Rundschau: Die besten Science-Fiction-Romane des Jahres 2017

    Ansichtssache27. Jänner 2018, 10:00
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    Von Monstern und Mond-Aristokraten über Alien-Attacken bis zu Gottes Pensionierung: Ein letztes Best-of 2017, ehe die heurige Bücherwelle anrollt

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    fotos: antje kunstmann, mcd x fsg originals

    Jeff Vandermeer: "Borne"

    Gebundene Ausgabe, 250 Seiten, € 22,70, Verlag Antje Kunstmann 2017 (Original: "Borne", 2017)

    Jeff Vandermeer: "The Strange Bird"

    Broschiert, 128 Seiten, MCD x FSG Originals 2017, Sprache: Englisch

    In the city, the line between nightmare and reality was fluid ... Dieser Satz aus "Borne" gilt eigentlich für so gut wie alle Erzählungen von Jeff Vandermeer. Seine Welten mögen auf sehr unterschiedliche Entstehungsgeschichten zurückblicken, doch alle resultieren in einer Atmosphäre des Irrealen. In "Borne" haben wir es mit einer Zukunft zu tun, die zeitlich recht nah ist, sich aber Jahrtausende, wenn nicht gar Jahrmillionen entfernt anfühlt, so tiefgreifend war die Metamorphose der Welt.

    Schauplatz des Romans ist eine namentlich nicht genannte Stadt in der Ära nach dem Kollaps der globalen Zivilisation. Giftiger Regen prasselt auf die Ruinen nieder, zwischen denen sich genetisch veränderte Tiere und Banden von Chimären-Kindern bewegen: Produkte der "Firma", die der Stadt mit ihren Biotech-Entwicklungen eine letzte Blüte bescheren wollte, es letzten Endes aber nur geschafft hat, dass der Untergang bizarrer als notwendig abgelaufen ist.

    Das Ensemble

    Hauptfigur Rachel lebt wie alle noch verbliebenen Menschen davon, in den Ruinen nach Brauchbarem zu stöbern. Sie stammt aus einer Familie von Klimaflüchtlingen, ist nun aber verwaist und hat keine Erinnerung mehr daran, wie sie in die Stadt gekommen ist. Rachel und Wick, ein ehemaliger Angestellter der Firma, haben ihren Zufluchtsort gegen Plünderer abgesichert, indem sie ihn zu einer Art Geisterbahn ausgebaut haben. Fallen, bedrohliches Inventar, Halluzinationen auslösende Drogen und gezüchtetes Ungeziefer sollen Eindringlinge abschrecken.

    An potenziellen Feinden gibt es nicht nur die gefährlichen Kinderbanden und sonstige Monster, sondern auch die sogenannte Magierin: ebenfalls eine ehemalige Firmenangehörige, die Gentechnik praktiziert. Von alkoholhaltigen Fischen, die man "trinkt", über heilende Würmer bis zu "Kampfkäfern" wird uns im Roman allerlei verblüffendes Getier über den Weg laufen. Die in jeder Beziehung größte Schöpfung freilich ist Mord, ein intelligenter Bär in Kaiju-Ausmaßen, der die Stadt inzwischen mit seiner schieren Urgewalt beherrscht. Ein gigantischer Grizzly, der fliegen kann und einmal ein Mensch gewesen sein soll, klingt hochgradig lächerlich – Vandermeer als Meister des traumhaften Grusels versteht es aber, uns selbst dieses völlig absurde Bild zu verkaufen.

    Game-Changer

    Das brisante Gleichgewicht in der Stadt gerät ins Wanken, als Rachel eines Tages ein seltsames Ding aus Mords Fell klaubt. Borne sieht wie eine Seeanemone aus (angesichts von Vandermeers bekannten Vorlieben müsste man eigentlich auf einen Pilz tippen), wächst zuhause bei Rachel und Wick zunächst wie eine Zimmerpflanze heran und entpuppt sich schließlich als intelligentes Wesen, das seine Gestalt verändern kann.

    Während Wick skeptisch bleibt, entwickelt sich zwischen Rachel und Borne eine komplizierte Beziehung: ein bisschen freundschaftlich, ein bisschen wie Mutter und Kind, ein bisschen sogar fast flirtend. Ausgelassen ziehen die beiden durch die Stadt und albern herum – inmitten allgegenwärtiger Gefahr und Düsternis ist dann sogar Platz für Situationskomik. Als die beiden von einem Raubtier verfolgt werden, formt sich Borne in einen Felsen um und schließt Rachel in seinem Inneren ein. Während sie draußen den Bären am Schutzkokon kratzen hört, bildet sich vor ihren Augen ein Telefon aus Bornes Fleisch und sie hebt ab: "Hello," I whispered. "This is Borne. This is Borne calling you."

    Das Grauen kommt auf leisen Sohlen

    Aber Borne hat auch weniger anheimelnde Seiten. Er wird immer größer, und mit ihm wächst auch sein ständiger Hunger – vielleicht hat Wick ja doch recht, dass der Findling eine Gefahr bedeutet. Der Roman rührt damit an sehr alte Motive an, ob Frankensteins Monster (es gibt vor allem einige Parallelen zum SF-Film "Splice") oder den Wechselbalg. Eingebettet werden diese allerdings in einen modernen Biotech-Kontext und in die typisch Vandermeer'sche Erzählweise eines Fiebertraums, die jede Genre-Zuordnung hinfällig werden lässt. "Borne" ähnelt von seiner Atmosphäre her stark Vandermeers erfolgreicher und inzwischen mit Natalie Portman verfilmter "Annihilation"-Trilogie. Der Hauptunterschied ist, dass hier wesentlich mehr gezeigt wird. Eigentlich sogar so viel gezeigt, dass man daraus eine großartige Graphic Novel machen könnte.

    Da capo

    "Borne" ist – wohl aufgrund des "Annihilation"-Erfolgs – so schnell übersetzt worden, dass ich das Original noch gar nicht gelesen hatte, als schon die deutschsprachige Version auf den Markt kam – sonst hätte ich gleich die rezensiert. Auf Englisch gibt es allerdings noch eine Zugabe: Die Novelle "The Strange Bird" ist gewissermaßen eine Auskoppelung, eine Geschichte-in-der-Geschichte, die in "Borne" erwähnt und hier ausformuliert wird. Zugleich schildert sie in der zweiten Hälfte die Ereignisse des Romans noch einmal aus einer gänzlich anderen Perspektive, in märchenhaftem Ton und mit viel Innenschau.

    Protagonist ist ein Vogel, der in einem Labor aus verschiedenster DNA – unter anderem menschlicher – zusammengebastelt wurde. Nach gelungener Flucht zieht er über ein verwüstetes Land, das von geisterhaften Relikten der Hochtechnologie und allerlei gefährlichen Wesen geprägt ist – am schlimmsten von allen die Menschen. Niemand von denen schert sich um das wahre Wesen des Vogels, alle projizieren lediglich ihre Wünsche und Interpretationen auf ihn. Ein bisschen gilt für den seltsamen Vogel also dasselbe wie für Vandermeers nicht minder seltsame Erzählkunst ...

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