Den Franzosen läuft die Laus über die Leber

26. Dezember 2017, 19:00
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Den Herstellern von Foie gras ist die Festtagsstimmung vergangen: Vogelgrippe, Billigkonkurrenz und Tierschützer machen ihnen schwer zu schaffen

Sie kommen am helllichten Tag. In Saint-Aunès (Südfrankreich) stürmte ein Kommando von sieben Entenhaltern zur besten Einkaufszeit den lokalen Supermarkt. Sie klebten Etiketten mit Totenköpfen auf diverse Produkte wie Foie gras, Geflügelterrine oder eingelegte Entenschenkel. "Das sind alles Produkte aus Osteuropa", meinte Didier Lapoule, Sprecher des Organisationskomitees "canards en colère", zu Deutsch: wütende Enten. "Sehen Sie hier das Kürzel 'BG', das bedeutet Bulgarien. Und hier steht nur 'EU-Herkunft'."

Der französische Stopflebermarkt spielt derzeit verrückt. Schuld ist die Vogelgrippe, die vor zwei Jahren wohl mit Zugvögeln ins Land kam. Der Virus H5N8 ist für den Menschen ungefährlich, hochansteckend ist er hingegen für das Federvieh. Für die 100.000 Entenzüchter im Südwestens Frankreichs zwischen Atlantik und Mittelmeer, das heißt entlang der Pyrenäen von Biarritz über Toulouse bis nach Montpellier, war es eine Katastrophe. Sie mussten auf einen Schlag 150.000 Enten und Gänse notschlachten – meist nicht, weil die Krankheit ausgebrochen wäre, sondern zur bloßen Vorbeugung.

Ausbreitung verhindern

Frankreich hat seit anderthalb Jahren drastische Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um die Ausbreitung zu verhindern. Ganze Agrarbetriebe kamen unter Quarantäne. Die Landwirte musste Hygieneschleusen einrichten und zehnmal am Tag die Gummistiefel wechseln. Watschelte auch nur eine Ente schief herum, landete der ganze Bestand im Schlachthof. Der Branchenumsatz von normalerweise zwei Milliarden Euro, die Hälfte davon an den Festtagen erzielt, brach zeitweise um die Hälfte ein. Dank des rigorosen Vorgehens wurde die Geflügelpest in der Region bis zum Mai offenbar völlig eingedämmt.

Im Sommer hat die Foie-gras-Produktion wieder eingesetzt. Der Ertrag von 2017 wird aber 40 Prozent niedriger als vor der Influenzazeit liegen. Entsprechend ziehen die Preise an: Der Branchenverband Cifog meint zwar, pro Familie werde die zusätzliche Auslage nur einen oder zwei Euro betragen. Gourmetexperten schätzen aber, dass feinste Stopfleber in französischen und anderen Auslagen bis zu 20 Prozent teurer sein dürfte.

Wütende Entenzüchter

Wütend sind die kleinen Entenzüchter, die sich für die Branchenkrise nicht verantwortlich fühlen. Ihre oft entlegenen Landgüter verbreiteten die Geflügelpest viel seltener als die industriellen Großbetriebe: Die transportieren ganze Lastwagenladungen von Enten zwischen den Brutstätten, den Stopforten und den Schlachthöfen.

Im letzten Jahr wichen viele dieser Massenproduzenten nach Polen, Bulgarien oder Ungarn aus, wo die Vogelgrippe weniger wütete. Und wo die Sicherheitsbestimmungen weniger rigoros sind. "Man kann sich fragen, wie dort Foie gras hergestellt wird", sagt François Ferdier von der "Coordination rurale", die bei der Kommandoaktion im Supermarkt mitmacht. "Auf jeden Fall bedrohen diese industriellen Billigproduzenten die Kleinbetriebe in Frankreich. Nach dem Schock der Vogelgrippe werden die meisten Mühe haben, langfristig zu überleben."

Tierquälerei

Die Tierschützer weinen ihnen keine Träne nach. Im Südwesten Frankreichs, einer Gourmetregion traditioneller Entenzucht, freuen sie sich öffentlich nicht über das Malheur der ansässigen Foie-gras-Produzenten. Auf Anfrage halten sie aber mit ihren Argumenten nicht hinter dem Berg zurück: "Die Kleinbauern nehmen die gleiche Grausamkeit wie die Großindustriebetriebe in Kauf", meint Barbara Boyer vom Kollektiv Stop foie gras kategorisch. Doch sind Kleinbauern nicht empfänglicher für die Argumente der Tierschützer, weil sie im direkten Kontakt mit den Tieren stehen? "Sie gehen handwerklicher vor und brauchen zum Stopfen eines Halses bis zu einer Minute, während Fabriken das in drei Sekunden erledigen", räumt Boyer ein. "Tierquälerei bleibt es allemal."

Stop foie gras verweist auf eine Umfrage, wonach 51 Prozent der Franzosen gegen das Stopfen seien. Erstellt wurde sie unter dem Jahr. Der Branchenverband Cifog verweist auf eine neue Erhebung, laut der über 80 Prozent der Bevölkerung Foie gras als unerlässlich für den Festschmaus erachten. Zum Jahresende scheint sich die Meinung in Frankreich wundersam zu ändern, was Foie gras betrifft. (Stefan Brändle aus Paris, 27.12.2017)

  • Franzosen verspeisen die "fette Leber" traditionell an den Festtagen. Vogelgrippe und Konkurrenz haben die lokale Produktion stark einbrechen lassen.
    foto: apa/afp/remy gabalda

    Franzosen verspeisen die "fette Leber" traditionell an den Festtagen. Vogelgrippe und Konkurrenz haben die lokale Produktion stark einbrechen lassen.

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