Ehe für alle: Bischof Glettler gegen "krampfhafte Gleichschaltung"

Interview25. Dezember 2017, 16:00
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Der bischöfliche Karrieresprung war für Hermann Glettler ein "gewaltiger Schock", die Tiroler Dialekte seien aber "nicht so dramatisch"

STANDARD: Papst Benedikt hat nach seiner Wahl erzählt, er habe gehofft, dass "der Kelch an ihm vor überziehe". Als dann die Entscheidung auf ihn fiel, habe er "keine andere Möglichkeit" gehabt, als das Amt anzunehmen. Die Wege des Herrn seien eben nicht einfach. Jetzt sind Sie nicht Papst geworden, aber immerhin Bischof der Diözese Innsbruck. Ist es Ihnen ähnlich ergangen?

Glettler: Es hat mich zumindest sehr überrascht. Im vergangenen Jahr war ich in Graz Bischofsvikar für Caritas und Mission. Das war ein neues, kreatives Feld, sehr spannend – bis plötzlich Mitte September ein Anruf aus Rom kam. Beim Gespräch in der zuständigen Bischofskongregation lag dann schon der fertige Dienstzettel auf dem Tisch. Im ersten Augenblick ein gewaltiger Schock.

STANDARD: "Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern" heißt es in der Regula Benedicti.

Glettler: Ganz so schnell geht das nicht mit dem Gehorsam. Ich habe versucht, Gegenargumente anzuführen. Etwa, dass ich zwar Theologie und Kunstgeschichte studiert, aber kein Doktorat habe. Die Antwort war deutlich, Papst Franziskus wünsche sich nun mehr Seelsorger im Bischofsamt. Ich sei kein Tiroler und ähnliches mehr ist mir auch noch eingefallen. Aber letztlich verspürte ich einen inneren Frieden und dachte: Bin ich jetzt so wichtig, dass ich Nein sage? Also habe ich Ja gesagt und bin mit dem Nachtzug wieder heimgefahren.

STANDARD: Strebt man nicht als Pfarrer insgeheim ein Bischofsamt an? Oder spießt sich ein Karrieredenken im Namen des Herrn mit dem Auftrag der Barmherzigkeit?

Glettler: Wenn man wahnsinnig genug ist, dann strebt man ein Bischofsamt an. Ein Priester, der tatsächlich darauf spekuliert, weiß nicht, was ihn erwartet – oder hat einen problematischen Wunsch nach Ansehen und Macht. Jesus hat uns eine Karriere nach unten vorgezeichnet. Ein schöner Verweis auf Weihnachten: Der Allerhöchste hat sich ex trem klein gemacht, damit wir ihm begegnen können.

STANDARD: In Ihrer Grazer Heimat waren aber viele nicht überrascht, dass Sie zu höheren Weihen kommen. Ihre Pfarrhaushälterin meinte, immer gewusst zu haben, dass Sie einmal Bischof werden.

Glettler: Diese Reden hat es gegeben, aber ich habe nie nach der Bischofsmütze Ausschau gehalten. Und das macht mich jetzt in meinem Tun auch ziemlich frei.

STANDARD: Ihre ehemalige Haus hälterin bescheinigt Ihnen auch "Herz, Hirn und Humor". Sind das die eigentlichen Insignien bischöflicher Macht?

Glettler: Wäre schön, wenn das ein wenig stimmt. Herzenskraft braucht es unbedingt, weil man als Bischof viele Menschen in eine Gemeinschaft zusammenführen muss. Hirn schadet auch nicht, denn ein eigenständiges Denken ist durchaus von Vorteil. Und Humor ist enorm wichtig – eine Daseinserleichterung.

STANDARD: Der Steirer in Ihnen ist nicht zu überhören. Haben Sie sich in Tirol schon eingelebt, oder gibt es noch grobe Verständigungsprobleme zwischen dem steirischen Oberhirten und den Tiroler Schäfchen?

Glettler: Aus der afrikanischen Community in Graz postete jemand auf Whatsapp: "We lost our Father Hermann. They deported him to Innsbruck, where he even not unterstands the language". Es ist nicht ganz so dramatisch, auch nicht mit den Tiroler Dialekten. Wenn die Menschen merken, dass man sie ernst nimmt und ihre Kultur wertschätzt, wird man herzlich aufgenommen.

STANDARD: Sie waren 19 Jahre Pfarrer in St. Andrä – einem Grazer Stadtviertel mit einem sehr hohen Migrantenanteil und viel Armut. Jetzt haben Sie plötzlich ein Amt mit großer Machtfülle, goldene Gewänder, leben im Bischofshof und sind vor allem mitunter sehr weit weg von den Menschen. Wie schwierig ist auch aus dieser Per spektive der Jobwechsel?

Glettler: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Die Entfremdung von den Menschen, für die man eigentlich da ist, sollte nicht passieren. Papst Franziskus würde sagen: Auch ein Bischof muss den Geruch der Schafe haben. Wichtig ist die innere Verbundenheit mit den Leuten, wenn möglich auch eine Freundschaft mit jenen, die es im Leben schwerhaben. Auf der anderen Seite braucht es für den Auftrag der Leitung auch die nötige Coolness. Ich bin als Bischof nicht für alles verantwortlich. Ich will Eigenverantwortung stärken und die vielen Berufungen und Charismen, die es in der Kirche gibt, aufwecken. Als Bischof muss ich vorangehen und darauf schauen, dass die Kirche ihrem Auftrag treu bleibt. Mein Leben im Multikulti-Stadtteil in Graz war bunt, und jetzt ist es auch wieder bunt. Ich werde mir sicher die Ungeniertheit bewahren, auch einmal abends ins Kino oder auf ein Bier zu gehen.

