Rundschau: Die besten Science-Fiction-Romane des Jahres 2017

    Ansichtssache27. Jänner 2018, 10:00
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    Von Monstern und Mond-Aristokraten über Alien-Attacken bis zu Gottes Pensionierung: Ein letztes Best-of 2017, ehe die heurige Bücherwelle anrollt

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    foto: heyne

    Paolo Bacigalupi: "Water. Der Kampf beginnt"

    Broschiert, 464 Seiten, € 10,30, Heyne 2017 (Original: "The Water Knife", 2015)

    Schweiß ist die Form, in der das titelgebende Wasser in Paolo Bacigalupis aktuellem Roman als Erstes genannt wird – und das ist kein Zufall. Wie die meisten seiner Erzählungen ist auch "Water" in einer nahen Zukunft angesiedelt, in der sich der Klimawandel verschärft hat. Schauplatz ist diesmal der Südwesten der USA, der unter einer verheerenden Dauerdürre leidet, die zu annähernd bürgerkriegsartigen Konflikten zwischen den hauptbetroffenen Bundesstaaten geführt hat. Für die albtraumartige Hitze in den Wüstengebieten findet Bacigalupi ein bestechendes Bild: Wenn die Nationalgardisten durch ihre Infrarot-Zielfernrohre spähen, zeichnen sich die Menschen als dunkle Flecken vor dem Hintergrund ab – sie gehören inzwischen zu den kühlsten Objekten da draußen.

    Zur Einordnung

    Nach einigen Romanen für ein Young-Adult-Publikum ("Schiffsdiebe", "Versunkene Städte") hat sich Bacigalupi mit diesem Roman wie schon in seinem überragenden Erstling "The Windup Girl" ("Biokrieg") wieder an ein erwachseneres Publikum gewandt. Das äußert sich nicht nur in einer Sexszene und einer Reihe von brutalen Gewaltakten, die keine der Hauptfiguren verschonen werden. Vor allem kommt es in der Moral hinter der Geschichte zum Tragen: Für eine einfache Gut-Böse-Einteilung ist hier kein Platz.

    Sowohl YA- als auch Erwachsenentitel führen uns in eine Welt des Niedergangs; möglicherweise gehören sie sogar alle derselben Near Future History an. "Water" ist kurz nach der Erzählung "The Tamarisk Hunter" (im Sammelband "Pump Six") angesiedelt, auf die im Text auch explizit verwiesen wird. Es muss aber – vorausgesetzt, es ist tatsächlich dieselbe Zukunft – noch deutlich vor "Windup Girl" liegen: Immerhin gibt es hier immer noch fossilen Brennstoff. Dafür fehlt es jedoch an allen Ecken und Enden an Wasser. Mehrfach bezieht sich der Autor auf Marc Reisners Sachbuch "Cadillac Desert", das die Wassermanagement-Probleme im amerikanischen Südwesten schon 1986 vorhergesagt hat.

    Trio in der Hölle

    Eine der Hauptfiguren von "Water" ist Angel Velasquez, ein ehemaliges Gangmitglied, das nun für die Wasserbehörde von Nevada arbeitet. Aber nicht als Bürohengst, sondern als Mann fürs Grobe (seine inoffizielle Berufsbezeichnung ist Waterknife, entsprechend dem Originaltitel des Romans). Wir befinden uns in einer Zeit, in der die US-Bundesstaaten ihre heute schon existierenden Wasserkonflikte auf eine neue Ebene gehoben haben: Da geht man nicht nur vor Gericht gegen Konkurrenten vor, sondern sprengt auch gleich mal deren Staudämme und Recyclinganlagen in die Luft. Angels Chefin Catherine Case ist in diesem Zusammenhang besonders skrupellos. Sie hat schon reihenweise Städten und ganzen Regionen das Wasser abgedreht, um es für ihr Nevada zu sichern.

    Zu Angels Widerpart wird Lucy Monroe, eine Journalistin aus dem noch kühlen Norden, die seit Jahren den Niedergang von Phoenix, Arizona dokumentiert. Die beiden Hauptfiguren scheinen von unterschiedlichen Polen zu kommen, bewegen sich aber aufeinander zu: Angel wird als zynisches Arschloch eingeführt, zeigt später aber immer menschlichere Züge. Die Idealistin Lucy hingegen wird langsam in den Mahlstrom des Niedergangs hineingezogen und driftet in immer dunklere Gefühle ab. Die beiden werden sich in der Mitte treffen und eine Seelenverwandtschaft erkennen.

    Ins Rollen gebracht wird die Handlung, als ein Bekannter Lucys damit prahlt, den Joker aller Joker im Wasserkrieg gefunden zu haben: etwas, das den Status quo komplett verändern wird. Als er kurz darauf auf bestialische Weise ermordet wird, beginnt eine verwickelte und brandgefährliche Suche nach der Wahrheit. Ein reiner Zufall zieht die dritte Hauptfigur ins Geschehen: Maria Villarosa, eine junge Frau, die mit ihrer Familie aus dem verwüsteten Texas nach Phoenix geflohen ist, sich mittlerweile allein durchschlagen muss und zur Verblüffung aller noch eine Schlüsselrolle spielen wird.

    Dust Bowl Days

    "Hörer rufen an bei KFYI ..." – "Wisst ihr, wie das da draußen aussieht? Wie in Pompeji." Staubstürme, verlassene Städte, Flüchtlingsströme und verelendete Massen: Speziell bei amerikanischen Lesern dürfte Bacigalupi Erinnerungen an die Ära der "Dust Bowl" wecken, eine verheerende Dürre in den 1930er Jahren, die in den Präriestaaten zu ähnlichen Szenen führte wie denen im Roman.

    Nur dass im 21. Jahrhundert alles noch schlimmer ist. Eine Gesetzesänderung hat den einzelnen Bundesstaaten die Souveränität ihrer Grenzen zugesprochen – und an denen wird nun auf Klimaflüchtlinge aus Nachbarstaaten geschossen. Die Regierung in Washington hat weder die Macht noch den Willen, gegen die regelmäßigen Massaker an Flüchtlingen einzuschreiten. Texas ist bereits zerfallen, weiter im Süden hat sich Mexiko in die von Verbrechern regierten Kartellstaaten aufgelöst. Es gibt keine Hand mehr, die ordnend eingreift – nur das übliche Gewimmel von Hilfsorganisationen vor Ort. Pikant, wenn in den USA der Rote Halbmond und China tätig werden. Wobei sich das technologisch fortgeschrittene Reich der Mitte ohnehin darauf beschränkt, Arkologien für die Privilegierten zu bauen. Ähnlich wie in der unterschätzten TV-Serie "Incorporated" ist die Gesellschaft auch hier in zwei Welten zerfallen, zwischen denen es kaum noch Verbindungen gibt.

    Es ist immer ein bisschen riskant, ein Buch beim Erscheinen noch ungelesen zur Seite zu legen, um es gleich für das Jahres-Best-of aufzuheben. Aber bei Paolo Bacigalupi geht dieses Risiko gegen null. Er findet die perfekte Balance zwischen spannender Handlung und detaillierter Beschreibung eines (leider scheußlichen) Systems. So soll Science Fiction sein.

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