menschen wurde Dynamit in den Körper gesteckt, um ihnen Angst zu machen, dass sie in die Luft gesprengt würden, sie mussten in kaltem Wasser stehen, bis sie ohnmächtig wurden. Häftlinge wurden gedemütigt, indem sie in der Nacht aufgefordert wurden, wie Hühner zu singen oder sich wechselseitig wie Hunde anzufallen und zu beißen, oder ihnen wurden Exkremente in den Mund gesteckt. Einer der grausamsten Foltermethoden gegen Frauen war jene, dass ihnen eine Katze in die Hose gesteckt wurde und die Folterer die Katze schlugen, sodass diese die Genitalien der Frauen zerkratzte.

Geheimdienst als Waffe der Partei

Der Sadismus wurde von oben befohlen. "Die Bestrafung ist eine Waffe in der Hand der Partei und des Volkes, um die sozialistischen Siege vor feindlichen Elementen zu verteidigen und um die erzieherische Arbeit der Partei mit den Massen massiv zu unterstützen", hieß es in einem Dokument aus dem Jahr 1972. Unter der Bevölkerung wurden Spitzel angeheuert, um mit den Sigurimi zusammenzuarbeiten, man nannte sie "fuks". Sie bekamen Ende des Monats 80 Leke (albanische Währung), deshalb wurden sie auch "die 80-Lekischen" genannt.

"Die Sigurimi sind eine scharfe und geliebte Waffe der Partei, weil sie die Interessen unserer Leute und unseres sozialistischen Staates gegen den internen und externen Feind schützt", meinte der Diktator Hoxha. Es gab sogar Leute, die ihre eigene Familie verrieten, und viele nutzten "Informationen" für persönliche Rachefeldzüge. Die Sigurimi hörten Staatsbürger ab, dabei wurden vor allem Wanzen verwendet. Sie wurden in Aschenbechern, Rädern, Krawatten, Spazierstöcken oder in Bilderrahmen, ja sogar in Pfeifen angebracht.

Wanze im Besen

Die vielen Beispiele, die auf den Schautafeln zu lesen sind, machen offensichtlich, wie sehr das Regime seine "Feinde" fürchtete und wie akribisch die Verfolgung stattfand. Am 12. Dezember 1985 schaffte es etwa eine Familie namens Popa in die italienische Botschaft in Tirana zu flüchten. Dort suchten sie um politisches Asyl an. Um die Botschaft wurden daraufhin 800 Soldaten und Sigurimi platziert, sie horchten ab und sie versuchten die Familie mit Infrarotkameras auszuspähen. Eine Wanze, die in einem Besen versteckt war, lieferte den Sigurimi fünf Jahre lang die Gespräche aus der Botschaft.

Hotels, Polizeistationen und auch Gefängnisse waren ohnehin verkabelt. Viele Nachbarn ließen es zudem zu, dass die Sigurimi bei ihnen andere Nachbarn abhörten. Um Regimegegner zu beseitigen, wurden Dinge inszeniert – etwa Waffen in Kirchen geschmuggelt, um Priester zu überführen. Die Sowjets perfektionierten das System in Albanien. Albanien begab sich dann nach dem Bruch mit Russland 1961 unter die kommunistischen Fittiche Chinas. Damit veränderten sich auch die Sigurimi. Die sowjetischen "Berater" wurden abgezogen.

Normen der sozialistischen Ästhetik

Hoxha ließ unliebsam gewordene Parteikollegen "verschwinden", diese mussten dann aus Büchern und Fotos herausgeschnitten werden. Das Regime war auch Touristen gegenüber extrem misstrauisch. Hoxha selbst meinte: "Die Volksrepublik Albanien ist für Feinde, Spione, Hippies, Touristen und andere Vagabunden verschlossen." In einer Instruktion für Ausländer vom 25. April 1975 wird all jenen die Einreise verweigert, die gegen die "Normen der sozialistischen Ästhetik" verstoßen. Dazu gehörten "Männer mit langen Haaren wie Frauen" mit "irregulären Bärten" und "unangemessener Kleidung", "Frauen mit Mini und Maxiröcken".

Unter Punkt zwei werden außerdem noch Leute mit "extravaganten Kleidern und irregulärer Erscheinung" erwähnt. Sie durften nur in den Transit- oder Wartehallen bleiben. "Wenn sie sich dafür entscheiden sich anzupassen (ihre Haare abzuschneiden und sich normal anzuziehen), können sie ins Land einreisen", hieß es. Auf dem Flughafen in Tirana wurde etwa ein Checkpoint eingerichtet, an dem man sich die Haare schneiden lassen konnte. Auch das Mitbringen von "konterrevolutionärer Literatur" war verboten. Der Überwachungsdirektor war bezeichnenderweise beim Tourismusbüro angestellt. Auch die Hotelrezeptionisten waren Sigurimi. Diplomaten wurden ohnehin überwacht.

Vernichtung der Sigurimi-Akten

Der Widerstand gegen die Diktatur war extrem gefährlich. Immer wieder schrieben allerdings Bürger "anonyme Briefe", oft mit konfusen Schriftbildern, um nicht entdeckt zu werden. Sie beschwerten sich darin über Hoxha und das Regime. Diese Briefe wurden genauestens untersucht. Ab 1967 tauchten Plakate auf, auf denen Parteimitglieder beschimpft oder denunziert wurden. In einem Flyer von 1978 stand etwa: "Wir wünschen Enver Hoxha einen sehr baldigen Tod, weil Albanien fürchterlich leidet."

Als das Regime erkannte, dass es dem Ende zuging, versuchte es, die Verbrechen zu verschleiern. Viele Akten der Sigurimi wurden in den Jahren 1990 und 1991 vor dem Sturz des Regimes vernichtet. Dazu wurden zwei Bäckereien "genutzt", die in der Lage waren, pro Stunden 800 Kilo Papier zu verbrennen. Forschungen zufolge wurden bereits zwischen 1980 und 1992 29.000 Akten und 75 Prozent der archivierten Dokumente vernichtet. Der Bunker, in dem sich heute das Museum befindet, wurde übrigens das letzte Mal genutzt, als die Nato Serbien wegen des Kosovokriegs bombardierte. Man hatte Angst vor einer Racheaktion Serbiens. (Adelheid Wölfl aus Tirana, 3.1.2018)

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