Kulturschaffende mahnen Mut zum Zeitgenössischen ein

    22. Dezember 2017, 16:41
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    Das Regierungsprogramm stößt bei Kreativen auf Skepsis – befürchtet werden Stagnation und Einsparungen

    Wien – Kanzleramtsminister Gernot Blümel (ÖVP) hat in einem Gespräch mit der APA erstmals zu seinen Plänen für den Bereich Kunst und Kultur Auskunft gegeben. Viel konkreter als im doch recht allgemein gehaltenen Regierungsprogramm wollte er dabei noch nicht werden. Klar sei, er habe "um die Kultur gekämpft" und werde sich beim Finanzminister einsetzen, um budgetär "möglichst viel herauszuholen".

    "Spielraum" werde es allerdings in den nächsten beiden Jahren "kaum geben", schränkt er schon jetzt ein. Für die Phase danach gebe es "schon Überlegungen". Vordringlich scheint Blümel zunächst der EU-Ratsvorsitz und das Jubiläumsjahr 2018, in dem die Republik und die 100. Todesjahre von Klimt, Schiele und Otto Wagner gefeiert werden wollen.

    Mehr Interesse für das Hier und Jetzt wünschten sich indes Stimmen aus der Kulturszene. So haben die Rektorinnen und Rektoren aller Kunstuniversitäten einen offenen Brief an Blümel gerichtet, in dem daran erinnert wird, dass "Kunst und Kultur mit öffentlichen Mitteln zu fördern bedeutet, sich nicht auf die Erhaltung und Reproduktion des kulturellen Erbes zu beschränken, sondern mit Blick auf die Zukunft vor allem die Entwicklung zeitgenössischer und experimenteller Bereiche zu ermöglichen."

    Gerhard Ruiss von der Interessengemeinschaft Autoren vermisst im Regierungsprogramm "den Hinweis auf die Notwendigkeit der besseren sozialen Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden". Ähnlich sieht das der Schriftsteller Doron Rabinovici: Das Programm sei nicht geprägt von jenem "bürgerlichen Kulturverständnis, das es in der ÖVP ja auch gibt, sondern von einer Gesinnung, wonach sich Kultur vor allem rechnen müsse. Viele, die nicht sofort wirtschaftlich erfolgreich sind, haben Angst, im Stich gelassen zu werden. Jemand wie H. C. Artmann etwa war jahrelang auf Unterstützung angewiesen. Heute ist er ein Star." Und künstlerisches Schaffen könne man nicht "evaluieren wie ein Produkt in der Autobranche".

    Peter Marboe, früherer Wiener ÖVP-Kulturstadtrat, hält Gernot Blümel für die richtige Wahl als Kulturminister und sieht einen Fortschritt darin, dass die Agenden im Gegensatz zur ersten schwarz-blauen Regierung in einem Ministerium anstatt in einem Staatssekretariat angesiedelt sind. Bezüglich drohender Sparmaßnahmen mahnt Marboe, "dass Kunst und Kultur immer ein Risiko sind. Daher muss man auch bei den Förderungen das Risiko nicht scheuen. Dieser grundsätzliche Weg, dass alles immer nur auf sicher zu gehen hat, den habe ich immer infrage gestellt."

    Der bildende Künstler und Filmregisseur Edgar Honetschläger lehnt die Koalition grundsätzlich ab. Man könne "den extremen Rechtsruck politisch ins Globale einbetten und damit ,rechtfertigen' oder sagen: Wir sind in Österreich – es wird schon nicht so schlimm werden. Es geht aber um die Geisteshaltung in der Republik. Der Kampf um ein offenes Österreich dauerte Jahrzehnte. Ich fühle mich von Ansagen wie Camps außerhalb von Wien persönlich bedroht, ebenso wenn der Innenminister sagt: Wenn sich die Leute irritiert fühlen, dann sollen sie das eben."

    Die Film- und Musikwirtschaft äußerte sich positiv zu den Vorhaben der neuen Regierung. Wesentliche Anliegen seien ernst genommen worden, sieht Daniel Krausz eine "konstruktive Basis". Der Obmann des Fachverbands der Film- und Musikwirtschaft würde die Schaffung klarer Kompetenzen und Förderungen abseits des "Gießkannenprinzips" begrüßen.

    Gabriele Gerbasits von der IG Kultur Österreich, die freie Initiativen vertritt, fragt sich, was mit der Forderung "weg vom Gießkannenprinzip" überhaupt gemeint ist: "Das bleibt im Dunkeln. Denkbar ist hier eine gravierende Reduktion von geförderten Projekten und des breiten Kulturschaffens, aber auch – in der positiven Auslegung – die ausreichende Dotierung von Projekten anstelle der tröpfchenweisen Verabreichung."

    Der Ansatz, Kulturschaffende und Interessenvertretungen in die Entwicklung einer gesamtstaatlichen Kunst- und Kulturstrategie für Bund, Länder und Gemeinden mit einzubeziehen, sei aber eine langjährige Forderung der IG. "Das Bundesland Salzburg beispielsweise hat erst kürzlich mit einem breiten Beteiligungsverfahren zum Kulturentwicklungsplan positive Akzente gesetzt."

    Enttäuscht vom vorliegenden fünfseitigen Kulturprogramm zeigt sich Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste: "Was man sich unter 'klarer Ergebnisorientierung' bei Kunst und Kultur vorstellt, ist rätselhaft, vielleicht nur noch Quote, Output, definiert nach willkürlichen Benchmarks?", fragt sie. Der "Parole" "Weg vom Gießkannenprinzip" müsse "heftig widersprochen werden". Denn "kleine und auch größere Pflanzen blühen und gedeihen, wenn sie mit einer Gießkanne gegossen werden, Wasser aus dem Schlauch hingegen zerstört sie, und nur wenige überleben", versucht die Chefin der Bildenden, im Bild zu bleiben.

    Kunst und Kultur heiße "Ideen, Vielfalt, Internationalität und Kooperation". All das müsse öffentlich finanziert werden, so Blimlinger. "Was Kunst und Kultur jedenfalls nicht brauchen, sind 'klare Leitbilder für die Zukunft', denn die Kunst ist frei, und das muss sie auch bleiben." (stew, APA, 22.12.2017)

    • Kulturminister Gernot Blümel sieht vorerst "kaum Spielraum".
      foto: heribert corn

      Kulturminister Gernot Blümel sieht vorerst "kaum Spielraum".

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