Die Alben des Jahres 2017

Ansichtssache29. Dezember 2017, 10:00
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Wer gut war und wer abgestürzt ist, was begeistert empfangen oder mit Staunen entdeckt wurde: Die Kulturredaktion blickt auf das Musikjahr 2017 zurück, auf Veröffentlichungen, die von Pop, Jazz, Klassik und Elektronik bis Lärm- und Seelenmusik reichen

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foto: caroline records

In einem von wenigen Ausreißern nach oben gekennzeichneten Jahr bewährte sich Bewährtes. Album des Jahres ist deshalb Thurston Moores Rock n Roll Consciousness. Darauf memoriert der New Yorker seine Lehrjahre beim Lärmsymphoniker Glenn Branca ebenso wie die erhabensten Momente bei seiner früheren Band Sonic Youth. Gegen die eigene Prägung kommt man schwer an, da ergibt man sich leicht und gern.

Persönliche Entdeckung des Jahres war der durchsichtige Brite King Krule. So nennt sich Archy Marshall, der mit The Ooz ein so unambitioniertes wie genialisches Kleinod produziert hat. Ein nachlässiger Diener vor abgefuckter Lounge-Musik, Punk und Anfängerjazz mit dem Mittelfinger geblasen. In Österreich verabschiedete sich Austropop-Urgestein Wilfried Scheutz viel zu früh von dieser Welt. Sein finales Album Gut Lack belegt, wie Renitenz die Sorge um die Alterswürde außer Acht lassen kann, da sie sich über Witz, Geist und Rückgrat wie von selbst einstellt.

Morbide Innenschauen bot der Steirer Paul Plut auf seinem Longplayer Lieder vom Tanzen und Sterben. Mattschwarze Gospel-Gstanzln im Dialekt von einer der besten Stimmen des Landes. Einen Komplettabsturz verzeichneten die kanadisch-amerikanischen Indie-Lieblinge Arcade Fire mit ihrem belanglos dahinplätschernden Everything Now. Sie wollten alles und gaben nichts. Wie Radiolegende Werner Geier einmal so schön gesagt hat: "Da schlaft mir beim Speiben des G'sicht ein."

Das Comeback des Jahres war wohl jenes des LCD Soundsystem. James Murphy lädt auf American Dream zu einem Egotrip ein, der seinen anhaltenden David-Bowie-Verlustschmerz ebenso hörbar macht wie sein Entsetzen angesichts des Donald Trump. Kendrick Lamar hat mit Damn geglänzt, guter Mann. Andererseits kehrten die Hip-Hopper A Tribe Called Quest Anfang des Jahres mit We Got It From Here ... Thank You 4 Your Service ein letztes Mal wieder. Und denen verdankt Lamar alles.

Wiederveröffentlichung des Jahres: Die edle Kompilation Devil Girls With Raven Hair erfreute im Frühling mit einer Erinnerung an den Gothic-Rockabilly des Jody Reynolds, aus dessen Feder schattseitige Klassiker wie Fire Of Love oder Endless Sleep stammen.

Und im Herbst erfreute das deutsche Label Bear Family, als es Bobby Blands 1974 entstandenes Meisterwerk Dreamer wieder auflegte. Emotionale Achterbahnfahrten im edelsten Tuch, das der Deep Soul im Kasten hängen hat. Musik für die Ewigkeit.

Karl Fluch

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