Mit dem Smartphone aus Fluchtbiografien lernen

31. Dezember 2017, 14:00
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Eine Lern-App für Geschichte bringt Jugendlichen das Thema Holocaust näher – Ziel ist, über das Erlernte zu reflektieren

Dornbirn – Wie lehrt und lernt man Geschichte in Zeiten digitaler Medien? Wie wird man dem Thema Holocaust mit neuen Tools im Unterricht gerecht? Die Fachhochschule Vorarlberg entwickelt dazu gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Luzern und Erinnern.at, Institut für historisch-politische Bildung über Holocaust und Nationalsozialismus, eine Lern-App für Geschichte. Mit der App "Fliehen vor dem Holocaust" bekommen 14- bis 18-jährige Schülerinnen und Schüler ein Werkzeug, das ihren Nutzungsgewohnheiten von Smartphone und Co entspricht. Die Herausforderungen an das Team sind vielfältig. "Es gibt im Unterrichtsalltag kein schwierigeres Thema als den Holocaust", sagt der Geschichtsdidaktiker Peter Gautschi, "und dennoch gehört der Holocaust zum Grundkanon der Vermittlung."

Abgesehen von der thematischen Herausforderung sind Lehrende damit konfrontiert, dass immer weniger Zeitzeugen zur Verfügung stehen. Das Angebot an Lehrmaterialien sei unüberschaubar geworden. Eine Lern-App muss nicht nur den Lern-, sondern auch den Mediengewohnheiten der Jugendlichen entsprechen. So basiert die Lern-App auf dem beliebtesten Medium Jugendlicher, dem Video. Das Thema "Fliehen vor dem Holocaust" habe man gewählt, "weil Flucht heute ein sehr präsentes und wichtiges Thema ist", sagt Werner Dreier, Historiker und Leiter von Erinnern.at.

Fünf Filme aus internationalen Archiven erzählen die Lebensgeschichten von jüdischen Männern und Frauen, die als Kinder oder Jugendliche fliehen mussten. Dreier zu den Ergebnissen eines Pilotversuchs mit der App an österreichischen, deutschen und Schweizer Schulen: "Dass junge Menschen diese Erfahrungen interessieren, zeigt sich schon in der Bereitschaft, sich 20 Minuten auf einen Film zu konzentrieren, einem Menschen zuzuhören." Es treffe nicht zu, dass Jugendliche nur Clips ansehen wollen. Aus den Biografien lernen die Jugendlichen über das Handeln von Menschen, bekommen narrative Kompetenz vermittelt und sollen schließlich die Zeitzeugeninterviews in einen größeren Zusammenhang stellen können. Schlussaufgabe der App-Geschichtslektion ist, eine eigene Geschichte aus dem Erlernten zu bauen, sie mit Dokumenten zu ergänzen und mit der Klasse zu reflektieren.

Das interdisziplinäre Forschungszentrum für nutzerzentrierte Technologien an der FH Vorarlberg hat die Aufgabe, die Lern-App technisch so zu gestalten, dass neben den Videointerviews zusätzliche Informationen zur Zeitgeschichte abrufbar sind.

Die Lern-App liefert zudem Erkenntnisse zu den Lerngewohnheiten der Jugendlichen. Dazu Rumen Filkov, der Softwareentwickler im Forschungsteam: "Die Lern-App ist mit einer Reihe von Aufzeichnungsfunktionen ausgestattet, die nach Einwilligung der User ihr Benutzerverhalten erfassen." Dazu gehören die Abfolge von Seitenaufrufen, die Verweildauer auf den Seiten, Ergebnisse von Auswahl- und Textaufgaben und die individuelle Verwendung des Interviews. (jub, 31.12.2017)

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