STANDARD: Apropos bunt: Bei Ihrer Bischofsweihe gab es afrikanische Tänze, Ihr Bischofsstab wurde von Ihrem guten Freund und Grazer Künstler Gustav Troger mit einer Art Discokugel und einer Chilimühle veredelt. Glauben Sie, hat die Bischofskonferenz auf einen Exzentriker gewartet?

Glettler: Bin ich wirklich so ein Exzentriker? Ich weiß es nicht. Es bringt jeder Bischof seine spezifische Persönlichkeit ins Bischofsamt und in die Bischofskonferenz ein. Und wenn es einmal etwas ungewöhnlicher zugeht – ja bitte, warum denn nicht? Wichtig ist, dass wir auf Gottes Signale achten. Unser Leben soll eine Antwort auf seinen Ruf sein.

STANDARD: Sie sind Maler, waren als Pfarrer vor allem auch Kunstvermittler, sind mit zahlreichen namhaften Künstlern auf Du. Sind Sie ein Linkskathole?

Glettler: Dieses Lagerdenken versuche ich zu überwinden. Aber ich weiß um die einschlägigen Außenwahrnehmungen. Ich versuche, die Sorgen des konser vativen Lagers einigermaßen zu verstehen, aber auch die drängenden Anliegen der Liberalen. Als Bischof muss ich Anwalt der Tradition und der Innovation sein. Das ist spannend. Mein Platz als Bischof ist in der Mitte. Wir sollten nicht wertvolle Energie mit kircheninternen Diskussionen vertun. Wir müssen als Kirche auf die Gottessehnsucht unserer Zeit antworten – Jesus beim Namen nennen und die Gesellschaft in seinem Sinne mitgestalten. Wenn es um den Schutz von Schwächeren oder um ethische Grundsatzfragen geht, sind wir als Kirche gefragt, laut und deutlich Stellung zu beziehen. Übrigens verdanke ich meinen Künstlerfreunden sehr viel.

STANDARD: Kontroversiell diskutiert wird auch die vom Verfassungs gerichtshof (VfGH) geöffnete Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in Österreich. Wie stehen Sie dazu?

Glettler: Ich bin bekannt als jemand, der Diversität liebt. Und ich verstehe den Druck, der von Menschen aufgebaut wurde, die in ihrer Lebensführung und sexuellen Orientierung nicht so sein durften, wie sie sind. Auch wir hatten als Kirche Toleranz zu lernen. Menschen sollen in Freiheit ihre Lebenswahl treffen können.

STANDARD: Kardinal Christoph Schönborn sieht das deutlich weniger entspannt. Er meinte, der VfGH verneine die Wirklichkeit und tue der Gesellschaft "nichts Gutes".

Glettler: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Nicht nur ich, sondern die gesamte Bischofskonferenz stehen hinter der Position des Kardinals. Die Ehe als Lebensgemeinschaft von Mann und Frau ist etwas anderes als eine Partnerschaft von Personen gleichen Geschlechts. Kindern das Leben zu schenken ist der unersetzbare Beitrag für die Zukunft unseres Landes. Es geht für unser Zusammenleben etwas verloren, wenn man krampfhaft gleichschaltet, was eigentlich nicht gleich ist.

Standard: Aber die Lebenswirklichkeit ist eine völlig andere, oder?

Glettler: Was meinen Sie? Es gab durch das Rechtsinstitut einer eingetragenen Partnerschaft eine ausreichend rechtliche Absicherung für alle Paare. Die Bezeichnung Ehe hat vielleicht nur mehr eine symbolische Relevanz. Diese jedoch einzuflachen ist eine Verarmung für die Gesellschaft. Ausgerechnet jene, die jahrzehntelang für Respekt vor dem Andersein gekämpft haben, drängen nun auf Gleichschaltung.

Standard: Haben Sie einen Weihnachtswunsch an die neue Bundesregierung?

Glettler: Ich wünsche der Regierung, dass sie Mut für wirkliche Reformen hat und nicht die soziale Kälte im Land salonfähig macht. Bei einigen Punkten des Regierungsprogramms hoffe ich auf ein weihnachtliches Umdenken.

Hermann Glettler (52) ist auf einem Bauernhof in der Steiermark aufgewachsen – und wollte schon als Kind Tischler oder Priester werden. Geworden ist er Letzteres. Nach Jahren als "Künstlerpfarrer" in Graz wurde Glettler am 2. Dezember 2017 zum neuen Bischof der Diözese Innsbruck geweiht.

  • Bischof Hermann Glettler ist überzeugt, nur wenn man "wahnsinnig genug ist, strebt man ein Bischofsamt an". Wohl auch der Grund, warum der Innsbrucker Oberhirte "nie nach der Bischofsmütze Ausschau gehalten hat."
    gerhard berger

    Bischof Hermann Glettler ist überzeugt, nur wenn man "wahnsinnig genug ist, strebt man ein Bischofsamt an". Wohl auch der Grund, warum der Innsbrucker Oberhirte "nie nach der Bischofsmütze Ausschau gehalten hat."

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