Rundschau: Die besten Science-Fiction-Romane des Jahres 2017

    Ansichtssache27. Jänner 2018, 10:00
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    Von Monstern und Mond-Aristokraten über Alien-Attacken bis zu Gottes Pensionierung: Ein letztes Best-of 2017, ehe die heurige Bücherwelle anrollt

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    foto: cross cult

    William Gibson: "Archangel"

    Graphic Novel, gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 22,70, Cross Cult 2017 (Original: "Archangel", 2016)

    2017 brachte uns auch William Gibson zurück – und das in doppelt ungewohnter Form. Zum einen, weil das Szenario von "Archangel" nicht in der Zukunft oder einer nach Zukunft aussehenden Gegenwart angesiedelt ist, sondern ein gutes Stück in der Vergangenheit. Vor allem aber, weil es sich dabei um Gibsons ersten Ausflug ins Comic-Biz handelt, nachträgliche Romanadaptionen ohne seine unmittelbare Beteiligung einmal ausgenommen.

    Und genau genommen ist "Archangel" auch einen krummen Weg geflogen: Gibson entwickelte das Konzept ursprünglich zusammen mit dem Drehbuchautor Michael St. John Smith für eine TV-Serie. Erst als die Idee abgelehnt wurde – angeblich recht vehement –, wurde daraus Gibsons erste Graphic Novel. Ironischerweise könnte über diesen Umweg aber doch noch eine Serie draus werden, wie Gibson im Sommer 2016 ankündigte. Nachdem es mit "The Man in the High Castle" und "SS-GB" allerdings jetzt schon zwei Alternate-History-Serien mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg gibt, bleibt abzuwarten, ob der TV-Markt nicht schon gesättigt ist.

    Anpassung der Geschichte

    "Archangel" zählt zu der Variante von Alternativweltgeschichten, die mit einer Zeitreise verbunden sind. Und Gibson lässt sich den Gag nicht nehmen, die Mutter aller Zeitreiseklischees – nämlich die Ermordung des eigenen Großvaters – vergnügt in die Handlung einzubauen. Die ist hier übrigens kein Unfall, sondern erstes Ziel der Mission: Junior Henderson, im Jahr 2016 Vizepräsident der USA, lässt sich ins Jahr 1945 zurückbeamen, um dort Opas Stelle bei der Army und damit eine Position einzunehmen, von der aus das eigentliche Ziel verwirklicht werden kann: nämlich die Zeitlinie zu verändern.

    Eine kurzer Rundblick zu Beginn hat uns eine atomar verwüstete Welt gezeigt. Wir müssen also zunächst annehmen, es handle sich um das gängige Szenario von der dystopischen Zukunft, die sich selbst durch einen Zeiteingriff korrigieren will – denken wir etwa an den Film "12 Monkeys" oder an George R. R. Martins "Belagert". Aber weit gefehlt: Die Strahlenhölle ist Henderson und seinem Vater (= dem US-Präsidenten) relativ egal, solange die Macht in ihren Händen bleibt. Mit einer Splitter genannten Maschine wollen sie Zugang zu alternativen Quantenrealitäten schaffen, um die Entwicklung auch dort in ihrem Sinne zu lenken. Und das 1945, auf das sie abzielen, ist das, das zu unserer Gegenwart führen würde.

    Zum Glück sabotiert eine widerständisch gesinnte Majorin das Projekt und schickt ihr eigenes Kommando hinterher. Und auch wenn von diesem nur einer die Zeitreise überlebt, reicht das doch, um Gegenkräfte zu mobilisieren. Auf der Heldenseite stehen neben dem namenlosen Marine aus der Zukunft die britische Geheimagentin Naomi Givens (die gerne "Astounding" liest und die Begegnung mit einem Zeitreisenden daher ganz gut wegsteckt) und der US-Captain Vince Matthews. Dass diese beiden eine verhatschte Liebesgeschichte verbindet, schreit ganz laut nach TV-Serienmustern – dito die Handlung, die zu weiten Teilen aus Verfolgungsjagden und Schießereien besteht. FFFTTT BLÄM FFFFTTTTT BADDA BADDA BADDA.

    Die Umsetzung

    Der Großteil des Geschehens spielt sich im Berlin des Sommers 1945 ab, zwischen ausgebombten Ruinen (die diejenigen von 2016 widerspiegeln), Schwarzmarkt, Geheimdienstumtrieben und Undergroundclubs. Die Kolorierung unterstreicht das Feeling mit trüben Farben, zumeist wird pro Panel auch nur eine verwendet. Eher durchschnittlich finde ich die Qualität der Zeichnungen von Jackson "Butch" Guice, der zwar jahrzehntelang für DC und Marvel gearbeitet hat, dem die Proportionen und Gesichtszüge seiner Protagonisten aber immer wieder entgleiten. Dass beispielsweise Naomis dubioser Fahrer Fritz "jung" sein soll, konnte ich erst dem Nachwort entnehmen. Ist aber vielleicht nur eine Geschmacksfrage – optische Samples gibt es hier.

    "Archangel" ist sicher nicht Gibsons komplexestes Werk, spielt aber geschickt mit einigen Stereotypen des Genres und hat eine nette Schlusspointe. Tatsächlich Schlusspointe übrigens: Die Geschichte war als Fünfteiler konzipiert und ist daher im Gegensatz zu vielen Graphic Novels mit diesem einen Band abgeschlossen. Als Nächstes wird uns Gibson wieder in vertrauterem Metier (wieder)begegnen: Im September wird sein Roman "Peripherie" bei Knaur neuaufgelegt erscheinen, die deutschsprachige Ausgabe von "The Peripheral". Auch darin wird es um alternative Zeitlinien gehen – diesmal aber wieder in der Zeit, in der Gibson lebt: der Zukunft.

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