Consumer-Elektronik in Nordkorea: Wenn der Händler die Apps aufspielt

    30. Dezember 2017, 16:13
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    Sicherheitsforscher bringen etwas Licht ins Dunkel des elektronischen Alltags in der abgeschotteten Diktatur

    Kaum ein Land verbarrikadiert sich gegenüber der äußeren Welt so umfangreich und beharrlich wie Nordkorea. Ungeachtet internationaler Sanktionen steckt das Regime von Kim Jong-un in beständigen Spannungen mit seinem westlich orientierten Nachbarn Südkorea und einem zunehmend bedrohlich wirkenden Konflikt mit den USA.

    Einblicke in das Leben in Nordkorea gibt es selten. Immer wieder aber liefern geflohene Einwohner und Ausländer, die in dem Land tätig sind, spannende Informationsschnipsel. Auch über die Bemühungen der "Volksrepublik" in Sachen IT. So wurden in der Vergangenheit etwa mehrere Tablets und auch die Linux-Distribution "Red Star OS" unter die Lupe genommen. Am Hacker-Kongress 34C3 lieferten nun die Sicherheits-Experten Will Scott und Gabe Edwards weitere Erkenntnisse zum Elektronik-Alltag.

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    Kim Jong-un will IT-Industrie fördern

    Die Bedeutung von Computertechnologien ist dem Regime klar. Gleich mehrfach zitiert man Staatsoberhaupt Kim Jong-un, der die Förderung der Branche als Zielvorgabe definiert. Man dürfte in den vergangenen Jahren auch einige Fortschritte gemacht haben, zumal Nordkorea als Urheber der "Wannacry"-Ransomware und des Sony-Hacks von 2014 verdächtigt wird.

    Doch nicht nur privilegierten Spezialisten, auch der allgemeinen Bevölkerung will der Staat die IT schmackhaft machen. So wurde im Süden der Hauptstadt Pjöngjang vor kurzem auf einer Flussinsel ein Zentrum für Wissenschaft und Forschung eröffnet. In dem modern anmutenden Gebäude befindet sich auch eine Bibliothek, wo zahlreiche Computer zur Verwendung bereit stehen.

    Allerdings handelt es sich dabei nicht um Desktop-Rechner, sondern um Tablets in einer Monitorfassung mit Tastatur und Maus. Auf ihnen läuft nicht Red Star OS, sondern ein bislang unbekanntes Betriebssystem, das aber offensichtlich auf Googles Android basiert und für konventionelle Verwendung optimiert ist.

    Dysfunktionales Flughafen-WLAN

    Auch gibt es Geschäfte, die mobile Hardware verkaufen. Darunter auch eines am Flughafen, wo Tablets, Smartphones und Netbooks im Angebot sind. Obwohl der Shop einen englischen Namen ("Electronic Goods") trägt, werden dort allerdings keine Geräte an Ausländer verkauft. Andere Händler führen sogar Laptops, die teilweise bekannte Markenlabels – etwa Asus und Toshiba – tragen.

    Immerhin, laut Popular Mechanics verfügt der Flughafen mittlerweile über einen WLAN-Zugang. Der Zugang kostet zwei Dollar für 30 Minuten. Ein AP-Reporter konnte sich aber trotz Hilfestellung einer Mitarbeiterin darin nicht einloggen. Allgemeinen Internetzugang gibt es nach wie vor nicht. Die verkaufte Hardware verfügt nach bisherigen Erfahrungen oft auch nur über limitierte Ausstattung – mitunter fehlen etwa das WLAN- und Bluetoothmodul.

    Händler installieren Apps

    Wer sich ein Elektronikgerät leisten kann, kann trotzdem Apps aufspielen. Mangels Zugang zu Googles Play Store oder anderen Online-Katalogen führt der Weg allerdings wiederum zu den Händlern. Dort liegen etwa Spiele in Form von Katalogen mit Screenshots und Beschreibungen auf. Gegen Entgelt werden die Programme dann vor Ort auf Handy, Tablet oder Notebook aufgespielt.

    Die Bedeutung von technologischem Wissen auf politischer Ebene spiegelt sich auch in der Softwareausstattung wieder. In der Bibliothek sind Materialien verfügbar, mit denen sich etwa Programmiersprachen erlernen lassen. Auch auf den käuflich erwerbbaren Geräten sind sie mitunter vorinstalliert.

    Viele Lernmaterialien

    Dabei handelt es sich meist um gut gemachte Übersetzungen westlicher Lernmaterialien, die teilweise sehr schnell und teilweise erst Jahre nach Erscheinen des Originals bereit gestellt werden. Manchmal sind Code-Beispiele allerdings verändert und mit eigenen Kommentaren versehen. Der Zugriff ist trotzdem reglementiert. Verteilt werden die Materialien in Form von PDF-Dateien mit einem eigenen Kopierschutzsystem. Geöffnet werden sie veränderten Ausgaben herkömmlicher E-Reader-Apps, die sich mit diesem System verstehen.

    Eine Reihe von Software, Büchern und anderen Materialien haben die zwei Sicherheitsforscher gesammelt und zugänglich gemacht, sodass Interessierte damit experimentieren und weiterer Einblicke erarbeiten können. Der Vortrag von Scott und Edwards kann auf der Website des 34C3 und auch auf Youtube nachgesehen werden. (gpi, 30.12.2017)

    • Dieser Shop am Flughafen trägt zwar einen englischen Namen, verkauft seine Ware aber nur an Inländer.
      screenshot: 34c3

      Dieser Shop am Flughafen trägt zwar einen englischen Namen, verkauft seine Ware aber nur an Inländer.

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