Weihnachten in Bosnien: "Das Glück anderer ist immer das eigene Glück"

Video24. Dezember 2017, 13:00
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Zusammenleben funktioniert, wenn keine Religion dominiert oder missioniert, sondern den "Gott im Glauben der anderen" respektiert

"Wenn Weihnachten war, sind wir immer zuerst zu Boro und dann erst in die Schule gegangen." Asim P., ein Muslim, kann sich noch erinnern, wie er als Kind in der Herzegowina bei seinem orthodoxen Freund eingeladen war, um Keške zu essen – ein Hühnerfleischgericht. In Bosnien-Herzegowina war die Tradition, die Feste Andersgläubiger mitzufeiern, weit verbreitet. Auch heute noch beglückwünscht man sich wechselseitig per SMS zu Bajram, Ostern, Chanukka oder Weihnachten.

In Bosnien-Herzegowina leben seit Jahrhunderten Muslime, orthodoxe und katholische Christen und Juden nahe beieinander. Das Land ist in diesem Sinne beispielhaft für Europa. Im Schlechten wie im Guten. Seit dem Krieg (1992–1995) gibt es Gemeinden, in denen der Hass zwischen Christen und Muslimen stärker ist als irgendwo sonst, aber es gibt auch Orte und Zeitpunkte, wo man sich näher kommt als anderswo.

Christbaumschmuck mit muslimischen Namen

Die Koexistenz führt auch zu unbewussten Imitationen. In dem kleinen Balkanland kann man heute Christbaumschmuck mit muslimischen Namen kaufen. Die Art und Weise, wie sich Christen mancherorts beim Gebet bis zum Boden beugen oder über das Gesicht streichen, erinnert an Muslime. Auf bosnischen muslimischen Gräbern sind wiederum – wie bei Christen – sowohl die Namen auf den Grabsteinen eingraviert als auch Kerzen oder Blumen zu finden, etwas, was Muslime anderswo nicht machen.

"Mein Patenonkel, ein Katholik, hat mich immer mit 'Salam' begrüßt", erinnert sich Asim an seine Jugend. Während des Kommunismus erledigten Muslime – wenn die Christen Weihnachten feierten – oft deren Arbeit, damit die Christen frei hatten, was offiziell nicht möglich war. Wenn die christlichen Kinder an diesen Tagen in der Schule fehlten, wurde das von allen akzeptiert.

Imame kommen in die Kirche

"Wir haben die Mechanismen des Zusammenlebens gelernt, und wenn die drei, vier Religionen hier feiern, dann partizipieren die anderen", erklärt der katholische Theologe Ivan Marković. Traditionell besucht man die Nachbarn, die eine andere Konfession haben, am zweiten Tag nach dem Feiertag. Marković ruft zu Weihnachten befreundete Imame an, damit sie in die Kirche kommen und den Christen gratulieren – meist tun sie das nach der Predigt. "Am wichtigsten ist, dass das die religiösen Führer in den lokalen Gemeinden machen, denn dort beten die Menschen, dort geschieht Religion."

Marković selbst feiert auch Bajram. "Heuer war ich in der Moschee, und die Muslime freuten sich, weil sie mich im franziskanischen Habit sahen", erzählt er. Der Grund für wechselseitigen Respekt komme daher, dass man den "Gott im Glauben des anderen" anerkenne, denkt er. "Der Krieg war ein Versuch, dieses positive Gesicht von Bosnien zu töten, das Land zu teilen." Das sei zwar nicht gelungen, aber natürlich hätten sich die Beziehungen verschlechtert.

Herde statt Gemeinde

Leute, die vorher füreinander ihr Leben gegeben hätten, seien im Krieg aufeinander losgegangen. Marković erklärt das so: "Wenn die Angst stark ist, fliehen die Menschen in die Gruppe. Dann sind sie nicht mehr Teil einer Gemeinde, sondern werden zur Herde." Die Nationalisten würden mit dieser Angst, die entmenschliche und zerstöre, operieren. "Angst zu erzeugen, ist teuflisch und gottlos. Sie ist das Geheimnis aller Konflikte." Marković denkt deshalb, dass "Angst wissenschaftlich noch besser analysiert werden muss".

Bosnien-Herzegowina habe auch ein "negatives Gesicht", meint er. Immer wenn eine Gruppe vorgeherrscht habe, überlegen gewesen sei und versucht habe, die anderen zu ihrem Glauben zu bekehren, hätten die anderen Verteidigungsmechanismen entwickelt, sagt der Mann mit dem grauen Schnurrbart und den freundlichen Augen.

