Rundschau: Die besten Science-Fiction-Romane des Jahres 2017

    Ansichtssache27. Jänner 2018, 10:00
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    Von Monstern und Mond-Aristokraten über Alien-Attacken bis zu Gottes Pensionierung: Ein letztes Best-of 2017, ehe die heurige Bücherwelle anrollt

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    foto: s. fischer

    Dietmar Dath: "Der Schnitt durch die Sonne"

    Gebundene Ausgabe, 363 Seiten, € 24,70, S. Fischer 2017

    In der ersten Folge von "Sherlock" ist der serienmordende Taxifahrer Jeff Hope erleichtert, in Holmes endlich einen ebenbürtigen Geist gefunden zu haben – und sinniert darüber, wie es wohl sein mag, so dumpf im Kopf zu sein wie der Rest der Menschheit. So manches Mal, wenn ich einen Text von Dietmar Dath lese, erkenne ich mich als einen dieser Dumpfen wieder. It's that certain neanderthal feeling ...

    Auf Personalsuche

    Von der Zugänglichkeit seines Romans "Pulsarnacht" hat sich Dath in den darauf folgenden Werken wieder schrittweise entfernt, auch wenn er der Form nach bei der SF geblieben ist. Als Handlungsprämisse serviert er uns diesmal ein Volk von Intelligenzwesen, die in der Atmosphäre der Sonne leben respektive in ihrer eigentlichen Gestalt als Energiewirbel Teil dieser Atmosphäre sind. Als eines Tages ein Kind geboren wird, das etwas aus der Norm fällt und Anzeichen für ungeahntes Potenzial zeigt, entwickelt sich ein ideologischer Streit um das Wesen dieses sogenannten Koronakinds. Um den Streit zu entscheiden, holt man sich schließlich Hilfe bei diesen rückständigen Winzlingen, die auf Planet 3 herumkrabbeln.

    Teils durch Überredung, teils mit etwas rabiateren Methoden werden ein paar Menschen engagiert: Aykut, ein Geschäftsmann mit Feinschmeckerzunge, der Musiker Bernhard, Oma Marianne, eine Altlinke aus dem Pflegeheim, der Ex-Forscher und jetzige Finanzspezialist Karel und schließlich Vera, eine studierte Mathematikerin, die im Verkauf arbeitet und dafür offenbar reichlich überqualifiziert ist, wie uns ihre Fachexkurse im weiteren Romanverlauf noch zeigen werden. Im Großen und Ganzen also Menschen wie du und ich – oder wie es Teiresias, Abgesandter der Sonne, formuliert: "Eine ziemliche Gurkentruppe eigentlich."

    Wachtelschachtelsätze

    Solche flapsigen Formulierungen werden sich öfter mal finden und den insgesamt stark theorielastigen Text auflockern – eben noch ein wissenschaftlicher Vortrag, plötzlich ein Zitat aus "Terminator", ganz postmodern. "Wenn du leben willst, komm mit mir", wird sich der eine oder andere ohnehin schon gedacht haben, wenn ihm früh im Roman das Prinzip von Ursache und Wirkung anhand von Hauptmahlzeiten "veranschaulicht" worden ist:

    Es war die Wachtel, oder: Es war das Rind. Eine entsprechende Gleichung, das Verfahren von Bayes, sagt uns: Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei einer gegebenen Bedingung eine bestimmte Ursache war, die Wachtel von mir aus, ist gleich der Annahme, dass diese Bedingung im Fall der Wachtel gegeben ist, multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit der Wachtel an sich, dividiert durch die Wahrscheinlichkeit der betreffenden Bedingung, sagen wir: Anwesenheit von Schalotten, Rosmarin und so weiter, wobei Rosmarin ja in beiden Mahlzeiten vorkommt. Und solche – nichtsdestotrotz hochpräzisen – Wachtelschachtelsätze sind nur kleine Vorbeben der Dinge, die da noch kommen werden. Sprachlich macht Dath wirklich keiner was vor.

    Der Sonne entgegen

    Da die Menschen ebenso wenig direkt zur Sonne reisen können wie deren Bewohner zur Erde, lässt man sich als Bewusstseinsprojektion ans Ziel schicken. Aykut & Co werden damit in eine für sie zurechtgeschneiderte virtuelle Umgebung versetzt, die mal nach dem Gemälde eines Surrealisten aussieht, mal höchst banal, mal nach einer Luxusversion dessen, was uns Esoterik-CDs flüsternd vors geistige Auge projizieren wollen. Da die Sonnenbewohner in Avataren und Teilaspekten eines größeren Ganzen agieren, ist auch ein Schuss hinduistischer Götterhimmel mit dabei.

    Unter diesen Bedingungen sollen unsere wackeren Fünf nun das Wesen des Koronakinds ergründen, jeder aus der Perspektive seines Fachgebiets. Speziell die Passagen um Vera geraten da zum mathematisch-philosophischen Essay. "Nehmen wir mal Sprache als eine Kategorie von, na gut, Graphen. Dann sind die Punkte von mir aus Hauptwörter, und die Pfeile sind transitive Verben, dann haben wir als Quelle oder Domain oder Definitionsmenge jeweils ein Subjekt, als Ziel oder Codomain oder Wertemenge jeweils ein Objekt, nicht im mathematischen Sinn von Objekt natürlich, sondern im grammatischen. So weit, so schön, aber was für Kalküle kann ich mit Wörtern veranstalten, wenn es nicht einfach ganz banale Sätze sind, wie man sie eben redet? Menschliche Sätze, in meinem Fall: deutsche Sätze?"

    Das Teilende und das Verbindende

    Ironischerweise beschäftigt sich Dath in "Der Schnitt durch die Sonne" hauptsächlich mit Disziplinen, in denen es um Meta-Betrachtungen geht – ob nun Semiotik oder Kategorientheorie –, findet dafür aber keine Meta-Sprache. Er schreibt über Physik wie ein Wissenschafter, über Kulinarik wie ein Gourmetkritiker und so weiter. Jede Passage über ein Teilgebiet liest sich so, als drehe sich der ganze Roman um ebendieses Teilgebiet. Da fehlt die ordnende Hand, die aus den in alle Richtungen spektakulär abstehenden Einzelsträhnen eine Frisur macht.

    Das ist noch ironischer, wenn man bedenkt, dass das Zusammenfügen des Zersplitterten das wichtigste Motiv des Romans ist. Vom ersten, zu diesem Zeitpunkt noch unverständlichen, Bild im Prolog über die Lagerbildung des Sonnenvolks bis hin zu den unterschiedlichen sinnlichen und intellektuellen Fähigkeiten der Protagonisten, die sie zur Wahrheitsfindung verknüpfen müssen: Alles in "Der Schnitt durch die Sonne" scheint sich um das Miteinanderteilen, das Verknüpfen und Verbinden zu drehen. Erst durch diesen Prozess finden die anfangs tendenziell einsam und haltlos beschriebenen Figuren – stellvertretend für die Menschheit an sich – wieder zu sich selbst und zu Sinn.

    ... soll übrigens nicht heißen, dass das der Generalschlüssel für "Der Schnitt durch die Sonne" wäre. Aber mit dem Triumphgefühl, wenigstens etwas verstanden zu haben, habe ich mir anschließend einen Knochen ins Haar gesteckt und bin glücklich grunzend zur Mammutjagd aufgebrochen.

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