Marode Skigebiete suchen ihr Heil bei Investoren aus dem Ausland

28. Dezember 2017, 07:00
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Viele kleine Skigebiete kämpfen ums Überleben. Millionen aus China oder Russland sollen helfen.

Laut rattern die Maschinen der Skilifte, auf dem weißen Hang ziehen die ersten Skifahrer ihre Schwünge durch den Schnee. "Wir können kurzfristig aufatmen, wir haben das erste Mal seit Jahren über Weihnachten genügend Schnee", sagt der Bürgermeister von Krispl, Andreas Ploner. Bei der stadtnahen Skischaukel Gaißau-Hintersee, die sich die Salzburger Gemeinden Krispl und Hintersee (Flachgau) quasi teilen, sind seit dem Weihnachtswochenende acht der insgesamt neun Anlagen in Betrieb.

Gerade rechtzeitig für das traditionell gute Weihnachtsgeschäft, wie Betriebsleiter Martin Wallmann ergänzt. An guten Tagen kommen immerhin rund 3.500 Skifahrer nach Gaißau-Hintersee. Dazu kommen noch bis zu 200 Tourengeher, die zumindest über die Parkplatzgebühr ein paar Euro in die Kasse bringen.

Dass man in Gaißau-Hintersee schon früher aufsperren konnte, ist keine Selbstverständlichkeit: In den vergangenen vier Saisonen ist das Weihnachtsgeschäft komplett ausgefallen. Schneekanonen gibt es nicht, was für das Skigebiet auf 800 bis 1.500 Metern Seehöhe durch den Klimawandel zum existenzbedrohenden Problem geworden ist. Immer wieder kämpfte man mit Geschäftseinbrüchen, das Gebiet wurde zwischen mehreren Investoren hin- und hergereicht. Zuletzt ging es 2014 an die chinesische J&Y-Holding.

foto: apa / barbara gindl
Kein Schnee in Sicht: Schon in der Vergangenheit, wie hier 2014, bangte man in Gaißau-Hintersee um den Schnee.

"Da Chines" nennen die Gaißauer den Haupteigentümer Zhonghui Wang. Gesehen hat ihn im Ort fast niemand, und man merkt, dass vielen nicht ganz wohl dabei ist, ihre Zukunft in ausländische Hände zu legen. "Die ticken anders, haben eine andere Mentalität", heißt es von Gastwirten und Bewohnern im Ort.

Der chinesische Investor betreibt in China selbst Skigebiete und sollte Geld in die Liftanlagen stecken, die bereits 40 bis 50 Jahre alt sind.

"Wir haben viele Pläne gesehen, manche hunderte Seiten dick", berichtet Ploner. Geschehen sei bisher nichts. Immer noch könne keiner im Ort genau sagen, wie lange man den Betrieb auf Dauer aufrechterhalten kann.

Ausländer sollen helfen

Gaißau-Hintersee ist nicht das einzige Skigebiet, das zu kämpfen hat. Vor allem kleine und niedrig gelegene Skigebiete im Ostalpenraum wie etwa die Koralpe in Kärnten, das Hochkar in Niederösterreich oder die Aflenzer Bürgeralm in der Steiermark schlitterten in den vergangenen Jahren in die Insolvenz. In manchen Fällen springt das Land als Investor den maroden Skigebieten bei wie etwa Niederösterreich, das Beteiligungen an Annaberg, Mönichkirchen, St. Corona am Wechsel, am Hochkar und am Ötscher hält. In anderen Fällen wie Gaißau-Hintersee sollen ausländische Investoren Abhilfe schaffen.

"Überall, wo es schlecht läuft, lässt man die Ausländer rein", sagt der Tiroler Tourismusberater Peter Haimayer. Wie zum Beispiel auf dem Semmering. Im kleinen Skigebiet an der niederösterreichisch-steirischen Grenze kaufte sich 2014 die ukrainische Panhans-Holding ein, übernahm die Bergbahnen und einige Hotels. Für die Bewohner hörte sich das wie ein Wintermärchen an: 56 Millionen Euro sollten in den Ausbau der Liftanlagen und in die Renovierung der Hotels fließen, hunderte Arbeitsplätze geschaffen werden.

Spätestens drei Jahre später ist die Euphorie im Ort der Ernüchterung gewichen: Die Betriebe schrieben weiterhin rote Zahlen, Mitarbeiter klagten über nicht bezahlte Löhne. Das Grand Hotel Panhans ist wegen Renovierungsarbeiten wohl noch länger geschlossen. Aufgrund mangelnder Genehmigungen verzögerte sich der Saisonstart, am 16. Dezember konnte das Skigebiet aber mit eingeschränktem Angebot eröffnet werden. Die Gondelbahn fährt, der Vierersessellift steht noch still.

foto: apa / robert jaeger
Auf dem Zauberberg Semmering-Hirschenkogel wurde der Betrieb nach einer Verzögerung doch noch gestartet – gerade rechtzeitig vor Weihnachten.

Frist bis Jahresende

Weil für den Betrieb der Bahnen notwendige Verantwortliche am Semmering kündigten, wurde der Panhans-Gruppe eine Frist bis 28. Dezember gewährt. Laut Viktor Babushchak, Geschäftsführer der Panhans-Gruppe, habe man aber kurzfristig "einen neuen Betriebsleiter sowie einen Stellvertreter gefunden", sagte er am Mittwoch dem STANDARD.