Nicht dominieren, nicht missionieren

Wenn man von Bosnien-Herzegowina in diesem Sinne etwas lernen kann, dann wohl am ehesten, dass Zusammenleben nur dann funktioniert, wenn keine Religionsgruppe dominiert oder missioniert, sondern wenn man sich zurücknimmt und die Eigeninteressen nicht in Sondergenehmigungen umwandelt, die andere misstrauisch machen und Neid fördern.

Der islamische Theologe Muhamed Fazlović, der sich bei seinem Studium an der Gregorianischen Universität in Rom auf das Christentum spezialisiert hat, zitiert eine Koran-Sure, in der Muslime aufgefordert werden, Gemeinsamkeiten mit den anderen zu suchen. "Oh, Volk der Schrift, kommt herbei zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch", heißt es da. Als "Volk der Schrift" oder "Volk des Buches" bezeichnet man im Islam auch Juden und Christen. Fazlović kennt unzählige Beispiele, wo sich Christentum und Islam treffen. Etwa wenn es um Christi Geburt geht.

"Es ist mir ein Leichtes"

Auch im Koran fragt Maria den Erzengel Gabriel, wie das möglich sein könne, dass sie ein Kind empfange, "wo mich doch kein Mann berührt hat". Der Engel lässt Gott daraufhin mit dem Satz "Es ist mir ein Leichtes" zu Wort kommen. Das soll wohl vor allem Gottes Allmacht verdeutlichen. Über Jesus sagt er ähnlich entschlossen: "Wir machen ihn zu einem Zeichen für die Menschen, weil wir Barmherzigkeit erweisen wollen, und dies ist eine beschlossene Sache."

Maria verlässt dem Koran zufolge ganz allein ihre Familie und geht an einen "östlichen Ort", weil sie Angst hat, als unverheiratete, schwangere Frau gesteinigt zu werden. Als sie Wehen bekommt, sagt sie: "Oh, wäre ich doch zuvor gestorben und wäre ganz und gar vergessen!" Gott macht sie daraufhin auf die Datteln aufmerksam, die von der Palme fallen, unter der sie sitzt, und auf ein Rinnsal neben ihr. Das Wasser ermöglicht ihr, die Geburt mutterseelenallein zu überleben.

Diener Allahs

Als sie mit dem Kind zurück zu ihrer Familie kommt, sagen ihre Verwandten allerdings empört: "Oh, Maria, du hast etwas Unerhörtes getan." Sie schweigt und zeigt nur auf Jesus. Die Verwandten meinen: "Wie sollen wir zu einem reden, der noch ein Kind in der Wiege ist?" Da sagt Jesus: "Ich bin ein Diener Allahs. Er hat mir das Buch gegeben und mich zu einem Propheten gemacht." Das überzeugte offensichtlich.

"Der Islam ist die einzige nichtchristliche Religion, die an die unbefleckte Empfängnis glaubt", erklärt Fazlović, der an der Islamischen Fakultät in Sarajevo unterrichtet, die Sure und verweist auf "die tiefe Verbindung" zwischen den beiden Religionen. Im Islam gehe es um das Wunder, dass Jesus, ohne gezeugt worden zu sein, zur Welt kam. Jesus ist in der islamischen Glaubenslehre neben Moses, David und Mohammed einer der vier wichtigsten Propheten. Interessant ist auch, dass Maria für Muslime und Katholiken ähnlich wichtig ist, anders etwa als für Protestanten.

Besuch der Priester zum Fastenbrechen

Fazlović pflegt den Kontakt zu Lehrern anderer Religionen – man kennt sich aus dem Schulunterricht. Der junge Wissenschafter berichtet, dass Priester zu den Imamen zum Fastenbrechen (Iftar) während des Ramadans zu Besuch kommen. Die Gemeindeverwaltung von Kostajnica – in dem mehrheitlich von Orthodoxen bewohnten bosnischen Landesteil Republika Srpska – sponsert sogar das Fastenbrechen für Muslime vor der Moschee. In Bosnien-Herzegowina gratulieren einander auch die obersten Vertreter der orthodoxen, katholischen, islamischen und jüdischen Gemeinden zu den Festtagen.

Fazlović, der den bosnischen Großmufti zu den Beziehungen zu Kirchen und religiösen Gemeinschaften berät, erzählt von einer Fatwa, die vor kurzem verfasst wurde, bei der es darum ging, ob es für Muslime richtig sei, Christen zu deren Feiertagen religiöse Wünsche zu übermitteln. Der bosnische Rat der Muftis kam zum Schluss, dass es sich nicht um eine Glaubensfrage, sondern um eine Respektbezeugung handelt, die die interreligiösen Beziehungen fördert. So werden die Glückwünsche von den Muftis sogar empfohlen. Fazlović verweist dabei darauf, dass auch Mohammed christliche Delegationen in der Moschee empfangen habe.

