Kulturpolitik: Durch die Wüste der Evaluierung

    26. Dezember 2017, 13:58
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    Die neue Regierung hat für die Anliegen von Kunst und Kultur kaum Begriffe

    Der deutsche Frühromantiker Novalis (1772-1801) besaß eine anspruchsvolle Vorstellung davon, was kulturelle Bildung zu leisten habe. Ihre höchste Aufgabe sei es, "sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das Ich seines Ichs zugleich zu seyn".

    Um die "transzendentalen" Anteile des menschlichen Selbst wird sich ein heutiges Bewusstsein weniger scheren. Novalis denkt jedoch grundsätzlicher. Er betont die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis für die Wahrnehmung der Menschen untereinander. Novalis bestimmt unser Wesen als ein wechselbezügliches: "Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft verstehen."

    Wink mit Zaunpfählen

    Eine allzu frühromantische Gesinnung wird man unserer neu bestellten Bundesregierung nicht nachsagen wollen. Die Begriffe von "Kunst und Kultur" spielten in der kolportierten Abfolge der Koalitionsgespräche praktisch keine Rolle. Was sich unter der entsprechenden Kapitelüberschrift im Koalitionsabkommen findet, gleicht einer Sammlung von verwaltungstechnischen Zaunpfählen. Mit diesen soll Kanzleramtsminister Gernot Blümel (ÖVP) winken. Aber nur dann, wenn ihm die Pflichtfächer EU und Medien genügend Zeit dafür lassen.

    Kein einziges "Leuchtturmprojekt" schmückt den fünfseitigen Maßnahmenkatalog, den die Koalitionspartner miteinander vereinbart haben. Die unsägliche "Gießkanne" feiert ihr begriffliches Comeback. "Klare Leitbilder" wollen Blümel und seine Mitstreiter den Förderwerbern vor Augen halten. Die größte Sorge besteht im nachträglichen Aufweis von "Doppelgleisigkeiten" im Förderwesen. Die einzige Prämisse – ganz ohne Leitbilder – ist das latente Misstrauen. Wo sitzt der Speck der Überförderung? Wie lassen sich Saus und Braus mit Blick auf Einsparungspotenziale evaluieren?

    Kein einziger origineller Gedanke

    In dieser Sprachwüste aus technokratischem Slim-fit-Deutsch und rhetorischen Beschwichtigungsübungen wächst kein einziger origineller Gedanke. Ein Bekenntnis zur "Unesco-Konvention" zur Förderung von Vielfalt wird man nicht als geistige Sachspende anerkennen wollen. Tatsächlich findet man Hinweise auf ein zu spinnendes Netz aus "Review"- und Kontrolleinrichtungen. Sie sollen helfen, jeden Steuereuro drei Mal umzudrehen. Eine Kulturpolitik aber, die sich über das allgemeine Wohl nur in leeren Floskeln ergeht, ist bloß ein anderer Ausdruck für Banausentum.

    Am Ungeist einer solchen Gegenüberstellung von Kultur und Gemeinwesen gehen alle Überlegungen zuschanden, wie ein Bekenntnis zu Kunst und Kultur heute aussehen könnte. Die zuständige Politik fördert lediglich den Argwohn. Ihre Vertreter tun, als wäre die Autonomie der Künste das Ergebnis schlaraffischer Zustände, in denen ihre Produzenten leben.

    Kultur dient höherem Bewusstsein

    Kultur ist, mit dem linken Gefängnisinsassen Antonio Gramsci gesprochen, "Besitzergreifen von der eigenen Persönlichkeit". Sie dient dem "Gewinn eines höheren Bewusstseins, durch das man den eigenen historischen Wert, die eigene Funktion im Leben, die eigenen Rechte und Pflichten zu begreifen vermag". Sie dient der Organisation von Teilhabe, indem sie ihre aktiven wie passiven Beiträger lehrt, ein Bewusstsein der eigenen Bedürfnisse auszubilden. Kultur ist das, was im neuen Regierungsübereinkommen de facto nicht aufscheint. (Ronald Pohl, 27.12.2017)

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