Diese wurden den Behörden "kurz vor Weihnachten" genannt. Eine Bestätigung gebe es aber noch nicht, dass mit diesen auch alle Auflagen erfüllt werden. "Wir sind mit den Behörden in Kontakt", sagt Babushchak. Er rechnet mit keiner Betriebsunterbrechung. Stattdessen soll der populäre Nachtpistenbetrieb – "wenn alles gutgeht" – noch in diesem Jahr aufgenommen werden. Auf der Rodelbahn kann untertags bereits gerodelt werden. Mittlerweile ist es klar: Die Behörde sah die Auflagen schließlich als erfüllt an. Die "Einseilumlaufbahn Hirschenkogel" könne somit am Freitag "in Betrieb gehen",

Bei den Bewohnern ist der Unmut über die ukrainischen Eigentümer teilweise groß. Trotzdem wisse man, dass man auf die Geldgeber angewiesen sei, so Bürgermeister Horst Schröttner. Man habe Schulden in Millionenhöhe übernommen, sagt Babushchak. Die vergangenen Winter seien desaströs gewesen. Es seien immer wieder Investitionen bei den Liften notwendig gewesen. Eine Unterstützung des Landes Niederösterreich schlug man aus "strategischen und wirtschaftlichen" Gründen aus.

"Die Chinesen lieben Österreich"

Während sich kleine Skigebiete vor allem aus finanzieller Not an ausländische Geldgeber wenden, sind die Motive bei den Investoren vielschichtiger. So wird in Gaißau-Hintersee gemunkelt, der Investor sei daran interessiert, ein chinesisches Skiteam aufzubauen. Er sei von der Ruhe und Abgeschiedenheit begeistert, hört man von anderen Seiten.

Einer, der das Interesse aus China ganz gezielt nutzen will, ist Siegmund Kahlbacher. Er ist Geschäftsführer der Investorengruppe Kyatt und pendelt seit 14 Jahren zwischen Österreich und China. Mit seinen ausländischen Kontakten und der Sichuan-Tourismusgruppe plant er seit zwei Jahren, groß in Bad Gastein einzusteigen. Denn in dem salzburgerischen Ort, der als Monaco der Alpen bekannt ist, fehlen wegen der leerstehenden Hotels im Zentrum Betten für das angehängte Skigebiet. Zwei Hotels hat Kahlbacher mit den chinesischen Investoren bereits gekauft, weitere sechs stehen in Verhandlung, insgesamt wolle man aber das ganze Zentrum übernehmen.

foto: apa / barbara gindl
Als "Monaco der Alpen" wurde Bad Gastein oft bezeichnet. Im Zentrum sind die Hotels vom Verfall bedroht, in den nächsten Jahren könnten sie Chinesen gehören.

"Die Chinesen haben viel Geld und lieben Österreich. Sie wollen bei chinesischen Skilehrern Ski fahren lernen und in den Hotels mit chinesischen Rezeptionisten reden", sagt Kahlbacher. Die Sichuan-Gruppe, die nebenbei eine Airline und das zweitgrößte Reisebüro in China besitzt, würde dafür sorgen, die Gäste nach Österreich zu bringen. Die Gasteiner würden sich über die Investoren freuen, ist Kahlbacher überzeugt.

"Keine Retter"

"Die ausländischen Geldgeber sind sicher keine Retter. Oft sind die Erwartungen an sie zu hoch, oder es scheitert an der gegenseitigen Verständigung", meint Haimayer. In Gaißau-Hintersee überlegt man schon länger, den Mehrheitseigentümer aus China loszuwerden. Die Chancen dafür stünden fünfzig zu fünfzig, meint Ploner. Stelle die Liftgesellschaft einen Konkursantrag, dann könne Wang zahlen oder eben nicht. Fraglich bleibt, woher dann die Mittel für den weiteren Skibetrieb kommen könnten. Möglicherweise müsste einmal mehr das Land einspringen. (Jakob Pallinger, Thomas Neuhold und David Krutzler, 28.12.2017)

Wo Ausländer beteiligt sind

Sölden: In dem Ötztaler Ferienort haben sich schon 2012 russische Oligarchen eingekauft. Mittlerweile halten die Investoren vier Hotels und eine Pension mit insgesamt 550 Betten.

Kreischberg Auf dem Kreischberg im steirischen Murtal gehören zwei Tophotels einem ungarischen Oligarchen, Gasthäuser, Pensionen und weitere Hotels gehören ebenfalls Ungarn.

Mallnitz: 2008 kaufte ein rumänischer IT-Experte in dem kärntnerischen Ort mehrere leerstehende Hotelbetriebe. Insgesamt gehören ihm acht Hotels, drei Skihütten, eine Disco und ein Restaurant.

St. Johann: In dem kleinen Ort in Tirol steht etwa das 230-Betten-Hotel Goldener Löwe im Zentrum leer, seit es 2009 an einen Investor aus der Ukraine verkauft wurde. Die Bergbahnen werden indes mehrheitlich von einem schwedischen Investor geführt.

Lackenhof: In dem Ort in der niederösterreichischen Gemeinde Gaming am Fuß des Ötschers mussten viele Hotels in den 1990er-Jahren wegen finanzieller Probleme oder fehlender Nachfolger zusperren. Mittlerweile sind elf der 15 Hotels in ungarischem oder russischem Besitz.

  • Wenn der Betrieb gut läuft, bleibt das Skigebiet in österreichischen Händen. Wenn nicht, schaut man sich gern auch einmal im Ausland um.
    foto: afp/supinsky

    Wenn der Betrieb gut läuft, bleibt das Skigebiet in österreichischen Händen. Wenn nicht, schaut man sich gern auch einmal im Ausland um.

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