Treffpunkt vor der Kathedrale

Er weiß auch von einer Viber-Gruppe eines befreundeten Katholiken, der seinen muslimischen Freunde zu Bajram eine Gruppenbotschaft schickt. "Unter Tito war das eine Konvention, heute machen das die Leute bewusster", sagt er. In Sarajevo, einer mehrheitlich muslimischen Stadt, treffen sich am 24. Dezember Leute – auch Muslime – gegen Mitternacht vor der katholischen Kathedrale. Das hat weniger mit Religion als mit den Gepflogenheiten in der Stadt zu tun. Man will reden, sich austauschen, ein wenig feiern. Aber es gibt auch Muslime, die Katholiken in die Christmette begleiten.

Ivan Šarčević, der Guardian des Franziskanerklosters Heiliger Anton in Sarajevo, möchte allerdings, wenn es um diese bosnische Tradition geht, nicht "in das Mantra der oberflächlichen Toleranz verfallen". Seit dem Krieg habe die Tradition stark abgenommen. Und es sei ohnehin nicht richtig, "sich umzusehen, wer da betet". In seine Kirche kommen aber nicht nur zu Weihnachten Muslime. Zuweilen ist dort zu sehen, wie sie den Heiligen Anton oder Maria verehren.

Gemeinsame Freude

Die Franziskaner in der rotbemalten Kirche neben der Brauerei sind in ganz Bosnien-Herzegowina für ihre besondere Offenheit bekannt. Nach der Christmette wird mit allen, die da sind, ein wenig mit Essen, Wein und Schnaps gefeiert. Šarčević hält vor allem die gemeinsame Freude für wichtig, wenn es um das Zusammenleben der Religionen geht. "Das Glück der anderen ist immer das eigene Glück", sagt er.

Weihnachten ist jedenfalls für alle Bosnier, egal welcher Religionsbekenntnis, ein Anlass zum Feiern, denn dann kommt die Diaspora aus dem Ausland, und man besucht Nachbarn und Familien. Und nicht nur im Advent kann man in der bosnischen Hauptstadt sakrale Lieder aller Religionen hören. Der Franziskaner Marković hat nach dem Krieg einen Chor gegründet, in dem etwa 50 Bosnier, Christen, Muslime, Juden und Atheisten singen. Der Chor Pontanima – Brücke der Seele – beschäftigt sich mit allen konfessionellen Traditionen. Die Texte sind Hebräisch, Arabisch, Bosnisch, Altkirchenslawisch, Lateinisch und Ladino – die Sprache der sephardischen Juden, die im 15. Jahrhundert nach Bosnien geflüchtet sind.

choir pontanima

Marković spricht von einer "eine Sinfonie der Religionen". Er setzt auf den "Verfremdungseffekt", den Bertold Brecht beschrieb, um den Menschen zu ermöglichen, eine ungewöhnliche Perspektive einzunehmen und Stereotype zu brechen. Das geschieht etwa, wenn Pontanima im Advent das arabisch-islamische Lied "Salla Alejke Allahu" vorträgt. "Danke Allah, Du gabst mir diesen zarten, bezaubernden Buben! Bereits in der Wiege hat er alle Neugeborenen übertroffen", heißt es da. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 24.12.2017)

  • Die Franziskanerkirche Heiliger Anton Sarajevo ist für ihre besondere Offenheit bekannt.
    foto: woelfl

    Die Franziskanerkirche Heiliger Anton Sarajevo ist für ihre besondere Offenheit bekannt.

  • Der Franziskaner Marković hat nach dem Krieg den Chor Pontanima gegründet, in dem etwa 50 Bosnier, Christen, Muslime, Juden und Atheisten singen. Die Texte sind Hebräisch, Arabisch, Bosnisch, Altkirchenslawisch, Lateinisch und Ladino.
    foto: pontanima

    Der Franziskaner Marković hat nach dem Krieg den Chor Pontanima gegründet, in dem etwa 50 Bosnier, Christen, Muslime, Juden und Atheisten singen. Die Texte sind Hebräisch, Arabisch, Bosnisch, Altkirchenslawisch, Lateinisch und Ladino.

  • In Bosnien-Herzegowina kann man heute Christbaumschmuck mit muslimischen Namen kaufen.
    foto: wölfl

    In Bosnien-Herzegowina kann man heute Christbaumschmuck mit muslimischen Namen kaufen.

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